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Brief aus Istanbul : Schlagt den Ungläubigen den Kopf ab

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Während der dreiunddreißig Jahre seiner Herrschaft büßten die Osmanen 1.592.806 Quadratkilometer Land ein: Abdülhamid II. auf einer patriotischen Karte aus dem Sommer des Jahres 1908. Bild: Picture-Alliance

Die gleichgeschalteten Medien in Erdogans Türkei kennen nur noch nationalen Furor. Mit Serien, die das Reich der Osmanen preisen, geht das Fernsehen voran.

          Die Türkei ähnelt einem Blumenstrauß, dessen Farben von Tag zu Tag blasser werden. Dank eines Regimes, das jeden Morgen ein Stück autoritärer wird, verschwinden der Reihe nach die Farben und Gerüche des Landes. Demokratische Errungenschaften und das mehr als zweihundert Jahre währende Bestreben der Verwestlichung werden ausgesetzt. Die Regierung, der nichts blieb als der in den Himmel gehobene, in religiöse Sauce getunkte Nationalismus, gibt sich nicht damit zufrieden, die Blumen, die sich nicht angleichen ließen, verwelken zu lassen. Obendrein knickt sie sie ab und wirft sie weg. Da außenpolitisch keine Siege eingeheimst und in der Wirtschaft kein Wohlstand erzielt werden konnten, kühlt die Regierung ihr Mütchen an „der anderen Hälfte“. Die „Anderen“ macht sie für die eigenen fünfzig Prozent zur Zielscheibe und schürt die Polarisierung. Das Glücksgefühl, das sie mit eigenen Leistungen nicht vermitteln kann, gibt sie der eigenen Basis, indem sie deren Wut verstärkt und die Opposition verteufelt.

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          Das geeignete Instrument für diese Taktik sind zweifellos die inzwischen vollständig gleichgeschalteten Medien. Insbesondere die beim staatlichen Sender TRT in Auftrag gegebenen nationalistischen Serien mutieren zu Dokumentationen der Regierungspropaganda. Die Fernsehserien, bei denen Erdogan persönlich auf dem Set erscheint und für die er Galas in seinem Tausend-Zimmer-Palast veranstaltet, strotzen von Tiraden der Helden, die zur aktuellen Regierungspolitik passen. Liegt Erdogan etwa gerade mit einem Staat in Europa im Clinch, muss sich der Gesandte des entsprechenden Landes in einem historischen Osmanenschinken herunterputzen lassen.

          Ganz offensichtlich werden diese Serien konzipiert, um die AKP-Wählerschaft zu konsolidieren, um vom größten Wählerkuchen der Türkei, den Nationalisten, mehr Stücke abzubekommen. Bilder in den sozialen Medien belegen, dass die Regierung den gewünschten Erfolg tatsächlich erzielt. An den Sendetagen werden begeistert Bilder in den Netzwerken geteilt, auf denen Fans mit Schild und Schwert gerüstet beim Serienschauen zu sehen sind. Bei den Kampfszenen türkischer Soldaten ertönen nicht nur auf dem Schlachtfeld „Allah Allah“-Rufe, sondern auch in den Wohnzimmern. Wird gegen ein christliches Heer gekämpft (was meist der Fall ist), brüllen die Zuschauer: „Schlagt den Ungläubigen den Kopf ab!“

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          Manchen reicht es nicht, beim Zuschauen gegen den imaginierten Feind ebenfalls den Säbel zu schwingen. Allein macht das nicht so richtig Spaß. So treffen sich die Männer in den Kaffeehäusern im Viertel und frönen gemeinsam dem „Schlachtentaumel“. Eine türkische Nachrichtenagentur berichtete in der vergangenen Woche, Männer legten historische Heldenkostüme an, wenn sie „Dirilis: Ertugrul“, die Serie über den Vater des Gründers des osmanischen Reichs, schauten. Auf die Frage des Reporters, warum sie das täten, sagten sie ihm ins Mikrofon: „In diesen Kleidern fühlen wir uns wie damals. Es ist, als würden wir selber kämpfen und nicht die Darsteller.“

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