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Brief aus Istanbul : Das Hass-Klima der neuen Türkei

  • -Aktualisiert am

Ein Artikel wie eine Anklageschrift: Die türkische Zeitung Akşam knöpft sich auf der ersten Seite den deutschen Journalisten Frank Nordhausen vor. Das Blatt gehört dem Unternehmer Ethem Sancak, einem Vorstandsmitglied von Erdogans Partei. Bild: Akşam

Der türkische Staatspräsident Erdogan, seine Minister und die der Regierung hörigen Medien gießen jeden Tag Öl ins Feuer. Sie hetzen gegen Deutschland, die Opposition und gegen Einzelne.

          Bei den jüngsten Spannungen zwischen Deutschland und der Türkei meinen beide Seiten aus diversen Gründen, sie seien im Recht. Wenn Sie Ankara fragen, „schützt, ja unterstützt Deutschland Terroristen, versucht uns zu spalten, ist eifersüchtig auf unseren dritten Istanbuler Flughafen, will nicht, dass wir wachsen“. Die Anschuldigungen ließen sich fortführen. Die Regierung in Berlin dagegen klagt vor allem über die Bezichtigungen aus Ankara, die bis hin zu den Nazi-Vergleichen gehen, über die Inhaftierung deutscher Staatsbürger in der Türkei und zuletzt über Erdogans Einmischung in die Bundestagswahlen.

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
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          Die gegenseitigen Schuldzuschreibungen verstellen zweifellos Dialog und Diplomatie den Weg. Was auf gesellschaftlicher Ebene hinter den Ereignissen steckt, kann ich für Deutschland nicht genau sagen. Doch ich will Ihnen von einem Klima berichten, das auf türkischer Seite hinter diesen Spannungen steckt und das bei den täglichen Nachrichten in der europäischen Presse leicht zu übersehen ist: vom Klima des Hasses, das die AKP-Regierung in den vergangenen Jahren in der Türkei anheizte, selbst steuerte und nun die Früchte erntet.

          Von einer autoritären Vaterfigur regiert

          Es gibt eine Zeitenwende in Bezug auf das Erdogan-Regime, über die sich praktisch sämtliche Seiten in der Türkei einig sind: 2010. Das Jahr, in dem Fethullah Gülen, der damalige inoffizielle Partner Erdogans, mit seiner Bewegung begann, die Verfassung zu ändern und den Staat umzubauen. Nach diesem Jahr, in dem Erdogan meinte, auf dem Gipfel seiner Macht zu sein, war nichts mehr wie zuvor. Der polarisierende Diskurs schwoll an, es kam zu Auseinandersetzungen mit fast allen Kreisen der Gesellschaft. Die negativen Signale, die zu diesem Zeitpunkt von der EU kamen, und Gründe wie Unstimmigkeiten bei zahlreichen Themen mit den Vereinigten Staaten und regionalen Akteuren, vor allem mit Syrien, spielten sicherlich eine Rolle dafür, dass Erdogan sich abschottete. Als er auf dem Gipfel seiner Macht stand und sich zugleich mit dem Europäischen Klub auf unzähligen Gebieten überwarf, wurden die Samen des Hass-Klimas gesät.

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          2012 erklärte Erdogan, eine „fromme Generation heranziehen“ zu wollen, und unternahm im Eiltempo erste Schritte, die das säkulare Leben im Land gefährdeten. Die Zahl der Gymnasien zur Ausbildung von Predigern wurde erhöht, dem Curriculum normaler Schulen wurden weitere Religionsstunden hinzugefügt. An vielen Schulen wurde die Koedukation abgeschafft. Das Internet wurde zensiert, Websites über die Evolutionstheorie wurden blockiert. Wir wurden von einer autoritären Vaterfigur regiert. Wir hatten einen Vater, der uns unablässig vorschrieb, was wir zu tun hätten, und uns immer wieder unsere Grenzen ins Gedächtnis rief. Die Zeiten für Spirituosenverkauf wurden beschränkt, Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit wurde verboten. Erdogan verstieg sich gar zu dem Statement: „Wer Alkohol trinkt, ist Alkoholiker.“

          Die Antwort auf die leiseste Kritik: „Landesverrat!“

          Selbstverständlich bekamen auch Frauen ihr Fett weg bei diesen „väterlichen Ermahnungen“. Erdogan empfahl allen, mindestens drei Kinder zu bekommen, Frauen, die keine Kinder wollten, bezeichnete er als „mangelhaft“. Auch das Thema Gleichberechtigung der Geschlechter regelte er: „Mann und Frau könnt ihr nicht gleichstellen.“ Er schaute aus seinem Istanbuler Büro am Ufer des Bosporus und kritisierte, dass Mädchen und Jungen Hand in Hand aus dem Dampfer stiegen. Es ging zweifelsohne nicht allein darum, „eine fromme Generation heranzuziehen“. Wir schritten voran auf dem Weg zu einer verschlossenen konservativen Gesellschaft, die Andersdenkende als Gegner betrachtet, in der es keine Toleranz für Menschen gibt, die anders sind, die hinter allem den Finger des Auslands vermutet. Wer das nicht hinnehmen wollte und rebellierte, der wurde bedroht, wie etwa die Teilnehmer der Gezi-Proteste. Das alles genügte Erdogan noch nicht, neben der Frömmigkeit wollte er auch den Nationalismus schüren. Er stieß den Tisch für Friedensverhandlungen mit den Kurden um, den er selbst errichtet hatte, nachdem Tausende umgekommen waren. Denn die fromme Generation brauchte nationalistische Verstärkung. Nun stand die für neoosmanische Schritte notwendige Koalition.

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