19.09.2008 · Das Denken des Philosophen Martin Heidegger wandte sich im Verlauf seines Werks immer stärker dem Dichten zu. Der 81. Band der Heidegger-Werkausgabe bringt die eigenen Gedichte des Philosophen. Der Schriftsteller Botho Strauß sieht sie als Feuerprobe unserer kommunikativen Intelligenz.
Von Botho StraußDer 81. Band der Gesamtausgabe von Martin Heidegger trägt den Titel „Gedachtes“ und enthält in vier Abteilungen Texte, die die Nähe und gegenseitige Abhängigkeit von Dichten und Denken nicht erörtern, sondern selbst erproben.
Es beginnt mit der lyrischen Selbstvergewisserung des einundzwanzigjährigen Theologiestudenten:
„Ich mied der Gottesnähe heldenschaffende Kraft / Und tappte irrlichthaschend durch Not und Nacht.“
Und mündet, etwa Mitte der siebziger Jahre, kurz vor dem Tod, in gehärteter, spröderer Form wieder in den Anfang, wie es bei diesem Denker nicht anders sein kann:
Wege, befreiend den Schritt zurück
für seinen Gang,
gerufen aus Anklang,
geringem,
aus anderer Gegend des An-fangs.
Und wieder die Not
zögernden Dunkels im wartenden Licht
der entzogenen Lichtung
des noch sich verbergend-
bergenden Vorenthalts:
armutbereite Stätte sterblichen
Wohnens.
Doch kaum je gewährt ist
reines Ende den Wegen des Denkens.
Es hieße:
noch unterwegs.
Man sieht, dass „Gedachtes“ nicht etwa bedeutet: improvisiert und schnell notiert. Vielmehr wird im Spiel-Raum des Verses etwas gewagt, das zur Steigerung bekannter Leitworte des Heideggerschen Denkens führt. Sie werden aus ihrer gewohnten Umgebung, dem erläuternden Philosophieren, herausgehoben und zurückgeholt an die Grenze zu einer Erst-Sprache, in der Dichten und Denken noch nicht unterschieden sind.
So wird immer wieder das Wort Vorenthalt zur Bezeichnung des Daseins genutzt, dem die endgültige Wiederkehr des Anfangs, im weiteren Sinn: die Ankunft des Gottes vorenthalten wird. „Armutbereit“ deshalb, weil es, mit Hölderlin, in dürftiger Zeit, des Gottes bedürfend, dahingebracht wird. Der Dichter, dem Heidegger sich anlehnt, ist nämlich der einzige, der stellvertretend für das vergessliche Menschentum das Andenken des Gottes erhält.
Aus der Erfahrung des Denkens
Wenn Denken etwas nicht enden wollend Vergängliches ist, wahre Dichtung aber in sich vollendet erscheint und damit den Ausgang ins Undenkbare öffnet, was ist dann „Gedachtes“? Ist es Denken, angehalten, in Perfektform erstarrt? Offensichtlich ist es nichts, das als Nebenprodukt beim Denken abfiele. Dennoch könnte es sich um eine Art Ausfällung handeln, die „Aus der Erfahrung des Denkens“ (so der Titel des in sechzehn Kapitel gegliederten Hauptteils des Buchs) übrigbleibt, eine kernige, kristallische Substanz.
Der Autor selbst gibt eine Erklärung zum Charakter dieser Texte mit dem Hinweis, er habe diese und keine andere Form gewählt, um Aussagesätze, Sätze überhaupt zu vermeiden und alle „Füllwörter“ zu umgehen. „Dem äußeren Anschein ,Verse‘ und Reime – sehen die Texte aus wie ‚Gedichte‘, sind es jedoch nicht.“
Der dichtende Denker
Oder sind es doch? Das kann weder der Autor noch der Leser eindeutig bestimmen. Und das nicht aufgrund des permissiven poetischen Geschmacks und der Fülle der Formerweichungen, die uns die experimentierende Moderne bescherte. Der Autor ist in seinem Urteil deshalb eingeschränkt, weil für ihn in letzter Instanz nicht Klang und Melodie ausschlaggebend sind, sondern allein die Annäherung an den vorsokratischen Spruch, der vom dichtenden Denker stammt. Den Grad seiner Annäherung kann er indes nicht selber ermitteln.
Doch suchen alle seine Verse den „Schritt zurück“ zu vollziehen, um mit dem vielmals Gesagten in die Frühe des Spruchs einzukehren, um es gleichsam wieder zu verheimlichen und in noch Unausgesprochenes zurückzuführen. Auch wenn sie, zum Angebinde gesammelt, seiner Frau, seiner Mutter zu einem hohen Geburtstag übergeben werden, enthalten sie nirgendwo etwas Hübsches, eine heitere Sentenz oder einen geistreichen Aphorismus.
Souffliertes Dichten
Für den Leser, der ein Anhänger der schön bemessenen, der schonend erschließenden Prosa des Philosophen ist, sind es zunächst unsichere und unselbständige Gebilde. Ein Anklang hier von Goethe und Mörike, dort ein Trakl-Ton oder ein Abzweig zu Rilkes gebirgiger Substantivik, ein Winterwerden da, die ferne Nähe dort. Und natürlich immer wieder der vor allen anderen vorsagende, soufflierende Hölderlin. Dem Dichter, so heißt es, wird als erstem vorgesagt, denn dichten ist dictare, sich sagen lassen. Er erfährt jäh den „Zuspruch des Seyns“, dem er nachspricht.
Der späte Heidegger, den die Werkgeschichtler bereits ab 1930 erkennen, nach „Sein und Zeit“, und dem zu größeren Teilen das hier „Gedachte“ zudatiert werden muss, ist der Mann mit dem Stift in der horchenden Hand. Er hat sich von niemandem so innig etwas sagen lassen als vom griechisch-deutschen Hölderlin (der ja alles von seinsgeschicklichem Belang bereits im Ganzen und Ganz-Anderen gesagt hatte).
Oft fällt der äußere Reim eher gefällig aus, während das Sagen selbst durchaus ungefällig bleibt. Vers, Metrum, Strophe verwehren die freie Umständlichkeit des heraufholenden Denkens. Was sich in „Gedachtes“ verwandelt, wird aufs Engste versammelt und ins Weite gekürzt. Dabei reizt es den Philosophen, sich der betörenden Mittel der Poesie zu bedienen. Rhythmus und Reim nutzen, um sein Sagen noch eindringlicher, wenn nicht gar memorierbar zu gestalten.
Der Wind
Was uns entgeht,
Bleibt gesparter und weht
Als freyender Wind
Allem voran
Auf der nie übereilten
Der dichtenden Bahn,
Die Jene nur sind,
Die im Grüßen verweilten.
An anderer Stelle entführte gar der Stabreim vom vorsokratischen zum altgermanischen Zauberspruch: „Wann weilt der Wind weisender Wende?“ So etwas geschieht, ähnlich wie bei Richard Wagner, wenn man von der Sprache eine Suggestion erzwingt, die man in einem anderen Medium souveräner beherrscht, der Musik oder der Philosophie. Poesie ist das nicht. Dafür fehlt es durchweg an Klang aus ungestautem Raum, an der schönen und absichtslosen Metapher, dem Schmuck einer kostbaren Realie, dem sinnlichen Detail. Statt Symbol oder Vergleich drängen sich Leitworte orphisch. Das Vokabular der Behutsamkeit, über das die Altersphilosophie Heideggers verfügt, Hirt und Huld, Wink und Wohnen, Gestell und Geviert, Worte von weitem Ruf und Hof, sucht sein Metrum. Strophen voll Nomenklatur verschließen sich zum Nomenclaustrum – zum Schloss und Gewahrsam eines Sprechens, das unablässig die Sprache selbst inquiriert, aushorcht.
Unvermeidlich sind die Kommentatoren, die Mitgeister und Vermittler, die diese zurückgenommenen, verwahrten Worte, die dem Reden entsagten, wieder zu Aussagesätzen und zum Aussprechen bereiten. Wichtiger und den Versen gemäßer wäre es zu antworten: Ich verstehe nicht, doch ich lasse mir sagen ...
Das dichtende Wesen des Denkens
Zwar ist diesen Texten die Wollust, ausgelegt zu werden, eingeschrieben. Es handelt sich um dasselbe große, begehrliche Implicite, dem Heidegger im „Spruch des Anaximander“ begegnete, mit dem nach seinem Urteil das dichtende Wesen des Denkens zur Welt kam.
Wer aber kann sie auslegen? Doch nicht ein Schüler, der sie im verwandten Sprechen und Denken nur wiederholte? Es muss wohl ein Künftiger sein, der ganz anders sprechend endlich versteht. Auch dem Spruch des Anaximander folgte erst nach zweitausendfünfhundert Jahren der gültige Übersetzer.
Der Weg der Wieder-holung
Infolge der Hymnen-Abkunft zahlreicher Verse tritt das religiös Huldigende stärker in den Vordergrund als in den „sokratischer“ verfassten Prosa-Schriften aus derselben Zeit. Die einen danken im wiederholten Gebet, dieser hier dankt im wieder-holenden Denken. Die Frömmigkeit ist ja nicht erst ins Fragen gelegt, sie bestimmt den Weg des Genesens (darin nostos, griechisch: Heimkehr), den Weg des Wieder-holens aus der Herkunft hin zum Künftigen. Wir folgen also dem Her- und Hin-Führer. Es geht vom Heilen zum Heiligen, vom Heiligen zum Göttlichen zu d e m Gott. Es ist, also ob nur die Differenz des bestimmten Artikels diesen Gang unterschiede von der christlichen Erwartung der Parusie. Im Grunde nähern wir uns auf einem langen und wunderbaren Umweg der Letzten Erscheinung, einem Umweg, zu dem allein, wie man meinen möchte, ein geistesgeschichtlicher flatus vocis, Gott ist tot, eine philosophische Unbeherrschtheit uns nötigte.
Denn auch diese Philosophie steht unter dem Einfluss der Befreiungszwangssysteme, die noch die erste Hälfte des vergangenen Jahrhunderts beherrschten. Auch sie beruht auf der Übereinkunft des fehlenden Gottes und preist sich als „Hirtentum des Fehls“. Wäre es anders und gäbe es für Heidegger die Realpräsenz, den ewigen Gott, wie für alle Gläubigen – welch unschätzbare Mittel zum Erwerb und Gewinn von Vertrauen wären ungenutzt geblieben! Am Ende ist ja die Gelassenheit, das Sein Lassen, nichts anderes als Vertrauen. Wenn auch nicht auf Gott bezogen, so bietet es doch den Stoff des Glaubens im Reinzustand.
Ferne Glockenschläge
Gleichwohl ließe sich eine Pointe im Stil der berühmten Pascalschen Wette anfügen: Wenn es Gott gibt, brauchen wir kein Seyn. Gibt es ihn nicht, gewinnen wir mit dem Seyn Nichts. Das geläuterte, zum Gedicht geläuterte Denken zeigt die entschiedenste Abkehr von jener Unruhe, die Heidegger seinerzeit befiel und ihn dem Willen zur Macht und zur eigenen (akademischen) Machtergreifung zuführte. Die Abkehr musste nicht eigens moralisch ausgesprochen werden und konnte es auch nicht. Daher stehen in seltsamem Stimmungszwiespalt Celans Gedicht „Todtnauberg“ und Heideggers Vorwort zu diesem Gedicht, das sich in der letzten Abteilung des Bandes findet. Bekanntlich wurde Celans Hoffnung „auf eines Denkenden kommendes Wort“ gern im Sinne einer politischen Mahnung ausgelegt, während nun Heidegger das Betreiben in den Zeilen seines Gastes ohne Replik lässt, stattdessen „in die gestiftete Stille und Welt“ seiner Hütte umleitet und in die „Zuflucht erneuten Vertrauens“ auslaufen lässt.
Welch umstürzlerische Moral des Gehorchens müsste heute ein Student an den Tag legen, um auf solche Worte zu hören, um nur den fernsten Glockenschlag vom „Geläut der Stille“ zu vernehmen, das im Haus der Seyns, der Sprache nämlich, schwingt.
Dummheit in der Vielfalt
Glauben wir aber noch an das Sein? (Oder Seyn im Sinne der Wahrheit oder Bewahrung des Seins.) Oder hat es Heidegger das eine Mal ganz allein getan und stellvertretend für die Schwerhörigen aller Zeiten? Ist unser Leben nicht vollständig an die Verflechtungen der Horizontale vergeben, vom Dasein abgelenkt durch ständig wechselnde Probleme und ihre Reflexion. Abgelenkt auf eine so vielstimmige und diverse Weise, dass es schier unmöglich scheint, der Sprache des einen oder gar der Sprache des Einens mit der Alleinzuwendung zu folgen, die überhaupt erst ein Verstehen einleitet? Glaubt noch jemand an Heidegger oder glaubt ihm ganz und gar?
Die Emanzipierten begnügen sich mit der Vielfalt. Der Weise sucht seit je nach dem Einen. Weshalb gibt es jedoch nicht den geringsten Einfluss der Klugen auf die Dummen? Weil die Dummen emanzipiert sind, die Klugen aber nie.
Der Weg zum Anfänglichen
Der religiöse Glaube lässt sich im Grunde mit jeder Lebenssituation verbinden. Zum Seyn hingegen muss sich der Einzelne abscheiden, muss sich reinigen und „stillen“. Es ist gewissermaßen anspruchsvoller als Gott. Es verlangt ein äußerstes an Askese und strenger Enthaltung vom „billigen Allesverstehen des täglichen Meinens“. Doch wir anderen, die wir ständig aufs Neue nach Babel leben, sind doch zur Reflexion verurteilt, sind gezwungen, in der Zerstreuung zu sprechen und im Denken an ihr teilzuhaben.
Und weiter gefragt: Glauben wir ernsthaft mit Heidegger, dass im Wesen der Technik ihre Selbstüberwindung liegt? Dass wir in dieser Zurüstung mit all den hohen und innersten Technologien uns längst auf dem Weg zum Anfänglichen befinden? Ich glaube daran. Aber wir tun das nicht.
Ein Denken, das die Zeit durchragt
Die Skepsis des Nüchternen gilt auch eher der geschichtsdynamischen Grundfigur von der Wiederkehr, der Wiederherstellung, der Glorie der Anfänglichkeit an sich, die vom Mittelalter bis zur Romantik (einschließlich Nietzsche und Nachfolge) Verheißung trug in ein blindes Weltgeschehen. Erst einem detailscharfen, hochauflösenden Geschichtsbewusstsein der neueren Zeit vergeht dies Schema einer modifizierten Heilserwartung.
Manches ließe sich anführen zur Unaktualität Heideggers, zumindest des kulturdeutenden, manche Überzeugung vom Unheilsstand der Dinge, die heute festgefahren, ertraglos und konventionell erscheint. Die eigentliche Unaktualität Heideggers besteht allerdings in der klassischen Schönheit seiner Philosophie, seines die Zeit durchragenden Denkens, das zu keiner Wiederkehr berufen werden muss, sondern vielmehr dem Wieder und Wieder gleichkommt, mit dem das große Kunstwerk empfangen und betrachtet wird.
Unüberholbar
Wenn Heidegger von Hölderlin sagt, dass er immer der Künftige sei, niemals zeitgemäß, dann trifft das auch auf ihn selber zu. Auch er wird seine Unaktualität stetig erneuern und in diesem „Weltalter“ niemals überholt werden.
In der Prosa ein gemessen Schreitender wird der Philosoph ein Inständiger in seinem gedichteten Denken. Was er nach Art des Mystikers schweigend sagt, mag auf andere so belebend wie verletzend wirken. Es distanziert ihr bestes Meinen zu rhetorischem Außengeplänkel. Ja, es zeigt an, wie fortschreitend äußerlich wir geworden sind, alles in allem, nicht zuletzt infolge der maßlosen Politisierung des Denkens nach Hitler.
Der Information unzugänglich
Unvermittelt steht zwischen den Versen der schroffe Satz: „Solches Denken bleibt dem Zeitalter der Information notwendig unzugänglich.“ Das sollten wir nicht auf uns sitzenlassen.
Das Schwererschließbare solcher Texte wird ja gern als raunend bezeichnet und somit in den Verruf der Rune gebracht. Obgleich doch der zynische Verzicht auf schweres Verstehen und der Anspruch auf stets bequeme Lektüre offensichtlich dem Ehrgeiz nach höherem Bildungsstand nicht förderlich sind. Wer sich in diesen Band vertieft, wer hier durch „Gedachtes“ geht, setzt seine kommunikative Intelligenz einer Feuerprobe aus. Es ist zugleich ein Feuer, das einen Haufen zeitgeschichteten Müll verbrennt. Eine Reinigung.