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Bonns Regierungsviertel : Budenzauber

Wird verschoben: der Kiosk im Regierungsviertel Bild: picture-alliance / dpa

Potemkinsches Bundesdorf: Der Abschied der ehemaligen deutschen Hauptstadt Bonn von ihrer Geschichte vollzieht sich in Riesenschritten. Im rheinischen Strukturwandel zahlt die Historie drauf.

          Der Abschied der „Bundesstadt“ Bonn von ihrer Geschichte vollzieht sich in Riesenschritten. Im rheinischen Strukturwandel zahlt die Historie drauf. Nachdem der Investor für das Internationale Kongreßzentrum Bundeshaus Bonn (IKBB) endlich gefunden ist und dieses seit der Vertragsunterzeichnung im März als United Nations Campus Center (UNCC) firmiert, wird im ehemaligen Regierungsviertel noch einmal mit der Abrißbirne gekegelt. Ein amerikanisch-südkoreanischer Konzern will das hundertvierzig Millionen Euro teure Projekt nach dem Entwurf der Münchner Architektinnen Ruth Berktold und Marion Wicher, die Ende 2004 den Wettbewerb gewannen, stemmen und dreißig Jahre lang betreiben.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Das parkähnliche Areal zwischen Heussallee, Görres- und Dahlmannstraße ist schon gerodet und weitgehend leer geräumt. In den nächsten sechs Monaten haben hier erst einmal die Bodendenkmalpfleger das Sagen, die nach Spuren der römischen Siedlung, dem Vicus Bonnensis, suchen. Noch stehen die Villa Dahm, in der von 1955 bis 1999 die Deutsche Parlamentarische Gesellschaft (und davor die Deutsche Presse-Agentur) ihren Sitz hatte, sowie die letzte von einst sieben Pressebaracken, ein in seiner Bescheidenheit typisches „Provisorium“ mit Walmdach aus dem Jahr 1949. Obwohl beide in die Denkmalliste eingetragen sind, müssen sie der Zukunftsinvestition weichen.

          Ein Wohnhaus, das Geschichte schrieb

          Das imposante Doppelwohnhaus im neoklassizistischen Stil, das der Kaufmann Jakob Dahm 1876 für zwei seiner Söhne errichten ließ, hat Geschichte geschrieben, kam es in seinen Räumen doch abseits der formalisierten Meinungs- und Willensbildung im Plenum und in den Ausschüssen zu vertraulichen Beratungen, so daß, wie Carlo Schmid sich erinnerte, „mit die entscheidendsten und wichtigsten Kompromisse an den weiß gedeckten Tischen dieses Hauses gefunden“ wurden.

          Der vom Haus der Geschichte konzipierte „Weg der Demokratie“ erhält hier, wo die Kreise von Politik und Presse sich schneiden, eine empfindliche Leerstelle, die der Plan, ein Foto des Verlustobjekts auf die Fassade des Kongreßzentrums zu projizieren, nur noch betont: Potemkinsches Bundesdorf. Als Gebäude aus dem neunzehnten Jahrhundert steht die Villa Dahm mit dem Palais Schaumburg, dem früheren Bundeskanzleramt, und der Villa Hammerschmidt, dem zweiten Amtssitz des Bundespräsidenten, in der Reihe großbürgerlicher Anwesen am Rhein. Ihr Inventar soll, da das Haus der Geschichte kein Interesse hat, in der zweiten Maiwoche veräußert werden.

          Umgewidmet zu Büros

          Nachdem in der Dahlmannstraße, die die Nähe von Politik und Medien repräsentiert, schon das Studio des WDR und die ehemalige Landesvertretung von Niedersachsen und Sachsen-Anhalt weichen mußten, wird ihnen das 1959 von dem Karlsruher Architekten Karl Selg entworfene dreigeschossige Laubenganghaus an der Saemischstraße folgen, in dem fast die gesamte Politprominenz unter der Woche ihr müdes Haupt bettete. Lediglich bei den drei Appartementhäusern für Abgeordnete an der Heussallee, die 1964 von der Planungsgruppe Stieldorf errichtet wurden, konnte sich die Denkmalpflege behaupten: Eines von ihnen soll ein Informationscenter der Vereinten Nationen aufnehmen, die im nahen „Langen Eugen“ von Egon Eiermann ihren „Campus“ aufschlagen, die beiden sollen anderen zu Büros umgewidmet werden.

          Nicht an seinem angestammten Platz bleibt der Kiosk gegenüber dem Bundeshaus, dessen heiße Wurst manch ein Parlamentarier der Rede seines Fraktionsvorsitzenden vorzog. Als ob der Pavillon, der 2001 zum Denkmal erhoben wurde, nicht an diesen Ort gebunden wäre, soll er um ein paar hundert Meter verschoben und in der Heussallee wieder aufgebaut werden. Wie ein Versatzstück behandelt, macht das einst berühmteste Büdchen der Republik mit diesem kleinen Umzug beispielhaft anschaulich, wie wenig Sinn für die Authentizität des Ortes seit dem großen Umzug der Regierung in Bonn noch vorhanden ist.

          Mit dem UNCC, das die bestehende Architektur nicht mit ähnlicher Sensibilität aufnimmt und fortsetzt wie der formidable Schürmannbau, verliert das ehemalige Regierungsviertel viele seiner Strukturen und Bezüge und damit auch seine Lesbarkeit. Wie Politik am Rhein sich abgespielt und funktioniert hat, wird, wenn das Kongreßzentrum Ende 2008 fertiggestellt ist, kaum mehr zu erkennen sein.

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