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Bob Dylan: Er hat unsere Köpfe befreit

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Er hat unsere Köpfe befreit

Von EDO REENTS

14.10.2016 · Er hat den Ur-Meter ans Singer-Songwritertum gelegt, und jeder seiner Nachfolger muss sich an ihm messen. Aber wird man Bob Dylan mit dem Literaturnobelpreis gerecht?

Ist die Welt jetzt verrückt geworden? Der bedeutendste Solokünstler, den die Rockmusik, ja, die Unterhaltungsmusik überhaupt hervorgebracht hat, bekommt den Literaturnobelpreis. Damit ist wenigstens die eine, seit langem gestellte Frage beantwortet: Kann der Autor von Lyrik, die eher nicht fürs leise oder laute Lesen geschrieben, sondern fast immer zusammen mit der ebenfalls von diesem Autor stammenden Musik gehört wird, mit dieser Auszeichnung überhaupt bedacht werden? Offensichtlich ja. Das schwedische Komitee begründete seine Entscheidung ganz richtig, aber auch überflüssigerweise mit dem knappen Hinweis auf die „Poesie“ und auf die „neuen poetischen Ausdrucksformen, die innerhalb der großen amerikanischen Songtradition geschaffen“ wurden – was hätte auch sonst den Ausschlag geben können? Doch steht diese Lyrik, die inzwischen wohl mehr als tausend Songtexte umfasst, für sich, „funktioniert“ sie autonom? Auf diese Frage muss jeder eine eigene Antwort finden.

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Bob Dylan TV Die Hymne der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung: „Blowing in the Wind“ aus dem Jahr 1962.

Es kann jedenfalls kein Zweifel daran sein, dass dieser Sänger auf eine Weise bewusstseinsbildend wirkte und weiterhin wirken wird, die kaum einem anderen Künstler, ja, kann man sagen: vergönnt ist? Dylan selbst war es von Anfang an nicht recht, dass er für das Denken anderer Leute in Haftung, für eine Haltung oder auch nur Hoffnung, gar als moralische Instanz in Anspruch genommen wurde. Dies war, nach der kurzen Phase der Protestsängerei zwischen 1962 und 1964, denn auch kaum mehr möglich. Zu verrätselt, zu vieldeutig wurden in der Folge seine Texte, nachdem er für das, was damals so in der Luft lag, bis heute gültige Chiffren gefunden hatte. „Blowin’ in the Wind“, „The Times They Are A-changin’“, „A Hard Rain’s A-gonna Fall“ und viele andere aus der ganz frühen Zeit waren ja immens wichtige Lieder; doch ihrer Lyrik wird man kaum den Rang einräumen, den, sagen wir, T. S. Eliots „Waste Land“ besitzt.

Ihre eigentliche Wirkung bezogen sie aus etwas anderem, aus Dylans rotzlöffeliger Attitüde und seiner näselnd-krächzenden Stimme, die man sonst nur von Lungenkranken kannte. Die Musik, in der Regel nur eine akustische Gitarre, war dabei nebensächlich; aber die „Botschaft“, wenn es je so etwas bei ihm gab, hörte man wohl: gegen den Atomkrieg und anderes Elend, vor allem aber gegen klare Antworten, falsche Gewissheiten, ja, gegen Sicherheit überhaupt.

© Getty, dpa, Picture-Alliance Einflussreich über Jahrzehnte durchlief Dylan experimentelle und christliche Phasen, um doch immer wieder zum klassischen Singer/Songwriter-Stil zurückzukehren.


Die jetzige Entscheidung, die noch nie einen Künstler so entschieden in zwei Hälften zerlegt hat (und auch zerlegen musste) wie diesmal, kann deshalb gar keine politische sein; und das ist schon mal erfreulich. Sie legt es vielmehr nahe, Dylans Lyrik, die oft nur rhythmisierte Prosa, aber immer irgendwie „Poesie“ ist, eben doch als Kunstwerk eigenen Ranges zu begreifen, das unabhängig von humanitären Wünschbarkeiten existiert. Sie geht, wenn man so will, aufs Konto der einzig richtigen Betrachtungsweise, nämlich der ästhetischen.

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SomDRock Hart ist das Musikerleben auf Tour: „Like a Rolling Stone“ von 1965.

Andernfalls hätte man dieser souverän tautologischen Begründung noch etwas hinzufügen müssen, und das wäre schwierig geworden. Dylan hat nämlich immer seine Kunst für sich sprechen lassen; er hat selten etwas Verbindliches gesagt und nie zu etwas aufgerufen; er hat es nie jemandem recht gemacht und sich nicht nach irgendwelchen Erwartungen gerichtet. Dennoch wird mit dem Preis jetzt kein enfant terrible eingefangen, mit dem sich die Damen und Herren von der Akademie eine hübsch schillernde Feder ans Revers heften könnten. Dazu haben er und seine Kunst zu oft die Gestalt gewechselt.

Dylan war der vermeintlich gutwillige Folksänger, der bleiche, plötzlich unerhört höhnisch artikulierende Beatnik-Fürst des elektrifizierten Rock – man höre nur sein absolutes Meisterwerk „Like a Rolling Stone“ –, ein zurückgezogener Countryman, ein so waidwunder wie wütender Sänger, der auf einer Platte die zärtlichsten Liebeslieder und den überzeugendsten, am Ende sogar wirksamen Minderheitenschutz (für den Boxer Ruben „Hurricane“ Carter auf der Platte „Desire“, 1975) unterbrachte, ein mit dem Judentum Schluss machender Gospelsänger, der aus seinen irritierend zuversichtlichen Botschaften großartige Rockmusik machte (in seiner „christlichen“ Phase 1979 bis 1981), ein indisponierter Altrocker und schließlich, seit dem Anbrechen des Alterswerks 1997, ein von fast tödlicher Krankheit wieder auferstandener Meister, der die komplette amerikanische Songtradition und die Weltliteratur mit einer Unverfrorenheit beklaut, die einem Geringeren vermutlich das Genick gebrochen hätte, „a walking contradiction, partly truth and partly fiction“, wie Kris Kristofferson sagte, ein wandelnder Gegensatz, halb wahr und halb erfunden.

© dpa Seit etwa 1997 ist die Phase des Alterswerks angebrochen. Über die Entscheidung des Nobelpreiskomitees wird er vermutlich nur mit den Achseln zucken.

Unverkennbar mutet das alles exemplarisch an, „exemplarisch“ in dem Sinne, dass dies nicht gerade ein Leben und eine Karriere für jedermann, ja, im Grunde überhaupt nicht nachzumachen, absolut einmalig sind. Dylan selbst und auch viele seiner Anhänger würden dieser Einschätzung wohl widersprechen – aber zwangsläufig kommt dabei auch etwas Messianisches ins Spiel: Die Rätsel, die Dylan aufgab und in denen er die meiste Zeit seines Lebens gesprochen und gesungen hat, begriff man immer auch als Aufgabe zu ihrer Entschlüsselung, die am Ende jedoch nicht zu leisten ist. Und es kommt einem eine Bemerkung in den Sinn, für die Bruce Springsteen merkwürdigerweise kritisiert wurde: Elvis Presley habe die Körper befreit, Bob Dylan die Köpfe. Ersteres geschah durch Musik, Letzteres hauptsächlich mit Worten. Befreit – das bedeutet: nicht mit etwas angefüllt, sondern, eben und zuerst einmal befreit. Nur befreit? Mit seinem 1965 vollends die Oberhand gewinnenden Mut zum Assoziativ-Verrätselten und der fast buchstäblich unverschämten Konzentration auf sich selbst hat Dylan, als Erster wahrscheinlich, dem populären, auch lauten lyrischen Sprechen zu jener Subjektivität verholfen, die bis dahin hinter den überlieferten Mustern verborgen gelegen hatte; er hat den Urmeter ans Singer-Songwritertum, vielleicht sogar an damals zeitgenössische, nur sich selbst verpflichtete Autorschaft gelegt, und jeder, der nach ihm kam, musste sich daran messen, ob er wollte oder nicht.

All dies dürfte das Komitee kaum übersehen haben. In gewisser Weise setzt sie die Literatur, die in ihren Anfängen und für lange Zeit ja mündlich war, nun wieder in ihr Recht, indem sie jemanden prämiert, der kaum Bücher vorzulegen hat, der lieber zu seiner lyra singt, also lautlich in Erscheinung tritt. Denn so etwas gab es noch nicht und wird es wohl auch nicht wieder geben. Dylans Werk ist nicht als gedrucktes bedeutend, sondern, weil sich darin Bewusstseinsinhalte verdichten, die mehr Menschen zugänglich sind als bei jedem anderen Preisträger vorher, was allerdings nicht dazu verführen sollte, über der schieren Verbreitung den „demokratischen“ Aspekt dieser Kunst zu strapazieren. Dylan will die Leute primär unterhalten, mit Moritaten, wahren und erfundenen Geschichten; aber ihn interessiert es nicht, was sie über seine Texte und seine Musik „denken“, er selbst dürfte darüber auch wenig nachdenken.

© Sony Music Einen Oscar brachte Dylan der Song „Things have changed“ von 1999 ein. Er entstand für den Soundtrack von „Wonder Boys“ mit Michael Douglas als alterndem Schriftsteller.

Aber wird man Dylan mit dieser Entscheidung denn auch gerecht? Vermutlich nicht; dazu betont man (notgedrungen) zu sehr nur die eine Seite seiner Kunst, und insofern kann man von einem Missverständnis sprechen. Etwas anderes wäre es gewesen, wenn ein Schriftsteller ausgezeichnet worden wäre, der nebenbei auch noch malt. Dylans Worte aber sind an seine oder, wie die nicht mehr zählbaren Fremdfassungen seiner Lieder zeigen, an Musik überhaupt gebunden; erst in der Äußerungsform, wie sie die Rockmusik, auch dank Dylan, hervorgebracht hat, der mit Lautstärke und Druck, weniger mit Wohlgeformtheit operierenden Stimme gewinnen sie Triftigkeit, ja, überhaupt erst einen Sinn. Und Dylans Stimme ist ein sich wandelnd’ Ding, das seinen auf der Bühne unermüdlich gespielten Liedern immer wieder neue Gestalt und Bedeutung zu geben vermag. So etwas vermag eine Autorenlesung normalerweise nicht zu leisten. Eine andere Frage ist, ob Texte, die ja ohne ein Moment von Besinnung kaum zu denken sind, im auf Anheizung gerichteten Rock-Vortrag nicht doch etwas von den Wirkungsmöglichkeiten verlieren, die wir normalerweise mit „Literatur“ in Verbindung bringen. War es deshalb nicht übertrieben, als die „New York Times“ Dylan vor Ewigkeiten den „Shakespeare seiner Generation“ nannte? Nein, Dylan war schon damals und blieb das „Merkziel der Betrachter“, wie Ophelia einmal sagte.

© Picture-Alliance Spartanische Instrumentierung gehört beim ganz jungen Dylan zum Prinzip: Die Musik ist eher nebensächlich.

In seiner spezifischen Mündlichkeit hat sich, seit nunmehr 55 Jahren, etwas verdichtet, was den Menschen zugänglich ist wie eine Sagen- oder Märchensammlung, die bei jedem neuen Vorlesen oder Wiedererzählen auch ihre Gestalt ändert. Bob Dylan hat dies, unbekümmert um Publikumsreaktionen, mit einzigartiger künstlerischer Kraft vollbracht. Was wird er selbst zu dieser nun doch sehr überraschenden Entscheidung sagen? Er wird innerlich mit den Achseln zucken und aus der Tiefe seines schmächtigen Körpers grunznuscheln: „It ain’t me, babe.“

© AFP Der diesjährige Literaturnobelpreis geht an den amerikanischen Rockmusiker Bob Dylan.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 14.10.2016 12:34 Uhr