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Brief aus Istanbul : Veralbern Sie uns nicht, Herr Gabriel

  • -Aktualisiert am

Es soll, ganz im Sinne der Geisel Deniz Yücel, keine schmutzigen Deals gegeben haben, beteuert der Bundesaußenminister: Sigmar Gabriel mit Springer-Chef Matthias Döpfner bei einer Pressekonferenz zur Freilassung des „Welt“-Korrespondenten. Bild: EPA

Auf einmal nennt der deutsche Außenminister die Türkei doch wieder einen großartigen Rechtsstaat: Deniz Yücel ist aus der Haft freigekommen, doch welchen Preis zahlt die Bundesregierung dafür an Erdogan?

          In dem Brief, den Sie soeben zu lesen begonnen haben, geht es ein wenig sentimental zu. Das Thema betrifft meine Journalistenkollegen und mich unmittelbar, da kann ich journalistische Objektivität nicht vollständig wahren. Das sei vorausgeschickt. Jeder freut sich darüber, dass Deniz Yücel frei ist, gleich ob er ihn persönlich kennt. Die Freude von Menschen wie mir, die mit Deniz befreundet sind, ist natürlich besonders groß. Er gehörte zu den wenigen, die es bekanntmachten und vor dem Gericht auf mich warteten, als ich eines Morgens nach dem Putschversuch 2016 aus dem Haus heraus festgenommen wurde.

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          Ein paar Jahre zuvor hatte die Jugendorganisation von Erdogans Partei die Zeitung, für die ich damals tätig war, wegen einer Meldung gestürmt. Nachdem mitten in der Nacht von Steinen und Knüppeln die Scheiben zu Bruch gegangen waren, kam durch die Hintertür des Gebäudes einzig und allein Deniz zu einem Solidaritätsbesuch in die Redaktion. Er war gewissermaßen noch vor der Polizei bei uns. Deshalb traf mich seine Festnahme besonders, und dass er nun wieder bei seinen Lieben ist, gehört für mich zu den besten Nachrichten der letzten Zeit.

          Nichts von alledem, was im Zuge seiner Freilassung geschah, kann die Freude über seine Freiheit überschatten. Ein Statement aus Berlin aber hat die mehr als 150 Journalisten, die noch hinter Gittern sitzen, die Zigtausenden Angestellten des öffentlichen Dienstes, denen Job und Pass genommen wurde, Hunderte Wissenschaftler und sämtliche politischen Gefangenen in der Türkei zutiefst verletzt.

          Das Ziel war nicht Deniz Yücel allein

          Deniz Yücel war vor einem Jahr festgenommen worden. Vom Polizeipräsidium, wohin er zu Fuß gegangen war, um seine Aussage zu machen, wurde er dem Gericht überstellt und kam ins Gefängnis. Wie stets fiel es zunächst Erdogan und anschließend den von ihm kontrollierten Propagandamedien zu, sich gegen die wachsenden Proteste zu stellen und Argumente für die Verhaftung zu liefern. Wenige Tage nach dem Haftbefehl erklärte Erdogan bei einer Feier: „Deniz Yücel ist ein deutscher Agent und PKK-Terrorist. Uns liegt Bildmaterial vor, er ist ein Terrorist!“ Kurz darauf sagte er in einer Livesendung im Fernsehen: „Solange ich im Amt bin, überstellen wir Deniz Yücel auf keinen Fall.“ Für alle, die das Geschehen in der Türkei nicht ständig verfolgen, sei angemerkt: Erdogan ist nach wie vor im Amt.

          Bülent Mumay

          Auf diese Erklärungen vom Palast hin wurde auch die regierungsnahe Presse aktiv. „Nicht Journalist, sondern PKK-Terrorist!“, „Terrorist wie man ihn kennt“, „Das sind Deniz‘ Terror-Aktivitäten“, „Deutschland hat Angst, dass Agent Deniz singt“ – die Schlagzeilen sollten der Öffentlichkeit verdeutlichen, wie gefährlich Deniz Yücel sei, und seine Verhaftung legitimieren. Erdogans Worte wie auch diese hässlichen Schlagzeilen zielten selbstverständlich nicht auf Deniz Yücel allein. Er war für Forderungen an Berlin, das gegen Erdogan und seine Partei ein Auftrittsverbot für Deutschland verhängt hatte, als Geisel genommen worden. Eigentliches Ziel war es, den Nationalismus für das Referendum anzuheizen, das zwei Monate darauf stattfinden sollte. Alle, auch jene, die ihn inhaftierten, wussten, dass Deniz Yücel lediglich seinen Job als Journalist ausgeübt hatte. In der Zwischenzeit sorgte, ganz unabhängig von Deniz, noch vieles andere für Spannungen zwischen den beiden Ländern. Es gab Gespräche auf heimlichen Kanälen wie auch gegenseitige Provokationen. Für Deniz‘ Freilassung geschahen Dinge, die uns türkische Journalisten vor Neid erblassen ließen. Autokorsos in Berlin, nicht enden wollende Proteste der Öffentlichkeit, deutsche Medien hielten die Verhaftung unablässig auf der Agenda, Politiker machten für Deniz’ Freilassung mobil – Dinge, die für uns nicht getan wurden.

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