http://www.faz.net/-gqz-2t8t

Botschaften : Schön privilegiert: die Schweizer Botschaft

  • -Aktualisiert am

Ein Speisezimmer so rot wie pompeijanisches Blut: Schweizer Botschaft Bild: dpa

Die Schweizer Botschaft zwischen Paul-Löbe-Haus und Kanzleramt ist das älteste, erhaltene diplomatische Gehäuse der Stadt.

          Hätte die „Deutschland AG“ eine eigene Holding, sie säße im Spreebogen, hart nördlich des Bundeskanzleramts, nicht weit vom Reichstag, präziser: dazwischen.

          Dort, an der Otto-von-Bismarck-Allee 4, liegt ausgerechnet und doch ganz passend die Schweizer Botschaft. An ihrem angestammten Standort wirkt sie wie ein neutraler Beobachter am Band des Bundes. Die Schweizer Botschaft spielt und spielte wegen ihrer exaltierten Lage eine Sonderrolle. Als nächster Nachbar zum Reichstag, überlebte sie unversehrt das Weltkriegsbombardement vor 55 Jahren. Die Schweizer waren es, die „das Licht ausmachten“. Ursprünglich wurde das Gebäude 1870 vom Schinkelschüler Friedrich Hitzig als „neureiche“ Fabrikantenvilla gebaut. Das Haus ist also innen und außen ein anschaulicher Hort Berliner Baugeschichte.

          Jetzt wurde das alte Bauwerk mit spartanischer Architekturrhetorik der Architekten Diener & Dienerin aus der Nordschweiz erweitert und um ein Stück exakt gegossener Betonschönheit vergrößert. Auf den ersten Blick wirkt das Ganze spröde - wie Berliner und Besucher immer wieder betonen. Letztendlich vereint das Gebäude aber die Residenz des Botschafters im Altbau, mit dem Kanzleigebäude im Neubau - was inzwischen einen diplomatischen Sonderfall in Berlin-Mitte darstellt.

          Pompejanisches Rot im Altbau

          Spätestens dann, wenn man durch die Toreinfahrt tritt und durch mächtige Holztüren die Salons der Residenz erreicht, geht ein Ruck durch des Besuchers Herz und Seele: Ja, das ist diplomatischer Dienst und ganz automatisch sieht man im Geiste den jungen Schweizer Botschafter Thomas Borer mit seiner „glamourösen“ Frau durch die Säle schweben.

          Die Architekten haben die etwas steife Nonchalance der Berliner Gründerjahre mit pompösen Farben bunter Wandbespannungen konfrontiert. Im Speisezimmer sitzt man im wärmsten pompejanischen Rot, das die Spree je gesehen hat. Die Schweizer Botschaft ist „in den Prunk ihrer Epoche am Vorabend der Gründerzeit zurück geführt“. So jedenfalls erscheint es der Schweizer Journalistin Claudia Schwartz, die ein wundervoll charmantes Geschichtsbuch „Das Haus im Nachbarland“ geschrieben hat. Vielleicht ist es das, was heute so fasziniert?

          Außen hart, aber innen ganz zart

          Im Obergeschoss wohnt der Botschafter, darüber die Gäste und ganz oben liegt der Dachgarten, mit dem Sensationsblick. Von hier aus hat man das Regierungsviertel als Spielzeugstadt zu Füßen!

          Alles fein, wenn das nicht ein Anbau vom Charme einer Justiz-Vollzugs-Anstalt wäre, der abweisend ist, weil nur wenige Öffnungen seitlich den rauhen Beton durchbrechen. Besonders brüsk scheint das Gebäude mit einer „Brandwandoptik“ den Kanzler grüßen zu wollen. In Wahrheit prangt hier Kunst-Am-Bau und die stammt ausgerechnet von einem der prominentesten Schweizer Maler, Helmut Federle.

          Das ist der erste Blick. Er reicht nicht zum Verlieben aus. Die nächsten Blicke setzen Wissen voraus. Beispielsweise sollte man die Loch-Putzfassade der Rückseite vom Altbau kennen; oder die Größe des Gartens der Villa. Beide geben mit ihren Maßen und Proportionen die Fassadendetails des Neubaus vor.

          Licht und Schatten

          Innen herrscht der Charme eines Poststüberls in Basel-Land vor. Schweizer Kritiker sehen gar die Ausnüchterungszelle des Flughafens Kloten vor sich! Büros eben. Karg, aber in einer feinen Art, die die Fachwelt, „puritanisch“ oder „nobel spartanisch“ nennt. Man kann auch calvinistisch oder asketisch sagen - immer aber überzeugt in diesem Raum- und Materialminimalismus die Qualität der Verarbeitung, die Lichter und Schatten auf den Wänden, der präzise Sitz von Fenstern und Türen.

          In einer Welt der Überfrachtung durch Bilder und Eindrücke ist es wahrscheinlich gerade der richtige Ausweg, wenn man noch mit Gestaltung überraschen will. Optischer Höhepunkt ist dann die „Raumsäule“, eine über drei Geschosse reichende Loggia mit der Kargheit von Klosterzellen. Hier genießt dann auch der nachgeordnete Kanzleibeamte den Ausblick: die Schweiz - so könnte die Botschaft lauten -, ist eben doch etwas ganz Privilegiertes!

          Weitere Themen

          Fastfood mit Stickstoff

          Molekularküche kann jeder (2) : Fastfood mit Stickstoff

          Im Handumdrehen macht Stickstoff Apfelsaft knusprig oder zu zartschmelzendem Sorbet. Kräuter lässt er zu Pulver zerfallen. Drei Rezepte aus der eiskalten Küche – Schutzbrille nicht vergessen!

          Volle Windeln

          Böckelmann und Bolz : Volle Windeln

          Wirklichkeit ist keine feste Größe, zu der sie trotzdem gerne gemacht wird: Die neue deutsche Realitätshuberei von Frank Böckelmann bis Norbert Bolz.

          Topmeldungen

          Aussage zu Asylrecht : Einig gegen Merz

          Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn preisen das individuelle Recht auf Asyl aus dem Grundgesetz. Auch aus anderen Parteien schlägt Friedrich Merz, ihrem Mitbewerber um den Parteivorsitz, Kritik entgegen.

          Wegweisende Entscheidung : Datenschützer bestrafen massenhaften Datenklau

          Behörden verhängen das erste Bußgeld nach der Datenschutzgrundverordnung gegen ein Unternehmen – das soziale Netzwerk Knuddels. Jetzt zeigt sich: Wer kooperiert, bekommt einen erheblichen Discount.
          Abgase sind entscheidende Kohlendioxid-Quellen.

          Neue Rekordwerte : Kein Rückgang der Treibhausgase in Sicht

          Wieder Rekordwerte: Treibhausgase, die das Klima verändern, nehmen ungebremst zu in der Luft. Besonders besorgniserregend stuft die Weltwetterbehörde die neuen Höchstwerte von Kohlendioxid ein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.