08.06.2009 · Die Bildung der nächsten Generation geht nicht nur die Eltern an, sondern die ganze Gesellschaft. Dazu benötigen wir eine zweite Aufklärung. Die Dankesrede von Frank Schirrmacher zum diesjährigen Ludwig-Börne-Preis.
Von Frank SchirrmacherRichtlinien für Lesermeinungen
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Nun muss nur noch der Ödipus auftauchen, der das hier der Leserschaft gestellte Rätsel – was möchte der Autor damit eigentlich sagen? – zu lösen vermag; denn alles im allem ist es ein buntes Potpourri aus dem Leben des Namensstifters, dem notorischen deutschen Schuldkomplex, aktuellem Antisemitismus aus der mohammedanischen Welt, der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise und verzweifelten Anklängen an das Junge Deutschland (nachdem die FAZ vor einiger Zeit versuchte mit M. Mosebach mal so richtig reaktionär zu sein, dieser Schriftsteller hatte nämlich den französischen Revolutionsrecken A. Saint-Just, in der dramatischen Bearbeitung Büchners, mit Hitlers Mordschergen H. Himmler verglichen, aus welchen Gründen auch immer); es bleibt also abzuwarten, ob sich der passende Ödipus für diese Sphinx findet...
Kann nicht auch eine bildungspolitische Abschottung einer bestimmten Elite von der Gesamtgesellschaft zum Niedergang der letzteren beitragen?
Bildung ist mehr als Bildung
insbesondere viel mehr als das was man heute als marktgerechten Zuschnitt junger Menschen vermarktet.
Nun hat die FAZ ja eine grosses Gestaltungspotential (Bildungspotential), wie wäre es, dieses Potential in die Gestaltung einer tragfähigen Bildungsvision einzubringen?
Gescheites, Revolutionäres in der FAZ
Ja, Herr Schirrmacher, Sie haben recht: Solidarität mit dem jungen Deutschland! Die Gretchenfrage lautet jedoch: Wer soll das umsetzen oder besser Ins-Werk-setzen? Die Länder-Kultusminister sind in ideologischen Grabenkriegen verstrickt, halten zum Teil am zementierten viergliedrigen Schulsystem fest, pädagogische Innovationen kommen nicht voran. Die Kultusministerkonferenz bezeichnete schon Altbundeskanzler Helmut Kohl als „die reaktionärste Einrichtung der Bundesrepublik, im Vergleich dazu ist der Vatikan noch weltoffen.“
Was bleibt? Neben vielen engagierten PädagogInnen vor Ort, die unbedingt Rückendeckung für Innovationen brauchen, sind die Medien gefordert: Fernsehen, Internet, Print. Das Fernsehen, insbesondere der öffentlich-rechtliche, zeigt für jedermann ersichtlich, dass eine Bildungsvision möglich ist. Der öffentliche Bildungsauftrag ist im Rundfunkstaatsvertrag festgelegt. Entsprechende Konzeptionen für qualitiative Bildungssendungen liegen entscheidungsreif vor. Auch ein Vorzeige-Projekt: Vom ausgemusterten Hauptschüler in 2 Jahren direkt zum Abitur! Die FAZ als ein wirkungsmächtiges Medium der öffentlichen Meinungsbildung spricht in den nächsten Monaten Klartext.
Grüße vom Bildungswirt
Visionen ja! Es geht alle an, aber keine einseitige Bringschuld des Staates!
Vielem kann man zustimmen. Gleichwohl erstaunt z.B. die Vorstellung, dass offenbar alle Abitur und Hochschulabschluss haben müssten (egal wie mäßig!), als ob wir keine Fachkräfte auf allen Ebenen bräuchten! Angesichts des oft „elitären“ Feuilleton überrascht die Frage, warum manche Kinder reüssieren, andere nicht, so als ob es nicht Intelligenz, unterschiedliche Begabungen, Leistungsbereitschaft und – fähigkeit gibt! Und es gibt auch welche, die es nicht schaffen trotz Anstrengung! In allen Bereichen, Sport, Musik etc. – nicht nur auf dem Spitzenniveau, ist dies anerkannt; die Menschen sind unterschiedlich, nicht alle können dasselbe! Unser Bildungssystem ist durchlässig und bietet jedem Chancen - jeder muss aber selbst seinen Beitrag bringen! Wir haben Massenzuwanderung bildungsfernster und an Bildung oftmals desinteressierter Großfamilien – kein Querschnitt der dortigen Länder - mit archaischen Vorstellungen, der Scharia mehr verbunden als dem GG. Angesichts eines großzügigen Sozialsystems sehen viele keinerlei Notwendigkeit, sich überhaupt anzustrengen. Wir müssen dies aber wenigstens selbstbewusst einfordern ebenso die Anerkennung unserer Rechts-/Werteordnung. Hoffentlich ist es erst 5 vor und nicht schon 5 nach 12!
Staatstragende Preise und wie Thomas Bernhard sie schilderte
Thomas Bernhard, allem seichtem Geschwätz abhold, schildert uns seine Erlebnisse anläßlich der Verleihung des österreichischen Staatspreises in „Meine Preise“ wie folgt:"Ich konnte natürlich nicht wissen, ob das, was der Minister über meine Mitgefeierten verlesen hatte, stimmte, was er über mich sagte, war beinahe alles falsch und auf das grobschlächtigste aus der Luft gegriffen. Er erwähnte zum Beispiel, daß ich einen Roman verfaßt habe, der auf einer Südseeinsel spielte, worüber ich in dem Augenblick, in welchem der Minister diese Mitteilung machte, zum ersten mal hörte. Alles war falsch gewesen, was der Minister sagte... ich bin es gewohnt, daß Politiker bei solchen Gelegenheiten immer nur Unsinn und aus der Luft Gegriffenes zum Besten geben, warum sollte es bei Herrn Piffl-Percevic anders sein. Was mich aber zutiefst verletzen mußte, war doch die Mitteilung des Ministers, daß ich, und das habe ich noch wörtlich im Ohr, ein in Holland geborener Ausländer sei, der jetzt aber schon einige Zeit unter uns lebe.“ Anschließend schildert uns Bernhard noch die drastische Reaktion des Ministers auf seine Dankesrede, die von der Lächerlichkeit alles Menschlichen handelte.
Mal wieder ein großartiger Beitrag von Frank Schirrmacher zu der immens wichtigen Frage, wie wir unser Land auf die Zukunft vorbereiten. Interessant fand ich vor allem den Gedanken, den demographischen Wandel mit der Notwendigkeit der Bildung unserer Kinder zu verbinden. Wenn ich ihn richtig verstanden habe: Es ist unumgänglich, unsere Kinder auf ein möglichst hohes Bildungsniveau zu bringen, um ihnen zu ermöglichen, aus Krisen wie diesen und vorhergangenen die richtigen Schlüsse zu ziehen und so den Untergang der abendländischen Kultur zu verhindern. Ebenfalls habe ich mich gefreut, dass er an so prominenter Stelle auf die Verdummungsindustrie in unserer Gesellschaft hinweist, die uns irgendwann in den Ruin treiben wird. Große Teile unseres Fernsehens sind leider schon davon betroffen und ziehen aus der Doofheit des Publikums Profit. (Call-In-Shows, Talkshows, Sendungen wie "The biggest Loser" oder "Eltern auf Probe") Es bleibt nur zu hoffen, dass das viele Geld, dass Bund und Länder für die Bildung in den nächsten Jahren einsetzen wollen, vernünftig eingesetzt wird.