http://www.faz.net/-gqz-74ehp
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 17.11.2012, 15:00 Uhr

Boom der Wohnanlagen Vor dem Gewinn sind alle gleich

Nachverdichtung nennen Investoren und Städteplaner die neuen Wohnanlagen in unseren Innenstädten. Viele aber sehen darin die Trutzburgen Neureicher.

von
© Maintor Quartier Hier können Sie demnächst einziehen: Simulation des Maintor Quartiers, das gerade in der Frankfurter Innenstadt entsteht

Tot, kalt, künstlich. Die fahlroten rasiermesserscharfen Platten können nur Kunststein sein. Das beweist fünf Schritte weiter der Vergleich mit natürlichem Rotsandstein. Geädert, warmtonig, mit einer Oberfläche, unter der Leben zu pulsieren scheint, weckt er die Lust, ihn zu berühren. Der echte Stein schmückt seit Jahrhunderten die romanische Leonhardskirche am Frankfurter Mainufer. Der künstliche verkleidet seit kurzem einen Altan am Erdgeschoss eines Neubaus ihr gegenüber. Der Unterschied ist der zwischen individueller und computergenerierter Architektur, zwischen Kunst und Kalkül, zwischen Lauterkeit und Bluff.

Vom Altan aus muss die Aussicht auf den Fluss herrlich sein. Mehr Gutes kann über das neue Haus nicht gesagt werden: Ein weißes Trampeltier zeitgenössischen Bauens, drängt es auf die Kirche zu und bleibt - was achthundert Jahre lang keines der Altstadthäuser wagte - nur knapp unterhalb von deren Giebelspitze. Ein ästhetischer Ausgleich für den Gewaltakt fehlt - die mainseitige Fassade langweilt mit sturen Fensterreihen und Balkonen unter einem mageren, von gedrungenen Großgauben umsäumten Mansarddach. Zur Kirche und an der Rückseite treten plumpe Risalite mit groben Knickgiebeln nach vorn; nicht Bereicherung, sondern Verlegenheit.

Öde der Wohlhabenheit

Fünf Vollgeschosse und ein Dachgeschoss, pseudopariserische Dachkonturen und ein schwarzer Kunstbasaltsockel. Für diese Mäßigkeit wurde ein Haus des sozialen Wohnungsbaus der fünfziger Jahre beseitigt. Einwände gab es nicht - wir haben uns daran gewöhnt, in dieser Architektur Dutzendware zu sehen. Doch der Blick auf die Wiederaufbauzeilen am Mainufer zeigt anderes: Was 1950 an Baumaterialien fehlte, machte man wett durch gute Proportionen, feingliedrige Strukturen und elegante, am einstigen Frankfurter Klassizismus geschulte Linienführung.

Flüchtig betrachtet gleicht kurioserweise das neue Haus, das Eigentumswohnungen des „gehobenen Preissegments“ birgt, seinem Vorgänger. Doch näher betrachtet wird klar, dass der innere Wohnkomfort als Vergröberung nach außen durchgeschlagen ist: Aus der Bescheidenheit des Wiederaufbaus ist Öde der Wohlhabenheit geworden; das ändern weder Energieeffizienz noch Panoramablick.

Trotz ästhetischer Dürftigkeit ist der Neubau Vorposten der Gentrifizierung, die ans historische Mainufer drängt. Denn nahe bei ihm gähnt die Riesenbaustelle des künftigen „Maintor Quartiers“, auch „Riverside Financial District“ genannt. Nach dem kürzlichen Abriss der Degussa-Werke (darunter einige wunderbar schwungvolle Travertin-Bauten von 1953) soll nun „exklusives“ Arbeiten, Wohnen und Konsumieren in „hochklassigen“ Neubauten gebündelt werden.

„Frankfurts schönste Dachterrasse“

An den Bauzäunen verheißen die zuständigen Architekten neben attraktiven Porträtfotos ökologische, energetische und konsumptive Paradiese. Bekräftigt werden ihre Versprechen von Animationen leuchtend weißer Kuben und Türme aus (Kunst-)Stein und Glas. Sie heißen „Panorama“, „Primus“ und „Porta“, (Arbeiten), „Patio“ und „Palazzi“ (Wohnen); ein geschontes, weil denkmalgeschütztes Landhaus von 1823 wird künftig den Titel „Main-Palais“ tragen - schwacher Trost dafür, dass der edle klassizistische Bau bald von den Neubauten umzingelt sein wird.

Die Seifenblasen der Animationen platzen auf den zweiten Blick. Deutlich wird, dass die teils hochkant, teils bäuchlings postierten Vierkante des Quartiers unter ihren seidigen Verpackungen und hinter ihrer Energieeffizienz wenig anderes sind als die Container des Betonbrutalismus vor vierzig Jahren; rationell, multifunktionell, austauschbar. Man dreht sich sonderbar im Kreis: Wie der Neubau an der Leonhardskirche ein fader Aufguss der „armen“ fünfziger Jahre ist, wiederholt das Maintor die Würfelei der siebziger Jahre.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Mietpreisbremse in der Kritik Was die Mieten wirklich senkt

Die Mietpreisbremse wirkt nicht. Zu diesem Schluss kommen mehrere Studien. In guten Lagen setzt sich der Markt durch. An welchen Stellschrauben man drehen könnte, um die Mietpreise wirklich zu senken. Mehr

17.05.2016, 15:16 Uhr | Wirtschaft
Geburtstag 10 Jahre Berliner Hauptbahnhof

Zehn Jahre nach der Eröffnung des Berliner Hauptbahnhof polarisiert der gläserne Bau im Herzen der Hauptstadt nach wie vor: Während die einen den Hauptbahnhof für ein architektonisches Meisterwerk halten, bemängeln andere die gigantische Größe, die den täglich etwa 300.000 Reisenden und Besuchern viel Fußarbeit abverlangt. Mehr

20.05.2016, 08:51 Uhr | Gesellschaft
Viertel im Aufschwung Last Exit Rödelheim

Kaum ein Frankfurter Viertel wächst derzeit so stark wie die Heimat von Moses P. Viele Bauprojekte nehmen Gestalt an. Das hat sich herumgesprochen. Mehr Von Rainer Schulze, Frankfurt

20.05.2016, 15:04 Uhr | Rhein-Main
Alter Flugplatz Bonames Frankfurt stoppt Bauarbeiten an Flüchtlingsunterkunft

Das Frankfurter Verwaltungsgericht hat die Stadt Frankfurt aufgefordert, die Bauarbeiten für die Flüchtlingsunterkunft am Alten Flugplatz in Bonames wegen des von einer Bürgerinitiative beantragten Baustopps bis zur Gerichtsentscheidung ruhen zu lassen. Mehr

03.05.2016, 17:01 Uhr | Rhein-Main
Wie Kinder wohnen Stubenhocker und Straßenkinder

Innenstadt, Vorort oder zehnter Stock? Wie Kinder wohnen, ist entscheidend für ihre Entwicklung. Welche Faktoren sind wichtig für eine sichere und vor allem glückliche Kindheit? Mehr Von Judith Lembke

27.05.2016, 08:53 Uhr | Wirtschaft
Glosse

Hut ab!

Von Thomas Thiel

Vorsicht Unfallgefahr: In England soll jetzt Schluss sein mit der kollektiven Unsitte, beim Universitätsabschluss Doktorhüte in die Luft zu werfen. Und noch andere Maßnahmen zum Schutze aller tun Not. Mehr 1 14

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“