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Veröffentlicht: 06.08.2016, 09:13 Uhr

Brief aus Istanbul Füttere die Krähe, dann hackt sie dir das Auge aus

Die Kader von Fethullah Gülen waren für Erdogan einst gern gesehene Helfer. Heute beichtet der Staatspräsident rührselig, das wahre Gesicht Gülens nicht erkannt zu haben.

von Bülent Mumay
© AFP ... an der Wand, wer ist der Größte im türkischen Land? Der im amerikanischen Exil lebende Fethullah Gülen und der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan.

Im Jahr 2010 wurde in der Türkei per Referendum über eine Verfassungsänderung abgestimmt. Sie ebnete der Regierung den Weg, gestaltend in die Justiz einzugreifen. Um die Liberalen zu beeindrucken, wurden einige kosmetische Artikel, etwa jener über „Kampf gegen Putsche“, in Aussicht gestellt. Auch sonst wurde dem Referendum der Anstrich gegeben, die Verfassungsänderung solle Staatsstreiche verhindern. Es fand am 12. September statt – dem Tag, an dem 1980 die Panzer der faschistischen Junta auf türkische Straßen gerollt waren.

58 Prozent der Bevölkerung stimmten für die Änderung. Danach hielt Erdogan eine seiner berühmten Balkonreden. Beim Dank an seine Unterstützer sendet er zuerst „Grüße nach Übersee“. Abgesehen von den ausländischen Journalisten verstanden alle, wer gemeint war: der in den Vereinigten Staaten lebende Glaubensführer Fethullah Gülen. Zwei Jahre später war Erdogan Ehrengast bei einer „Türkisch-Olympiade“, die Gülen an den von seiner Bewegung auf der ganzen Welt gegründeten Schulen abhalten ließ. Erdogan lud Gülen, der die Eröffnungszeremonie live von seinem Haus in Pennsylvania aus verfolgte, ein, heimzukehren: „Die Sehnsucht soll ein Ende haben.“

Wer ist der Größte im Land?

Was hatte es mit Erdogans Dank an den Glaubensführer in „Übersee“ auf sich, den er in die Türkei zurückrief und dessen Auslieferung er heute von Washington fordert? Die Antwort ist einfach: Mit seinen Kadern in Polizei, Justiz und Bürokratie und seinen Medienorganen half Gülen, Erdogans Macht zu konsolidieren. Die beiden waren quasi eine inoffizielle Koalition eingegangen. Nach dem Referendum verstärkte sie ihre Operationen innerhalb der Armee.

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Hunderte Militärs wurden aufgrund fingierter Indizien wegen angeblicher Putschvorbereitung verhaftet und durch Gülen-nahe Offiziere ersetzt. Genau diese waren es, die den Putschversuch am 15. Juli unternahmen. Erdogan wurde von dem kemalistischen Block in der Armee gerettet, den er Jahre zuvor zu tilgen versucht hatte. Mit dem Korruptionsskandal 2013 entbrannte in der inoffiziellen Koalition von Gülen und Erdogan Streit darüber, wer der Größere von beiden sei. Die Frage, ob sie sich nicht gegenseitig groß gemacht hätten, musste Erdogan nach dem 15. Juli beantworten.

„Der Staatsanwalt bin ich“

Vor dem Religionsrat hat er nun eine Art Beichte abgelegt. Erstmals zeigte er Reue wegen seiner Unterstützung Gülens. Er sagte: „Ich bedauere, das wahre Gesicht dieser tückischen Organisation nicht längst aufgedeckt zu haben. Ich weiß, dass ich mich dafür vor Gott wie auch vor unserer Nation verantworten muss. Mögen mein Gott und meine Nation mir vergeben.“ Und noch etwas Interessantes sagte Erdogan: „Wir haben ernsthafte Zweifel an jenen, die sagen, sie bereuten. Bereuen sie auch wirklich?“ Ob Erdogan auf der Liste derer steht, die „wirklich bereuen“, wissen wir nicht. Wegen „Unterstützung des Putsches und der Gülen-Bewegung“ wurde jedenfalls nicht er verfolgt, sondern es traf unabhängige Journalisten wie mich.

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Als unser Kollege Ahmet Sik 2011 wegen eines Buches verhaftet wurde, in dem er beschreibt, wie die Gülen-Bewegung sich im Polizeiapparat organisierte, gingen wir auf die Straße. Erdogan hingegen stellte sich hinter die Gülen-treuen Polizisten. Als wir die Intrigen gegen jene Militärs verurteilten, die ihn nun retteten, stärkte er der Gülen-Bewegung den Rücken. Er sagte: „Der Staatsanwalt in diesem Prozess bin ich.“ Lieber Leser, lassen Sie uns diesen Gedankengang mit einer türkischen Redewendung abschließen: „Füttere die Krähe, dann hackt sie dir das Auge aus.“ Oder mit einem Ausspruch Erdogans, mit dem er die Gezi-Demonstranten diffamieren wollte: „Mann, ihr wart doch alle dabei!“

Bizarres Geschehen

In Amerika sagt man: „Size matters.“ Die Türkei, von der eine kleine Rechtspartei in den fünfziger Jahren sagte: „Wir schaffen ein kleines Amerika“, hat dieses Motto adaptiert. In diesem Land prahlt man stets mit Größe. Nicht allein Erdogans Palast mit seinen tausend Räumen ist groß. Auch auf das Gerichtsgebäude im Istanbuler Stadtteil Çaglayan, den sie „den größten Justizpalast“ Europas nennen, ist man hier stolz – vorerst ist es nicht die Größe unserer Justiz, auf die wir stolz sind, aber wer weiß, vielleicht kommt das noch. Derzeit führt die Polizei täglich Dutzende Menschen in diesen Justizpalast. Die Begründung für die Festnahmen und Verhaftungen lautet meistens: „Unterstützung des Putsches und von Fethullah Gülens Terrororganisation“.

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Eine der seltsamsten Festnahmen im Zuge dieser zur Hexenjagd ausgearteten Operationen haben wir gerade erlebt. Der marxistische Historiker Candan Badem wurde festgenommen, da sich unter den Tausenden von Büchern in seinem Haus auch eines von Fethullah Gülen fand. Badem ist seit langem als scharfer Kritiker der Gülen-Bewegung bekannt. Vielleicht ist es dem starken Gegenwind in der Öffentlichkeit und in den sozialen Medien geschuldet, den seine Festnahme auslöste, dass er mittlerweile wieder frei ist. Einer, der sich darüber freute, war der Musiker Servet Kocakaya. Wie bizarr das derzeitige Geschehen ist, verdeutlicht sein Tweet: „In der Türkei wurde erstmals ein Mensch freigelassen, weil er gesagt hatte: ,Ich bin Atheist und Marxist‘!“

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