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Brief aus Istanbul : Der letzte Sultan übte sich in Aktmalerei

  • -Aktualisiert am

Recep Tayyip Erdogan hält vor dem Präsidentenpalast in Ankara eine Rede. Bild: dpa

Die türkische Regierung lügt sich die Geschichte zurecht und macht das Volk fromm: Nirgendwo werden aktuelle Krisen mit Hilfe der Religion so verschleiert wie in der Türkei.

          „Religion ist Opium des Volkes.“ Der berühmteste Spruch aus Karl Marx’ Buch „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ von 1843 besagt, Religion mache das Volk glücklich, indem sie es, wie ein Betäubungsmittel, von seiner objektiven Wirklichkeit entfernt. Sie verschleiere aber die Wahrheit und verhindere, dass die Menschen für ihr wahres Glück kämpfen.

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          Diese Auffassung wurde heftig diskutiert und war zugleich bahnbrechend. Wie hätte Marx ahnen können, dass nahezu zwei Jahrhunderte später Religion weniger das Volk als vielmehr die Politiker glücklich macht? Hätte er in der heutigen Türkei gelebt, hätte er erlebt, wie die Regierung in jeder Krise das „wahre Glück“ aufschiebt, indem sie unverzüglich ein religiöses Thema auf die Agenda setzt. Er hätte gesehen, wie die Politiker die Wahrheit verschleiern und ihr eigenes Glück steigern.

          Selbstverständlich ist es kein neues Phänomen, dass Politik die Religion benutzt. Allerdings werden nirgends aktuelle Krisen auf eine solche Weise wie in der Türkei mit Hilfe der Religion verschleiert. Wohlgemerkt, wir sprechen von einem Land, dass laut Verfassung säkular ist. Es kommt zu einem ökonomischen Engpass? Um die Agenda zu ändern, wird sogleich ein Schritt unternommen, der dem frommen Volk gefallen wird. Beispielsweise werden die Tageszeiten eingeschränkt, an denen Spirituosen verkauft werden dürfen. Es gibt einen Korruptionsskandal? Sogleich wird ein Verbot koedukativer Wohnheime verkündet.

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          Aus der aktuellen Not hilft heute wieder das gewisse Opium. Die Regierung steckt nach der Krise mit der EU in erheblichen Schwierigkeiten mit den Vereinigten Staaten, die Wirtschaftskrise sucht sie mit neuen Schulden zu überwinden, dem Volk bürdet sie neue Steuern auf, um das Haushaltsdefizit zu stopfen, zudem ist sie weit von den angestrebten 51 Prozent bei den Wahlen 2019 entfernt, also greift sie zu dieser Waffe. Dann erklärte sie unversehens, Geistliche zu offiziellen Eheschließungen ermächtigen zu wollen.

          Es sollte ablaufen wie gewohnt: Das Thema würde hitzig diskutiert werden, die laizistischen Kreise im Land würden sich wehren, infolgedessen würde sich die verbliebene konservative Mehrheit um die Regierung scharen. Auf diese Weise konsolidiert die Regierung ihren Stimmenanteil, sobald sie ihre Unterstützung schwinden sieht. Und es kam wie erwartet: Die Menschen, die kaum noch für ihr Auskommen sorgen können, wurden mit der Imam-Ehe zufriedengestellt.

          Bei den Gezi-Protesten 2013 war es nicht anders. Um die Demonstranten zu marginalisieren und für den Rest der Gesellschaft in Gegner zu verwandeln, wurden religiöse Gefühle bemüht, obendrein mit hochgefährlichen Fake News: Aktivisten hätten in der Moschee, in die sie vor der Polizei geflüchtet waren, Alkohol getrunken; Protestierer mit nacktem Oberkörper in Lederhosen hätten eine Frau mit Kopftuch angepinkelt. Beides war natürlich gelogen. Doch damit waren für breite Kreise die Gezi-Aktivisten zu Gegnern gemacht worden. Es war gelungen, die eigenen Reihen, die sich aufzulösen drohten, zu schließen.

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