VON OTTO KALLSCHEUER
Der Film hat keine frohe Botschaft. Am Ende hat das Leiden die Erlösung erschlagen. Der Ausblick auf ein leeres Grabtuch und einen mild dreinschauenden Jesus mit blutlos durchbohrter Hand überlebt das optische Kurzzeitgedächtnis nicht. Der kurze Schluß von Mel Gibsons Passionsfilm hält nicht vor.
Es bleiben zwei Stunden Ausbluten. Es bleibt das Bild eines Schmerzensmanns, dessen kräftiger, großer Leib von Wunden zerrissen und dessen Antlitz vom Schmerz geprägt, doch nicht durch die Folter verzerrt wurde. Die Maske des Jesus-Darstellers Jim Carveziel erinnert an den Leichnam, den das Turiner Grabtuch zeichnet: das Porträt eines Toten, wie gemalt aus Blut.
Das blutige Leiden Christi ist in der Neuzeit eine Spezialität der gegenreformatorischen Frömmigkeit, ebenso wie der katholische Marienkult. Verbürgt doch die jungfräuliche Muttergottes die Leibhaftigkeit des göttlichen Logos, der Fleisch geworden ist. Aus solch katholischer "Spiritualität" kommt eine Körpersprache des Blutes, die Mel Gibsons Film wörtlich nimmt. Das amerikanische Wunder von "Icon-Production" besteht darin, daß es ausgerechnet evangelikale Protestanten sind, die für diesen Film die Werbetrommel rühren.
Den Kreuzestod, jene perfide römische Folter durch stundenlanges Ersticken, zeigt uns Gibson ja gerade nicht. Doch erspart er seinem Zuschauer keinen Tropfen Blutes, er federt ihn nur mit süßlichem Soundtrack ab. Ströme von Blut werden herausgeprügelt aus Jesus, von bulligen Sadisten, von römischen Profis in Uniform. Jeder Hautfetzen wird in endlosen Geißelhieben blutgetränkt, in Zeitlupe tropft das Blut noch vom Kreuzesnagel, und jeder Tropfen dieses so üppig vergossenen Lebens muß aufbewahrt werden.
Gibson hat eine Vision der Seherin Anna Katherina von Emmerich in seinen Film aufgenommen. Annekathrin war das von Joseph Görres und Clemens von Brentano verehrte Medium einer katholisierenden deutschen Romantik. Sie hatte immerhin selbst die Wundmale Jesu empfangen und war eine rechte Blutfetischistin. Da sah sie Jesu Mutter in weißem Linnen alle Ströme von Blut aufwischen, die ihr Sohn auf der Folter vergoß. Claudia, die von Mitleiden geplagte Frau des Pilatus, bringt der Madonna des Nachts das weiße Tuch - wie Windeln zur Neugeburt von Marias Sohn.
Pilatus selbst, aus allen historischen Dokumenten als einer der brutalsten römischen Statthalter in Judäa bekannt, wird freilich in diesem Film zum zaudernden Skeptiker verharmlost; Herodes' Hofstaat gleicht einer von Fellini inszenierten Transvestitenparty; und die Hohenpriester, die Sadduzäer und Schriftgelehrten sind die üblichen Taktiker oder Zyniker der Macht.
Aber weshalb nun gerade dem Sohn der Maria der Prozeß gemacht wird, bleibt in dem Film unverständlich. Daß die Juden den Freiheitskämpfer Barrabas dem Wanderprediger Jesus vorziehen könnten, ist für Zuschauer, die den Bibeltext nicht kennen, ein Rätsel. Und das nicht wegen der aramäischen Sprache oder der lateinischen Kommandos. Dieser vermeintliche O-Ton simuliert nur historische Patina, wobei ausgerechnet das Griechische, die hellenistische Lingua franca, fehlt. Die Akteure deklamieren nur - oder schreien "Kreuziget ihn!"
Eher als dem Neuen Testament folgt Mel Gibson den 14 Stationen des Kreuzwegs katholischer Passionsandachten. Und Maia Morgenstern, wahrlich ein Madonnengesicht, begleitet alle Wehen des Schmerzensmanns auf dem endlosen Wege nach Golgatha. Sie leidet alles mit, bis sie die Füße am Kreuz küßt und zur Pieta erstarrt. Da erst blickt sie aus dem Tableau heraus.
Mariae Gegenbild ist der Satan, zugleich die einzige schauspielerische Überraschung des Films: Rosalinda Celentano als androgyne Herrin der Finsternis - als böses Pendant zur Mutter Maria. Ist da der Film zwar nicht antisemitisch, so doch frauenfeindlich? Nein, der Teufel ist mimetisch. Er lauert inmitten der Menge, die sich zu allen Zeiten Sündenböcke sucht. Nur Jesus kennt die Willkür der Verfolgung: "Ohne Grund haben sie mich gehaßt" (Joh. 15/25). Doch als er sterbend spricht "Es ist vollbracht", fährt Satan in den Abgrund.
Das Blut des Menschensohns triumphiert in diesem Leinwandspektakel nicht nur über Satan. Es hat auch den Heiligen Geist unsichtbar gemacht, den Tröster und Verteidiger der unschuldigen Opfer. Warum, zum Teufel, muß es vergossen werden? "Warum konnte Gott den Menschen nicht anders retten - oder wenn er es konnte, warum wollte er es auf diese Weise?" Das fragt zu Ende des 11. Jahrhunderts der heilige Anselm von Canterbury. Ohne diese verzweifelte Frage verstehen wir auch das Kreuz Jesu nicht.