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Brief aus Istanbul : Das ist das Bild der neuen Türkei

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Hand in Hand für Erdogan: Der Geistliche Ahmet Mahmut Ünlü, genannt Ahmet Hodscha, kann Generalstabschef Hulusi Akar nicht schnell genug die Hand geben Bild: Twitter

Auf der Kundgebung „für Demokratie und Märtyrer“ in Istanbul zeigt sich, wer im türkischen Staat, wie ihn Recep Tayyip Erdogan beschwört, mit wem gemeinsame Sache macht.

          1961, ein Hotelzimmer in Paris: Nâzim Hikmet, der bekannteste türkische Lyriker, sitzt mit seinem Freund Abidin Dino, einem Pionier der modernen Malerei, vor dem Dachgeschossfenster mit Blick auf die Seine. Dino zeichnet, Nâzim schaut dem Freund zu. Er greift zum Heft, er notiert eine Zeile, die legendär werden sollte: „Kannst du das Bild vom Glück malen, Abidin?“

          Fünfundfünfzig Jahre später, Istanbul. Die größte Kundgebung in der Geschichte des Landes, Demokratie- und Märtyrer-Meeting genannt: Millionen versammeln sich auf dem eigens für solche Kundgebungen geschaffenem Platz in Yenikapi, wo der Bosporus ins Marmarameer mündet. Es soll der Abschluss werden der an zahlreichen Orten der Stadt abgehaltenen Demokratie-Mahnwachen gegen den Putsch, zu denen man gratis mit dem öffentlichen Nahverkehr fahren konnte. Ein Schnappschuss von der Kundgebung unter der „Schirmherrschaft“ des Staatspräsidenten erinnert an Nâzims Zeile: „Kannst du ein Foto von der Neuen Türkei machen?“

          Das Foto der „Neuen Türkei“

          Ich weiß nicht, ob das Bild vom Glück je gemalt wurde, das Foto von Erdgoans „Neuer Türkei“ aber wurde am vergangenen Sonntag geschossen. Es verbreitete sich über die sozialen Netzwerke und zeigt die offizielle Verkündigung von Erdogans „Neuer Türkei“: Generalstabschef Generaloberst Hulusi Akar, wenige Wochen zuvor von Gülen-treuen Offizieren als Geisel genommen, schüttelt dem Scheich eines anderen religiösen Ordens auf dem Kundgebungsplatz die Hand.

          Yalçin Akdogan, ein einflussreicher Mann in der AKP, hatte angesichts der Anti-Gülen-Operationen die „anderen Gemeinschaften“ beruhigt: „Keine Sorge, die Operationen richten sich nicht gegen Euch.“ Nach dieser Verlautbarung strömten die Prediger am Sonntag euphorisch auf den Platz, auf dem sich mehrheitlich Erdogan- und AKP-Anhänger versammelt hatten. Der populärste unter ihnen, Ahmet Mahmut Ünlü, genannt Ahmet Hodscha mit Kutte, steuerte bei seiner Ankunft sogleich auf den Generalstabschef zu und gab ihm ohne zu zögern die Hand.

          Einer der Gründe für die als postmoderner Putsch in die türkische Geschichte eingegangene Intervention vom 28. Februar 1997 war, dass der damalige islamistische Premierminister Erbakan Ordensführer ins Amt geladen und mit Handschlag begrüßt hatte. Wie schön, dass die Türkei sich rasant „normalisiert“: Der Generalstabschef, der vor einigen Monaten als Trauzeuge bei der Hochzeit von Erdogans Tochter auftrat, schüttelt bei einer Anti-Putsch-Kundgebung einem „in Liebe zur Demokratie entbrannten“ Ordensführer die Hand.

          Im Namen der Demokratie

          Seit Jahren bezeichnet die AKP den Generalstabschef Akar als „an die zivile Macht gebundenen Beamten“. Auch nach dem Putschversuch ist sie bestrebt, ihn gesetzlich dem Verteidigungsministerium zu unterstellen. Von der Bühne aus sprach er zu Millionen von Menschen, genau wie die geladenen Führer der Oppositionsparteien. Seit Kenan Evren, dem Junta-Chef des Putsches von 1980, hatte kein General mehr auf einer Kundgebung zu Zivilisten gesprochen.

          Das war nicht das einzige Novum auf dieser Veranstaltung „für Demokratie und Märtyrer“. Erstmals traten Staatspräsident, Premierminister und Oppositionsführer gemeinsam auf. In ihren Reden verurteilten sie den Putschversuch. Ebenfalls zum ersten Mal wurden Oppositionsführer auf einer Kundgebung ausgebuht, aber nun gut. So etwas muss man im Namen der Demokratie wegstecken können.

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