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Brief aus Istanbul : Deutschland ärgern, Hans in den Wahnsinn treiben

  • -Aktualisiert am

Könnte künftig aus einem einheimischen Auto grüßen: Präsident Erdogan grüßt im Sommer 2016 beim Verlassen seines Amtssitzes in Ankara Anhänger. Bild: Picture-Alliance

Praktisch alle Regierungen des Landes träumten schon davon, 1961 kam ein Prototyp gerade einmal hundert Meter weit: Warum Staatspräsident Erdogan unbedingt will, dass die Türkei ihre eigenen Autos baut.

          Als den Osmanen im 19. Jahrhundert bewusst wurde, dass sie ins Hintertreffen geraten, trieben sie Reformen voran, um den Niedergang zu verhindern. In vielen Gegenden unter ihrer Herrschaft, vor allem in Europa, hatte die durch die Französische Revolution befeuerte Nationalismus-Welle Unabhängigkeitsbewegungen ausgelöst. Auch die Industrielle Revolution hatte man verpasst, den Osmanen entglitt die regionale Vormacht, Reformen wurden unabdingbar.

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          Die Erneuerungsbewegung nahm ihren Anfang in der Armee, dehnte sich aber auf weitere Lebensbereiche aus. Schulen nach europäischem Modell öffneten, Studenten wurden nach Europa geschickt. Ein auf Gleichbehandlung beruhendes Steuersystem wurde eingeführt, nichtmuslimische Minderheiten wurden den muslimischen Osmanen rechtlich gleichgestellt. Es galt, den Zerfall zu verhindern und sich in die neue Weltordnung zu integrieren. Zugleich wollte man Interventionen des Westens in innere Angelegenheiten vermeiden, indem man Minderheiten mehr Rechte gab.

          Die Modernisierung im 19. Jahrhundert trug auch im kulturellen Leben Früchte. Unabhängige Zeitungen und Verlage wurden gegründet, Literatur und Denken blühten auf. Europäisch gebildete Intellektuelle mit Fremdsprachenkenntnissen übersetzten ausländische Werke ins Türkische und schrieben selbst Bücher. Einer von ihnen, Recaizade Mahmud Ekrem, verfasste den ersten realistischen Roman der türkischen Literatur. Ekrems „Auto-Leidenschaft“ (Araba Sevdasi) von 1898 erzählt eine Liebesgeschichte, handelt aber vor allem von der Verwestlichung im Istanbul des 19. Jahrhunderts. Der Held Bihruz, ein junger Snob, bewundert die französische Kultur. Als reicher Erbe hat er nur eines im Sinn: teuer gekleidet mit seinem Auto durch Istanbul spazieren zu fahren. Auf den ersten Blick spielt Bihruz die Hauptrolle in dem Buch, einer Kritik falsch verstandener Verwestlichung, tatsächlich aber ist die stärkste Kraft des Romans das Auto selbst.

          Erfolgsstory dringend benötigt

          Die Bedeutung, ein Auto zu besitzen, hat sich hierzulande seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert, als der Roman geschrieben wurde, kaum geändert. Nach dem Erscheinen des Romans zerfiel das Osmanische Reich, die in seiner Nachfolge gegründete türkische Republik ist bald ein Jahrhundert alt. Da sich die Einkommenskluft zwischen den Schichten kaum geändert hat, ist es noch immer ein Privileg, ein Auto zu besitzen. Und praktisch alle Regierungen träumten davon, ein „heimisches Auto“ zu produzieren. Seit Ende der sechziger Jahre werden in Kooperation mit europäischen und amerikanischen Unternehmen Autos in der Türkei hergestellt. Doch heikle Teile wie Motoren werden aus dem Ausland importiert, Ersatzteile und billige Arbeitskräfte dagegen stellt unser Land.

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Da der Privatsektor nicht den Mut zum Aufbau einer vollständig nationalen Autoproduktion aufbrachte, trat 1961 der Staat in Aktion. Nun sollte ein einheimisches Auto produziert werden, zugleich benötigten jene, die ein Jahr zuvor im Zuge des ersten Putsches in der Republiksgeschichte den gewählten Ministerpräsidenten hingerichtet hatten, eine Erfolgsstory. Der nach dem Coup zum Staatspräsidenten gewählte Cemal Gürsel ordnete das Projekt an. Im Juni 1961 wurden Ingenieure aus der Eisenbahnfabrik Eskisehir nach Ankara gerufen. Die Weisung lautete: „Baut ein heimisches Auto!“ Die gesetzte Frist war kurz: „Es soll bis zu den Feierlichkeiten zum Tag der Republik am 29. Oktober fertig sein!“

          Das erste einheimische Auto fuhr hundert Meter weit

          Zurück in Eskisehir begann für die Ingenieure ein Rennen gegen die Zeit. Sie fertigten in nur 129 Tagen das erste einheimische Auto der Türkei: „Devrim“ (Revolution) nannten sie es. Nach der Endkontrolle am Abend des 28. Oktobers wurde es in Eskisehir per Güterwaggon nach Ankara auf den Weg gebracht. Damit die Funken aus dem Schornstein der Lokomotive nicht gefährlich werden konnten, hatte man den Benzintank geleert. Gegen Morgen erreichte der Zug Ankara. Zum Manövrieren wurden das Auto mit einigen Litern Benzin betankt. Erst am Bahnhof in der Nähe des Parlaments, wo die Feiern zum 29. Oktober stattfanden, sollte es voll getankt werden.

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