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Brief aus Istanbul : Du gehörst der finsteren Erde

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Sie reiht sich nicht ein in den Chor der Erdogan-Jubler: Die Sängerin Sila Gencoglu. Bild: Archiv

Präsident Erdogan lädt zur Massenkundgebung, und alle folgen seinem Ruf. Nur die berühmte Sängerin Sila nicht. Daraufhin wird sie mit Hass und Häme überschüttet: Ein Lehrstück aus der neuen Türkei.

          Wie in jeder anderen Sprache gibt es die Vokabel „mögen“ selbstverständlich auch im Türkischen. Doch leider bedeutet das Zusammenspiel von fünf oder zehn Buchstaben nicht, dass die Gesellschaft auch mit der Bedeutung des so zustande kommenden Verbs vertraut wäre. Wir Türken lieben oder hassen. Von „mögen“ verstehen wir nichts. Ebenso wenig verstehen wir etwas vom „nicht mögen“. Entweder wir vergöttern, oder wir sind erbitterte Gegner. Eine türkische Redewendung lautet: „Entweder gehörst du mir oder der finsteren Erde.“ Anders gesagt: Wer uns nicht gehören will, den bedrohen wir nett mit dem Tod. Was wir in der jüngsten Vergangenheit erlebt haben, hat zweifellos unsere Intoleranz gegenüber „dem anderen“ um ein Vielfaches erhöht. In einer zunehmend polarisierten Gesellschaft wird es immer schwieriger, eine abweichende Stimme zu sein. Anders zu denken und zu sagen, was man denkt, ist in der Türkei schon immer schwierig gewesen. Heutzutage erfordert es jedoch mehr als Mut.

          „Faschismus heißt nicht am Sagen hindern, er heißt zum Sagen zwingen“: Dieser Satz des französischen Philosophen Roland Barthes bringt die Türkei von heute auf den Punkt. Wenn man nicht nachplappert, was der Mainstream sagt, kommt man aus den Schwierigkeiten gar nicht mehr heraus. Zum jüngsten Opfer dieses Brauchs ist gerade die Popsängerin Sila geworden.

          Einige Wochen nach dem Putschversuch hat Staatspräsident Erdogan eine Großkundgebung im Istanbuler Stadtteil Yenikapi abgehalten. Es waren auch jede Menge Künstler eingeladen. Die „Celebrities“ wetteiferten miteinander, um auch ja in der vordersten Reihe gesehen zu werden. Hunderte Berühmtheiten aller Sparten, von Musik bis Sport stellten alles Mögliche an, um die sozialen Netzwerke mit Selfies nach dem Motto „Ich war dabei“ zu füttern. Musikproduzenten stritten darum, wer die meisten Künstler angekarrt hat. Eine einzige Berühmtheit lehnte trotz Einladung ab, zu kommen: die türkische Sängerin Sila.

          Viele trauen sich nicht, ihre Meinung zu sagen

          Gegenüber einer Zeitung sagte sie: „Ich bin gegen den Putsch, aber ich bin auch gegen die Show in Yenikapi.“ Viele in der Türkei dachten ähnlich, trauten sich aber aus Furcht vor dem Zorn des Mainstreams nicht, ihre Meinung auszusprechen. Sila dagegen blieb den Worten ihres berühmtesten Songs treu: „Wohin der Kopf geht, dahin gehen auch wir“. An der Kundgebung beteiligten sich ein paar Millionen Menschen, im Anschluss sagte Erdogan: „Alle, die dort waren, wollten die Todesstrafe.“ Und Sila kam ihr Fernbleiben teuer zu stehen.

          Es ist ja nicht so, dass die Sängerin dazu aufgefordert hätte, der Kundgebung fernzubleiben. Sie hatte lediglich gesagt: „Ich gehe da nicht hin.“ Wie verhielt sich der im AKP-Diskurs manifestierte „Nationale Wille“ dazu? Er äußerte sich nicht etwa in dem Sinn, dass man Sila nicht mehr hören wolle. Sondern es wurde beschlossen, dafür zu sorgen, dass die Sängerin nicht mehr zu hören ist. Nachdem Sila die Kundgebung als „Show“ bezeichnet hatte, ergoss sich zunächst in den sozialen Netzwerken ein Shitstorm über sie. Am nächsten Tag stempelten sie dann die regierungsnahen Zeitungen als „Verräterin“ und „Putschistin“ ab. Den entscheidenden Schlag aber versetzten AKP-regierte Kommunalverwaltungen der Sängerin: Istanbul, Ankara, Kayseri und Bursa, also einige der größten Städte der Türkei, sagten ihre Konzerte ab. Doch damit nicht genug: Ein Bürger zeigte Sila an, und die türkische Staatsanwaltschaft leitete daraufhin Ermittlungen wegen „Herabsetzung der türkischen Nation“ gegen die berühmte Sängerin ein.

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