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BND-Zentrale Vertraulich ist gut

25.07.2011 ·  Der Bundesnachrichtendienst hat sich sein Image als Pleiten-, Pech- und Pannen-Brigade lange und hart erarbeitet: In der letzten Woche sollen die geheimen Baupläne der neue BND-Zentrale gestohlen worden sein. Doch was verraten sie wirklich?

Von Peter Richter
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Wer in Deutschland den BND googelt, dem schlägt die Suchmaschine erst einen Kaffeemaschinenhändler in Mutterstadt vor und dann erst den gleichnamigen Auslandsgeheimdienst. Wer freitags um 14:30 Uhr in der Pressestelle dieses Geheimdienstes anruft, der bekommt eine Bandansage zu hören. Das Büro sei nicht mehr besetzt, Freitag nach eins, jeder spioniert seins, man könne sich in dringenden Fällen an folgende Nummer wenden ... Unter der genannten Nummer sagt eine freundliche Märchenerzählerstimme: "Bundesnachrichtendienst". Dann verweist der ältere Herr einen an eine andere Nummer. Und wenn man die wählt, hört man wieder die Bandansage vom Anfang.

So ist das mit dem BND: Man weiß nie, ob man vor Lachen weinen soll oder vor Ehrfurcht erzittern. Wahrscheinlich soll man das Erste. Weil vermutlich das Zweite zutrifft. Es gibt leider kein konkretes Wort für Mimikry nach unten, aber es gibt eine Behörde, die es darin zur Perfektion gebracht hat. Der Bundesnachrichtendienst hat sich sein Image als Pleiten-, Pech- und Pannen-Brigade lange und hart erarbeitet. Das ist auch der grundlegende Unterschied zu seinem Gegenspieler aus der DDR: Vor den Machenschaften des Ministeriums für Staatssicherheit zitterte die Welt; aber hat es irgendetwas am Untergang seines Staates verhindern können? Als Bürger der Bundesrepublik darf man die Hoffnung hegen, dass der BND genau umgekehrt funktioniert. Wo von der Stasi die Rede ist, herrschen bis heute Angst und Schrecken. Hört man Neues vom BND, gibt es meistens was zu schmunzeln. Dramentheoretisch gesprochen entspricht die Stasi der Tragödie, der BND aber dem Lustspiel, der Komödie, die in ihrer normenzersetzenden Wirkung natürlich viel gefährlicher ist, wie wir von Jorge von Burgos wissen, dem blinden Bibliothekar aus Umberto Ecos "Name der Rose", der seine brisanten Informationen deshalb ja auch mit geradezu nachrichtendienstlicher Diskretion behandelt: "Die Bibliothek ist nach einem Plan entstanden, der allen Beteiligten dunkel geblieben ist, in all den Jahrhunderten; keiner der Mönche war und ist je befugt, ihn zu kennen."

Unterhosen als Merchandising

Exakt so eine Art Aedificium scheint auch das neue Hauptquartier des BND in Berlin werden zu sollen. Und ausgerechnet die geheimen Baupläne für dieses Bollwerk der Geheimhaltung sind, wie der "Focus" vergangene Woche meldete, offenbar entwendet worden.

Dabei hatten wir gerade neulich noch unseren Spaß mit diesem BND-Abteilungsleiter, der versetzt werden musste, weil er aus dem Internet pornografisches Material auf seinen Dienstcomputer heruntergeladen hatte, zur nachrichtlichen Auswertung oder zu was auch immer. Gestern erst schrieb die "Bild"-Zeitung über den "BND-Fummler", der "nach Sex-Attacken auf Agentinnen" seinen Dienstsitz nicht mehr betreten dürfe, aus Sicherheitsgründen. Das ist andererseits aber vielleicht auch gar nicht so verwunderlich in einer Behörde, die in ihrem Merchandising-Laden Unterhosen verkauft, auf denen "Verschlusssache" steht.

Unterhosen! Überhaupt: Merchandising! So weit ist es inzwischen mit dem BND. Früher wurden seine Mitarbeiter in den Medien grundsätzlich als Schlapphüte bezeichnet, und die Betonung lag dabei auffällig explizit nicht auf -hüte. Das war aber eben auch früher. Der Dienst saß in einem gemütlichen Rentnervorort von München; und wenn im Fernsehen von ihm die Rede war, dann sah man die typische Wohlstandscamouflage der alten Bundesrepublik; man sah Mercedeslimousinen durch ein Tor in einer sozialstaatsverträglich halbhoch gehaltenen weißen Mauer fahren. Am Türschild stand, als sei es ein selbstironischer Scherz sowohl über den Etat als auch die eigenen Fähigkeiten: "Bundesvermögensverwaltung. Abteilung Sondervermögen". Das war das ikonische Bild des westdeutschen Geheimdienstes. Ein Gartentor wie es jeder zweite Mittelstandsbungalow zwischen Kiel und Konstanz hat. Wenn herauskommen würde, dass sich dahinter in Wahrheit nur eine Minigolfanlage befand, man würde sich nicht wundern. Es war, als bestünde die Aufgabe des Dienstes vor allem darin, durch entschlossene Heinzehrhardthaftigkeit das Image der alten Nazis abzuschütteln, die ihn aufgebaut hatten.

Treu nach dem Image

Tja, und dann zog der BND eines Tages in die große Stadt, nach Berlin, wurde, wie viele Zuzügler aus der Provinz, ein bisschen sonderbar, fing an, mit der Unterhose zu wedeln und ließ sich ein Haus bauen, so groß und so teuer, wie es in der gesamten Geschichte der Bundesrepublik noch keins gegeben hatte. 1,5 Milliarden Euro für 260.000 Quadratmeter Bürofläche. 135.000 Kubikmeter Beton. 15.000 Fenster, durch die einst 4000 Mitarbeiter blicken sollen. Was sie sehen werden, sind in erster Linie andere Fenster. In rechtwinkeligen Knicken turnen die Gebäudeflügel breakdanceartig über die zehn Hektar, auf denen sich früher einmal, in der DDR, das Stadion der Weltjugend befunden hat. Von oben bildet der Bau eine Großform, die letztlich rätselhaft bleibt. Sie könnte eine Krake darstellen in der eckigen Auflösung früher Computerspiele. Ein chinesisches Schriftzeichen. Eine Hieroglyphe. Oder, wie der Architekt einem Reporter der "Zeit" einmal anvertraute, ein "Arschgeweih". Die Dechiffrierexperten des Bundesnachrichtendienstes werden mit dem eigenen Haus genug zu tun haben für die ersten Jahre. Die Ansicht von der Straße aus gibt dagegen weniger Rätsel auf.

Ein Architekturkritiker meinte erst diese Woche wieder, das Ganze sehe nicht aus, als ob die Baupläne weggekommen, sondern als ob sie vielmehr wiedergefunden worden wären - und zwar in der Schreibtischschublade von Albert Speer. Man darf aber sagen, dass der BND auch mit solchen Eskapaden seinem alten Image treu bleibt. Ausgerechnet ein Geheimdienst lässt sich seine geheimen Baupläne stehlen. Das ist schon wieder so eine Pointe auf Kosten derer, die es so natürlich nie zu dem furchteinflößenden Ruf eines CIA, KGB oder Mossad bringen werden, vielleicht mit Absicht. Dahinter verbirgt sich aber noch eine zweite, und die geht eher auf Kosten unserer literarischen Phantasie: Ganze James-Bond-Plots haben sich die Kollegen von der Münchener Illustrierten zusammengereimt, als sie auf dem Plan sahen, wo beim BND die Toiletten liegen und wo die Teeküchen.

Vieläugige Wände

Das steht, einerseits, ganz in der Tradition Walter Benjamins, dem ja auch jede Zimmerflucht gleich ein potentieller Tatort war; und dass der Weg ins Innere eines Geheimdienstes eben nicht durch die gepanzerten Tore, sondern durch die Pforten der Literatur führt, weil beide das gleiche Geschäft betreiben, nämlich das Mitschreiben der Welt und schließlich ihre Veränderung durch die Fiktion: Das ist, andererseits, eine Erkenntnis, auf der schon Wolfgang Hilbig seinen Roman "Ich" aufbauen konnte, in welchem es der Protagonist mit den "vieläugigen Wänden" der MfS-Zentrale zu tun bekommt. Der Poststrukturalismusfimmel der Poetenszene vom Prenzlauer Berg und ihre Bespitzelung fallen da, gleichsam nach dem eigenen Lehrbuch, in eins.

Es ist vielleicht generell kein Wunder, dass es die siebziger und die achtziger Jahre waren, die Jahrzehnte der Postmoderne, in denen die Begeisterung der Literatur für geheime Architekturen, inkommensurable Rätselbauten und Labyrinthe so groß war wie seit Jorge Luis Borges nicht mehr. Es scheint, wenn man den Monsterbau des BND verstehen will, jedenfalls sinnvoller und auch gemütlicher, sich mit Umberto Eco oder Italo Calvino in den Lesesessel zu setzen als im Regen auf der Chausseestraße in die Fassade mit den 15.000 Fenstern und noch mehr Überwachungskameras zu starren.

Notorisch unterschätzt und in Wahrheit der Allerbeste

Ein Bau, dessen Baupläne wirklich geheim sind, ist nur in der Literatur denkbar, aber nicht in der Realität. In der Realität müssen die Baufirmen und ihre Subunternehmer (hier circa 2500!) Pläne haben, nach denen sie arbeiten können. Aus Sicherheitsgründen lässt der BND aber die einzelnen Firmen offenbar gezielt im Unklaren über das Tun der anderen. Ein Bauarbeiter berichtete der "Berliner Zeitung" von einem Kleinkrieg unter den Firmen, weil die ausgehändigten Pläne nicht mit der Realität übereinstimmten. "Mal fehlt ein Loch, dann ist eine Wand im Weg, eine Kabeltrasse oder ein Heizungs- oder Abwasserrohr."

Und das klingt allerdings dann doch wieder nach großer Literatur. Es klingt nach exakt dem Chaos, das Reinhard Lettau in der Erzählung "Schwierigkeiten beim Häuserbauen" beschreibt: "Ein Lied auf den Lippen sticht der eine den Spaten ein. Vielleicht voreilig schichtet der andere Ziegelsteine aufeinander, während am gegenüberliegenden Ende des Kreises Pfähle gesteckt werden", indessen der Baumeister Befehle ruft: "Etwa: ,So und nicht anders!' oder ,Bitte nicht!'" ... Der große Reinhard Lettau. So notorisch unterschätzt. Und in Wahrheit der Allerbeste. Man kann letztlich nur hoffen, dass es sich beim Bundesnachrichtendienst ähnlich verhält.

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