24.08.2005 · Nach sieben Jahren des Schweigens hat Bret Easton Ellis, der Bestsellerspezialist für Sex, Drogen und Gewalt, mit „Lunar Park“ einen neuen Roman vorgelegt - und wird damit fast erwachsen.
Von Jordan Mejias, New YorkJetzt also auch Bret Easton Ellis. Philip Roth tut es, Jonathan Safran Foer tut es, warum sollte der notorische Brat Packer der achtziger Jahre, der Bestsellerspezialist für Sex, Drogen, Gewalt und jede Art von materialistischem Exzeß, es nicht tun? Was spricht dagegen, daß Ellis seinen jüngsten Romanhelden Bret Easton Ellis nennt?
Dabei wäre die zwischen Maskerade und Demaskierung schwankende Selbstdarstellung gar nicht nötig gewesen. Es bedarf keiner derart handfesten auktorialen Hilfe, um in dem fiktiv aufbereiteten Starschriftsteller, der mit Kokain, Wodka und der Familie seine liebe Not hat, den Autor von „Less Than Zero“ und „American Psycho“ zu erkennen. Das erste Kapitel von „Lunar Park“, Ellis' neuestem Streich nach siebenjährigem Schweigen, ist eine von oft extravaganten Phantasieflügen nicht freie Rekapitulation seiner Karriere samt dienstfertigen Interpretationen seiner vorangegangenen Romane, und - als könnte es noch Zweifel an der gemeinsamen Identität von Autor und Protagonist geben - auch die alte stilistische Erkennungsmelodie klingt immer wieder bedeutungsschwanger auf.
Ungewöhnlich und hypnotisch
Die amerikanische Kritik war darüber wenig begeistert. So entsetzt wie der Kritiker des „Boston Globe“, der in „Lunar Park“ den schlechtesten Roman, „den Ellis je geschrieben hat“ oder vielleicht sogar „den ich je gelesen habe“, zu erkennen meinte, waren nicht alle, aber auch die „New York Times“ fühlte sich nicht eben wohl auf der „schlingernden Fahrt nach nirgendwo“. Das Internetmagazin „Slate“ raffte sich immerhin zu einer Verteidigung der „ungewöhnlichen, hypnotischen, verstörenden, denkwürdigen Geschichte“ auf, die sich bisher nicht sensationell, aber erfreulich gut verkauft.
Wer darum die Prada-Slipper unter den Armani-Bambustisch kickt, auf der Marc-Newson-Liege Zuflucht sucht und sich, animiert von einem Glas Roederer Cristal, der Lektüre hingibt, wird neuerlich staunen können, mit welcher Sorgfalt Ellis die Provenienz der Versatzstücke seiner Geschichten dokumentiert. Die Diskussion, ob diesmal die namentliche Aneinanderkettung von Insiderkneipen, SUV-Produzenten, Sonnenbrillenherstellern und Promifreunden als zeitkritischer Schlenker oder eher als Symptom einer ergreifenden Konsumsklavenschaft zu verstehen ist, führt allerdings ins literarische Abseits.
Nicht nur ein stilistisches Problem
Nicht anders als die Frage, wo die autobiographische Wahrhaftigkeit in ihre Parodie übergeht. Sollen die Biographen doch später aussortieren, was Ellis sich wann in die Nase stopfte und wie er mit Madonna und Keanu Reeves verbandelt war und ob die Bushs ihn ins Weiße Haus einluden oder nicht. Die Antworten darauf sind für die Qualität von „Lunar Park“ herzlich belanglos. Bestenfalls wäre Ellis zu bescheinigen, daß er sich im Gegensatz etwa zu jenem Kollegen, der nur kurz als Marcel sein Inkognito lüftet, auf sehr viel weniger Raum seine Ichbezogenheit in eine monumentale, nicht ganz leicht zu ertragende Eitelkeit treibt. Und das ist nicht bloß ein stilistisches Problem.
„Lunar Park“ gibt sich an der Oberfläche als Collage aus Horror- und Gespensterstory a la „Halloween“, Celebrity-Memoiren, College-Roman, Protokoll eines Kindheitstraumas und einer nicht zuletzt chemisch induzierten Psychose. Über weite Strecken liest sich das Buch wie eine Hommage an Horrormeister Stephen King, und auf den entsprechenden Seiten verweigert Ellis sich sogar seinem Markenfimmel, nur um desto vehementer seine Altproduktion heraufzubeschwören. Mit der nämlich rechnet er ab. Er will die Geister austreiben, die er zumal in „American Psycho“ gerufen hat, und dafür holt er sich schließlich sogar einen Dämonologen ins Haus.
Viel frecher Schwindel
Die Abrechnung mit Patrick Bateman, dem ekligen Superslasher aus „American Psycho“, wird vermengt und durcheinandergewirbelt mit Auseinandersetzungen, in die der Autor seinen toten Vater verwickelt. Weil das ziemlich kniffelig ist, muß sich auch die Romanfigur Bret Easton Ellis noch einmal aufteilen, und zwar, genauso wie ihr Erfinder, in einen Akteur und einen Autor. „Lunar Park“ handelt folglich weniger von einem literarischen Monster, das ins wahre, gewissenhaft nacherzählte Leben entwichen ist, als von einem Fall multipler Persönlichkeitsspaltung, die zwischen Leben und Kunst keine Barrieren mehr duldet und alle Grenzlinien unter einem Schwall von Anspielungen, Selbstzitaten und viel frechem Schwindel begräbt.
Ellis, ganz so, als wollte er seinem erzählerischen Talent nicht trauen, wartet mit Interpretationen nicht nur seiner alten Romane, sondern auch gleich von „Lunar Park“ auf. Daß er Bateman „entschöpfen“, ihn mit diesem Buch killen will, daß die Geister nicht wirklich eine kaputte Familie im beispielhaft desolaten Vorstadtluxusleben heimsuchen, sondern daß sie als Projektionen einer lädierten Psyche zu begreifen sind, nun ja, soviel hätte der Leser sich gewiß auch ohne ausdrückliche Gebrauchsanweisung des Autors zusammengereimt. Oder ist die Interpretationshilfe wiederum nur eine andere Finte von Ellis, dem notorischen Trickster und Hipster? Hoffnung gibt es dafür wenig. Denn in „Lunar Park“ kommt ein neuer Ellis zum Vorschein, und darin liegt die Schwäche des Buches.
Kuschelige Menschlichkeit
Der schick und trendig klimatisierte Nihilismus, dem Ellis einst im Drogennebel und in davon nicht immer begünstigten Sexkapaden huldigte, muß sich nun mit einer kuscheligen Menschlichkeit oder zumindest der Sehnsucht danach anfreunden. Es geht zwar alles schief mit der berühmten Ehefrau, den Kindern und der Vergangenheitsbewältigung, aber auch der Horror unfreundlicher Geister oder Familienmitglieder zerstört ihm keineswegs die neue Zuversicht. „Lunar Park“ soll nicht mit „Halloween 17“ zu verwechseln sein.
Nach all den phantasmagorischen Happenings, von denen Ellis beteuert, sie seien ihm wirklich so und nicht anders zugestoßen, endet der Roman in einem Cri de coeur, der buchstäblich keinen Schlußpunkt finden will. Den Exorzimus, den der Dämonologe dem Haus des Romanhelden angedeihen läßt, hätte der Autor gern im Leben fortgesetzt. Das ist ehrenhaft, edel und gut. Aber im Tollhaus von „Lunar Park“ bleibt die Wende zur Menschlichkeit, sozusagen der „human turn“, Pose. Lukrativ umstritten und damals, auf der Höhe seines Ruhms, wegen seiner Gewaltdarstellungen vom eigenen Verlagshaus boykottiert, hat Ellis sich mit „Lunar Park“ entschlossen, die ersten Schritte als erwachsener Schriftsteller zu wagen. Noch bleibt ihm der alte, adoleszente Ellis dicht auf den Fersen, noch kann er nicht zum Befreiungsschlag ansetzen.
„Gibt es irgend etwas Jämmerlicheres als ein Monster, das nur immerzu sagt: bitte, bitte, bitte?“ Auf die Frage seiner angeblichen Ehefrau Jayne vermag der Roman-Ellis nur zu antworten: „Ich meine... was willst du mehr von mir.“ Ach, es war schon einfacher, mit einer Einkaufsliste den Literaturbetrieb zu skandalisieren.