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Brief aus Istanbul : 432 Kilometer für Gerechtigkeit

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Kemal Kiliçdaroglu am Mittwoch, dem siebten Tag seines Protesmarsches, mit Unterstützern in Bolu Bild: dpa

Warum ist Enis Berberoglu zu 25 Jahren Haft verurteilt worden? Die größte türkische Oppositionspartei mobilisiert zum Protest. Ihr Vorsitzender macht sich zu Fuß auf den Weg zum Gefängnis seines Abgeordneten.

          Die türkische Redewendung „das Messer ist auf Knochen gestoßen“ bedeutet, dass etwas nicht mehr auszuhalten ist. Der Dichter Hasan Hüseyin Korkmazgil, eine Legende der politischen Lyrik der siebziger Jahre in der Türkei, hat eines seiner Gedichte „Messer auf Knochen“ genannt. Es handelt vom Scheitern und Verzweifeln und dass es an der Zeit ist, die Zustände nicht länger hinzunehmen. Er schreibt: „Es ist durchs Fleisch hindurch, spürst du es / Messer auf Knochen / hast du’s noch nicht gespürt, spür es jetzt / hey Allahs Knecht / Messer auf Knochen / spür es und raff dich endlich auf / wie tief schläfst du denn / Messer auf Knochen“.

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          Auch für Kemal Kiliçdaroglu, den Chef der Oppositionspartei CHP, war die Zeit offenbar reif, um „aufzuwachen“ und sich, wie in dem Gedicht empfohlen, „aufzuraffen“. Der Auslöser war die Verurteilung des ehemaligen Journalisten und CHP-Abgeordneten Enis Berberoglu zu 25 Jahren Haft in der vergangenen Woche. Man wirft Berberoglu vor, eine Geheiminformation an die Zeitung „Cumhuriyet“ weitergegeben zu haben. Nachdem das Urteil bekanntgeworden war, brach Kiliçdaroglu in Ankara zu Fuß in Richtung Istanbul auf. Er will zu dem Gefängnis marschieren, in dem sein Abgeordneter sitzt, 432 Kilometer sind es bis dorthin. Kilicdaroglu trägt ein Schild bei sich, auf dem „Gerechtigkeit“ steht. Auf die Frage, warum er den Fußmarsch unternehme, sagte der Politiker etwas, das an Korkmazgils Gedicht erinnert: „Das Messer ist auf den Knochen gestoßen. Es reicht. Wir sind auf eigenem Boden in der Türkei mit einer diktatorischen Regierung konfrontiert.“

          Nur Wolldecken und Medikamente

          Warum ist Enis Berberoglu zu 25 Jahren Haft verurteilt worden? Warum bezichtigt das Gericht ihn, der nach seiner Zeit als Chefredakteur der „Hürriyet“ in die Politik ging, der „Militärspionage“? Das Urteil fußt auf einem Ereignis, dessen Nachwehen die Türkei seit einigen Jahren in Atem halten. Alles begann im Januar 2014, als Gendarme in einer südlichen Provinz einen Konvoi stoppten, der nach Syrien unterwegs war. Ihnen fielen die Ausweise der Konvoi-Begleiter auf. Sie zeigten, dass es sich um keine gewöhnliche Operation handelte. Die Gendarmerie beschlagnahmte die „Materialien“, die, begleitet von Agenten des türkischen Geheimdienstes MIT, auf den Lkws nach Syrien gebracht werden sollten.

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Einige Medien berichteten in nüchternem Ton über den Vorfall, der fortan nur noch „MIT-Konvoi“ genannt wurde. In einigen Meldungen hieß es, die Lkws hätten Waffen transportiert. Die Regierung rechnete daraufhin zunächst sowohl mit den Gendarmen ab, die den MIT-Konvoi gestoppt hatten, als auch mit den Staatsanwälten, auf deren Anordnung hin das geschehen war. Unter dem Vorwurf der Zugehörigkeit zur Gülen-Organisation wurden sie zu lebenslanger Haft verurteilt. Ankara erklärte mehrfach, auf den Lkws seien keine Waffen gewesen. Staatspräsident Erdogan sagte: „Wir haben humanitäre Hilfe an die Turkmenen in Syrien geliefert.“ Der damalige Premierminister Davutoglu schwor öffentlich, die Ladung hätte aus Wolldecken und Medikamenten bestanden: „Allah ist mein Zeuge, ich schwöre es, die Lkws gingen an die Turkmenen in Bayirbucak.“

          Er soll die „Cumhuriyet“ informiert haben

          Tugrul Türkes, den Erdogan mittlerweile an seine Seite geholt hat, war damals die Nummer zwei bei der ultranationalistischen Partei MHP. Im Fernsehen dementierte er Erdogans und Davutoglus Behauptungen – ebenfalls unter Anrufung Allahs. Als Repräsentant einer Partei, die in engem Kontakt zu türkischen Gruppierungen außerhalb der Türkei steht, erklärte er: „Ich schwöre bei Allah, die gingen nicht an die Turkmenen in Bayirbucak.“ Yasin Aktay aber, ein Abgeordneter von Erdogans AKP, sprach in einem Telefonat, dessen Mitschnitt im Internet auftauchte, von „Waffen“. Er sagte: „Jene Waffen gingen an die Freie Syrische Armee.“Die Freie Syrische Armee umfasste damals auch islamistische Gruppierungen.

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