20.06.2005 · Der Ball ist rund, das Fernsehen geht in die Breite: Zur Fußball-WM 2006 sehen wir alle 16:9, wer weiter nur das 4:3-Format nutzt, der guckt in die Röhre. Eigentlich wollten ARD und ZDF schon den Confed Cup als Generalprobe für den gedehnten Bildschirm nutzen.
Noch hat sie nicht jeder vor Augen, spätestens bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 aber wird es soweit sein: Das Breitbildfernsehen kommt, und wer sich bis dahin keinen Fernseher in dem entsprechenden Format 16:9 angeschafft hat, der wird im alten 4:3-Zuschnitt Fußballer ohne Köpfe oder eine Menge raumöffnende Pässe sehen, die in die Leere gehen.
Eigentlich wollten ARD und ZDF schon jetzt den Confederations Cup als Generalprobe für den gedehnten Bildschirm nutzen, die 48 oder 49 Spiele, die sie bei der WM übertragen, werden auf jeden Fall so laufen. Was bedeuten könnte, daß sich hundert Prozent der Zuschauer nicht nur auf die mannigfaltigen Werbe- und Sponsoringformen einstellen müssen, die den Rechteerwerb für 180 Millionen Euro refinanzieren helfen sollen.
Balkenfernsehen für die Binnenkonjunktur
Achtzig Prozent der Zuschauer werden, so sie sich nicht bis dahin ein neues Gerät anschaffen, dem Balkenfernsehen nicht entrinnen. Bis dato nämlich sind gerade einmal zwanzig Prozent der deutschen Fernsehhaushalte auf das neue Format eingestellt. Zumindest auf diesem Sektor dürfte sich die Binnenkonjunktur also ankurbeln lassen, die WM macht es möglich.
ARD und ZDF sind von 16:9 restlos überzeugt. Die ARD-Intendanten beschlossen in der letzten Woche endgültig, auf das Breitbild zu setzen, das ZDF probiert es seit geraumer Zeit aus. Das Trauerspiel zwischen dem VfB Stuttgart und AC Parma in diesem Frühjahr war dort die Probe aufs Exempel, das etliche Kinospielfilme, die längst auf 16:9 getrimmt sind, vorgeben.
„Das Format ist gelernt und gewohnt“
Die Zuschauer störe es nicht, sagt der ZDF-Sprecher Alexander Stock. Das habe zuletzt das Stuttgart-Spiel gezeigt, nach dem es einige wenige Protestanrufe von Zusehern, aber auch eine Menge zustimmender Reaktionen per E-Mail gegeben habe. „Das Format ist gelernt und gewohnt, es ist das Format der Zukunft“, sagt Stock. „Es ist keine ganz einfache, aber die richtige Entscheidung.“
International seien Produktionen auch gar nicht mehr anders zu vermarkten als in 16:9, das gelte für Fernsehfilme ebenso wie für Dokumentationen. Bei der Fußball-WM werde bereits das Kamerabild, das alle Sender übernehmen, als Breitbild aufgenommen, so daß man die Spiele künstlich beschneiden müßte, wolle man zu 4:3 zurück. Der Sender RTL hat sich gleichwohl beeilt mitzuteilen, daß man auf die weitverbreiteten Maße weiterhin setze - „nach jetzigem Stand balkenfrei“ - weil die große Mehrheit der Fernsehzuschauer eben nicht über die neuen Breitbildfernseher verfüge. RTL zeigt insgesamt acht Partien von der WM.
Auch HDTV soll kommen
Das neue Format wirft jedoch nicht nur für die Sportfans, sondern auch jenseits der Fußballstadien Fragen auf, für alle jene Programme, die nach den alten Maßen erstellt wurden und landauf und -ab wiederholt werden, von den historischen Fernsehbeständen, über die vor allem die ARD verfügt, ganz zu schweigen. Da ist längst nicht alles so breit, wie die neue Technik es bedingt.
Hinzu kommt, daß die Gerätehersteller es gerne sähen, wenn nicht nur 16:9 als Format, sondern auch die digitale Übertragungstechnik HDTV, das sogenannte „hochauflösende Fernsehen“, spätestens zur WM 2006 käme. Der Abosender Premiere will zur Internationalen Funkausstellung in Berlin in diesem Herbst mit drei HD-Kanälen starten. In dieser Frage halten ARD und ZDF sich noch zurück. An den Balken im Auge der Betrachter aber, die sich bis 2010 ohnehin alle auf das digitale Fernsehen mit neuen Decodern für Kabel, Satellit und terrestrische Übertragung einstellen müssen, führt kein Weg mehr vorbei - zum Tor von Oliver Kahn, zum „Tatort“ oder der „Schillerstraße“. Kalkofes Mattscheibe wird breit.