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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Boom der Wohnanlagen Vor dem Gewinn sind alle gleich

Nachverdichtung nennen Investoren und Städteplaner die neuen Wohnanlagen in unseren Innenstädten. Viele aber sehen darin die Trutzburgen Neureicher.

© Maintor Quartier Hier können Sie demnächst einziehen: Simulation des Maintor Quartiers, das gerade in der Frankfurter Innenstadt entsteht

Tot, kalt, künstlich. Die fahlroten rasiermesserscharfen Platten können nur Kunststein sein. Das beweist fünf Schritte weiter der Vergleich mit natürlichem Rotsandstein. Geädert, warmtonig, mit einer Oberfläche, unter der Leben zu pulsieren scheint, weckt er die Lust, ihn zu berühren. Der echte Stein schmückt seit Jahrhunderten die romanische Leonhardskirche am Frankfurter Mainufer. Der künstliche verkleidet seit kurzem einen Altan am Erdgeschoss eines Neubaus ihr gegenüber. Der Unterschied ist der zwischen individueller und computergenerierter Architektur, zwischen Kunst und Kalkül, zwischen Lauterkeit und Bluff.

Dieter Bartetzko † Folgen:

Vom Altan aus muss die Aussicht auf den Fluss herrlich sein. Mehr Gutes kann über das neue Haus nicht gesagt werden: Ein weißes Trampeltier zeitgenössischen Bauens, drängt es auf die Kirche zu und bleibt - was achthundert Jahre lang keines der Altstadthäuser wagte - nur knapp unterhalb von deren Giebelspitze. Ein ästhetischer Ausgleich für den Gewaltakt fehlt - die mainseitige Fassade langweilt mit sturen Fensterreihen und Balkonen unter einem mageren, von gedrungenen Großgauben umsäumten Mansarddach. Zur Kirche und an der Rückseite treten plumpe Risalite mit groben Knickgiebeln nach vorn; nicht Bereicherung, sondern Verlegenheit.

Öde der Wohlhabenheit

Fünf Vollgeschosse und ein Dachgeschoss, pseudopariserische Dachkonturen und ein schwarzer Kunstbasaltsockel. Für diese Mäßigkeit wurde ein Haus des sozialen Wohnungsbaus der fünfziger Jahre beseitigt. Einwände gab es nicht - wir haben uns daran gewöhnt, in dieser Architektur Dutzendware zu sehen. Doch der Blick auf die Wiederaufbauzeilen am Mainufer zeigt anderes: Was 1950 an Baumaterialien fehlte, machte man wett durch gute Proportionen, feingliedrige Strukturen und elegante, am einstigen Frankfurter Klassizismus geschulte Linienführung.

Flüchtig betrachtet gleicht kurioserweise das neue Haus, das Eigentumswohnungen des „gehobenen Preissegments“ birgt, seinem Vorgänger. Doch näher betrachtet wird klar, dass der innere Wohnkomfort als Vergröberung nach außen durchgeschlagen ist: Aus der Bescheidenheit des Wiederaufbaus ist Öde der Wohlhabenheit geworden; das ändern weder Energieeffizienz noch Panoramablick.

Trotz ästhetischer Dürftigkeit ist der Neubau Vorposten der Gentrifizierung, die ans historische Mainufer drängt. Denn nahe bei ihm gähnt die Riesenbaustelle des künftigen „Maintor Quartiers“, auch „Riverside Financial District“ genannt. Nach dem kürzlichen Abriss der Degussa-Werke (darunter einige wunderbar schwungvolle Travertin-Bauten von 1953) soll nun „exklusives“ Arbeiten, Wohnen und Konsumieren in „hochklassigen“ Neubauten gebündelt werden.

„Frankfurts schönste Dachterrasse“

An den Bauzäunen verheißen die zuständigen Architekten neben attraktiven Porträtfotos ökologische, energetische und konsumptive Paradiese. Bekräftigt werden ihre Versprechen von Animationen leuchtend weißer Kuben und Türme aus (Kunst-)Stein und Glas. Sie heißen „Panorama“, „Primus“ und „Porta“, (Arbeiten), „Patio“ und „Palazzi“ (Wohnen); ein geschontes, weil denkmalgeschütztes Landhaus von 1823 wird künftig den Titel „Main-Palais“ tragen - schwacher Trost dafür, dass der edle klassizistische Bau bald von den Neubauten umzingelt sein wird.

Die Seifenblasen der Animationen platzen auf den zweiten Blick. Deutlich wird, dass die teils hochkant, teils bäuchlings postierten Vierkante des Quartiers unter ihren seidigen Verpackungen und hinter ihrer Energieeffizienz wenig anderes sind als die Container des Betonbrutalismus vor vierzig Jahren; rationell, multifunktionell, austauschbar. Man dreht sich sonderbar im Kreis: Wie der Neubau an der Leonhardskirche ein fader Aufguss der „armen“ fünfziger Jahre ist, wiederholt das Maintor die Würfelei der siebziger Jahre.

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