Home
http://www.faz.net/-gqz-74ehp
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Boom der Wohnanlagen Vor dem Gewinn sind alle gleich

Nachverdichtung nennen Investoren und Städteplaner die neuen Wohnanlagen in unseren Innenstädten. Viele aber sehen darin die Trutzburgen Neureicher.

© Maintor Quartier Vergrößern Hier können Sie demnächst einziehen: Simulation des Maintor Quartiers, das gerade in der Frankfurter Innenstadt entsteht

Tot, kalt, künstlich. Die fahlroten rasiermesserscharfen Platten können nur Kunststein sein. Das beweist fünf Schritte weiter der Vergleich mit natürlichem Rotsandstein. Geädert, warmtonig, mit einer Oberfläche, unter der Leben zu pulsieren scheint, weckt er die Lust, ihn zu berühren. Der echte Stein schmückt seit Jahrhunderten die romanische Leonhardskirche am Frankfurter Mainufer. Der künstliche verkleidet seit kurzem einen Altan am Erdgeschoss eines Neubaus ihr gegenüber. Der Unterschied ist der zwischen individueller und computergenerierter Architektur, zwischen Kunst und Kalkül, zwischen Lauterkeit und Bluff.

Dieter  Bartetzko Folgen:  

Vom Altan aus muss die Aussicht auf den Fluss herrlich sein. Mehr Gutes kann über das neue Haus nicht gesagt werden: Ein weißes Trampeltier zeitgenössischen Bauens, drängt es auf die Kirche zu und bleibt - was achthundert Jahre lang keines der Altstadthäuser wagte - nur knapp unterhalb von deren Giebelspitze. Ein ästhetischer Ausgleich für den Gewaltakt fehlt - die mainseitige Fassade langweilt mit sturen Fensterreihen und Balkonen unter einem mageren, von gedrungenen Großgauben umsäumten Mansarddach. Zur Kirche und an der Rückseite treten plumpe Risalite mit groben Knickgiebeln nach vorn; nicht Bereicherung, sondern Verlegenheit.

Öde der Wohlhabenheit

Fünf Vollgeschosse und ein Dachgeschoss, pseudopariserische Dachkonturen und ein schwarzer Kunstbasaltsockel. Für diese Mäßigkeit wurde ein Haus des sozialen Wohnungsbaus der fünfziger Jahre beseitigt. Einwände gab es nicht - wir haben uns daran gewöhnt, in dieser Architektur Dutzendware zu sehen. Doch der Blick auf die Wiederaufbauzeilen am Mainufer zeigt anderes: Was 1950 an Baumaterialien fehlte, machte man wett durch gute Proportionen, feingliedrige Strukturen und elegante, am einstigen Frankfurter Klassizismus geschulte Linienführung.

Flüchtig betrachtet gleicht kurioserweise das neue Haus, das Eigentumswohnungen des „gehobenen Preissegments“ birgt, seinem Vorgänger. Doch näher betrachtet wird klar, dass der innere Wohnkomfort als Vergröberung nach außen durchgeschlagen ist: Aus der Bescheidenheit des Wiederaufbaus ist Öde der Wohlhabenheit geworden; das ändern weder Energieeffizienz noch Panoramablick.

Trotz ästhetischer Dürftigkeit ist der Neubau Vorposten der Gentrifizierung, die ans historische Mainufer drängt. Denn nahe bei ihm gähnt die Riesenbaustelle des künftigen „Maintor Quartiers“, auch „Riverside Financial District“ genannt. Nach dem kürzlichen Abriss der Degussa-Werke (darunter einige wunderbar schwungvolle Travertin-Bauten von 1953) soll nun „exklusives“ Arbeiten, Wohnen und Konsumieren in „hochklassigen“ Neubauten gebündelt werden.

„Frankfurts schönste Dachterrasse“

An den Bauzäunen verheißen die zuständigen Architekten neben attraktiven Porträtfotos ökologische, energetische und konsumptive Paradiese. Bekräftigt werden ihre Versprechen von Animationen leuchtend weißer Kuben und Türme aus (Kunst-)Stein und Glas. Sie heißen „Panorama“, „Primus“ und „Porta“, (Arbeiten), „Patio“ und „Palazzi“ (Wohnen); ein geschontes, weil denkmalgeschütztes Landhaus von 1823 wird künftig den Titel „Main-Palais“ tragen - schwacher Trost dafür, dass der edle klassizistische Bau bald von den Neubauten umzingelt sein wird.

Die Seifenblasen der Animationen platzen auf den zweiten Blick. Deutlich wird, dass die teils hochkant, teils bäuchlings postierten Vierkante des Quartiers unter ihren seidigen Verpackungen und hinter ihrer Energieeffizienz wenig anderes sind als die Container des Betonbrutalismus vor vierzig Jahren; rationell, multifunktionell, austauschbar. Man dreht sich sonderbar im Kreis: Wie der Neubau an der Leonhardskirche ein fader Aufguss der „armen“ fünfziger Jahre ist, wiederholt das Maintor die Würfelei der siebziger Jahre.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Frankfurt baut aus Unsere Stadt will größer werden

In Frankfurt drehen sich die Kräne schneller, denn mit der steigenden Zahl der Bewohner wachsen auch die Bedürfnisse. Das stellt die Stadtplaner vor enorme Probleme. Wir zeigen die wichtigsten Baustellen und das zukünftige Gesicht Frankfurts in einer interaktiven Übersicht. Mehr Von Rainer Schulze

20.02.2015, 09:05 Uhr | Gesellschaft
Hamburg Der Wohnungsbau boomt

In der Elb-Metropole Hamburg werden so viele Wohnungen gebaut, wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Das spektakulärste Projekt: der ehemalige Baakenhafen. Mitten in der exklusiven HafenCity entstehen 2000 Wohnungen, nur ein Viertel davon Eigentumswohnungen, der Rest Sozial-, Alten-, Studentenwohnungen. Mehr

04.02.2015, 11:13 Uhr | Wirtschaft
Immobilien Im Häuserkampf

Altmieter verlangen noch stärkere Rückendeckung gegen Luxussanierungen und steigende Wohnkosten. Die Politik liefert – und greift damit tief in die Rechte der Hauseigentümer ein. Das schadet am Ende der ganzen Stadt. Mehr Von Judith Lembke

01.03.2015, 09:06 Uhr | Wirtschaft
Immobilienmarkt Berlin Explodierende Mieten, steigende Wohnungspreise

Nirgendwo in Deutschland sind die Mieten so stark gestiegen wie in Berlin. Auch Eigentumswohnungen sind in nur einem Jahr um bis zu 35 Prozent teurer geworden. Und mehr als 200 Bewerber um eine einzige Mietwohnung sind keine Seltenheit. Mehr

26.01.2015, 16:37 Uhr | Wirtschaft
Frankfurter Westhafen Ein Haus, das Pink Floyd singt

Der Westhafen entwickelt sich weiter. Hinter der Eisenbahnbrücke entstehen drei Wohnhäuser: ein 66-Meter-Turm, ein 38 Meter hohes Gebäude und ein Studentenwohnheim. Mehr Von Rainer Schulze

26.02.2015, 12:32 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 17.11.2012, 15:00 Uhr

Unser Bodo

Von Michael Hanfeld

„Astreine One-Man-Show“? Salve.TV sinkt vor Thüringens Ministerpräsident in den Staub. Kritisch-distanzierter Blick? Journalistisches Prestige? Eine mediale inszenierte Sendung mit und vor allem für einen Politiker. Mehr 16 40