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Brief aus Istanbul : „Frauen sollten dankbar sein, verprügelt zu werden“

  • -Aktualisiert am

Wenn Frauen in Ankara, wie hier am vergangenen Sonntag, für ihre Rechte auf die Straße gehen, setzt die Polizei erst Reizgas ein. Dann wird sie handgreiflich. Bild: AFP

Das Unrecht hat in der Türkei viele Gesichter. Ein Gefangener stirbt in der Haft, eine Frau wird von einem Mann bedroht, den die Justiz nicht wirklich verfolgt, die Polizei schlägt auf Demonstrantinnen ein: Internationaler Frauentag in Erdogans Reich.

          Dank des zweiten der vier Kalifen, die nach dem Tod des Propheten Mohammed die Führung der islamischen Gemeinschaft übernahmen, etablierte sich ein gemeinsamer Begriff in den Sprachen der Gesellschaften mit muslimischer Mehrheit, wie die Türkei sie eine ist: die „Kalif-Omar-Gerechtigkeit“. Die gerechten Maßnahmen Omars in den gut zehn Jahren seines Kalifats im siebten Jahrhundert werden von Generation zu Generation überliefert. Er gehört zu den bedeutendsten Oberhäuptern der islamischen Geschichte, weil er eine gerechte Ordnung einsetzte, das staatliche Vermögen paritätisch unter den Muslimen verteilte, jeden in der Führungsriege sorgfältig kontrollierte und sich nicht unnötig aus dem Staatsetat bediente.

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          Diese Haltung des zweiten Kalifen wurde in der türkischen Politik gern für Kritik herangezogen: Islamistische Parteien, über Jahrzehnte in der Opposition, forderten häufig eine Kalif-Omar-Gerechtigkeit von den Regierungen ein. Nicht ganz zu Unrecht. Denn Gerechtigkeit war im Land nie wirklich garantiert. Allerdings war die Türkei auch zu keiner Zeit dermaßen der Ungerechtigkeit preisgegeben wie unter der Herrschaft jener Parteien, die jahrelang nach Kalif-Omar-Gerechtigkeit gerufen hatten. Die von der seit sechzehn Jahren regierenden AKP vollständig politisierte Justiz sorgt täglich für neue Tragödien. Die Zeiten, die wir unter einer islamistischen Regierung erleben, würden Kalif Omar veranlassen, sich im Grabe umzudrehen.

          Beginnen wir mit der Geschichte, die das Gewissen hierzulande letzte Woche besonders stark belastet hat. Der 42 Jahre alte Gökhan Açikkollu war bis zum Putschversuch im Juli 2016 als Lehrer an einem staatlichen Gymnasium in Istanbul tätig. Neun Tage darauf wurde er als „Putschist und Terrorist“ frühmorgens aus der Wohnung geholt, vom Dienst suspendiert und dreizehn Tage lang in Polizeihaft festgehalten. Bei den medizinischen Routine-Untersuchungen berichtete er den Ärzten von Misshandlungen durch die Polizisten und wies die Prügelspuren an seinem Körper vor. Aussagen seiner Angehörigen zufolge kam er zweimal ins Krankenhaus, nachdem er bewusstlos geschlagen worden war. Am dreizehnten Tag in Polizeihaft gab sein Herz auf. Laut der türkischen Menschenrechtsstiftung starb er an einem Herzinfarkt infolge der Tortur.

          Bülent Mumay

          Gegen die für diesen Tod Verantwortlichen wurde selbstverständlich gar nichts unternommen. Die Repression gegen den Lehrer Açikkollu setzte sich indes auch nach seinem Tod fort. Obwohl kein Urteil wegen Putschbeteiligung gegen ihn vorliegt, wurde ihm das Totengebet verweigert, weil die Religionsbehörde Diyanet angeordnet hatte, für „Verräter“ werde nicht gebetet. Die Familie organisierte die Beerdigung selbst. Seither gingen anderthalb Jahre ins Land. Nun tauchte in der Presse ein Dokument mit dem Namen des vom Staat als „Putschist und Terrorist“ und vom Diyanet als „Verräter“ erachteten Lehrers auf. In einem Schreiben des Erziehungsministeriums an die Schule, an der Açikkollu Dienst tat, heißt es: „Die Suspendierung des Gökhan Açikkollu ist aufgehoben. Sie können die Formalitäten für die genannte Person erledigen.“ Die Person aber lebt nicht mehr, es gibt keine Formalitäten mehr zu erledigen. Eineinhalb Jahre nach dem Tod des Lehrers am dreizehnten Tag in Polizeihaft ist nun seine Unschuld erwiesen.

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