20.01.2004 · Am vergangenen Wochenende hatte Israels Botschafter in Schweden, Zvi Mazel, in einem Stockholmer Museum ein Kunstwerk beschädigt, das auf einen palästinensischen Selbstmordanschlag bezug nimmt. Eine iraelische Historikerin kommentiert den Vorfall.
Von Fania Oz-SalzbergerMein Botschafter in Schweden, Zvi Mazel, hat sich am vergangenen Wochenende ziemlich undiplomatisch verhalten. Er durchtrennte die elektrischen Drähte eines Kunstwerks mit dem Titel „Snow White and the Madness of Truth“. Der Direktor des Stockholmer Historischen Museums, wo dies geschah, formulierte es so: Der Botschafter Israels habe "gewalttätig auf ein Kunstwerk reagiert". Mazel wiederum bestritt das Recht der Künstler, zweier schwedischer Bürger, einer davon ein früherer Israeli, auf Ausdrucksfreiheit. Dafür störte er eine Party, er benahm sich ungehörig und unhöflich. Wie die "Gulf News Daily" treffend formulierte: Er wurde "als Vandale gebrandmarkt".
Mein Botschafter hat eine Linie überschritten, die nicht überschritten werden sollte. Man sollte niemals ein Kunstwerk nur deswegen zerstören, weil es das hübsche Foto einer Mörderin von mehreren Familien in Haifa zeigt, in einem Becken voller Blut schwimmend und dazu elektronisch veränderte Musik von Bach im Hintergrund. Mein Botschafter hätte seine Hände in der Tasche lassen sollen, die Nägel schmerzhaft in die Haut gegraben, wie es viele von uns tun, wenn wir diese Art von politischen Kommentaren in Gestalt von Kunstwerken betrachten.
„Widerwärtige Deckbehauptung“
Wir sollten auch nicht der Versuchung erliegen, die elektrischen Drähte ins rotgefärbte Wasser des Swimmingpools zu halten, nur weil einer der Künstler, Dror Feiler, und der Direktor des Museums, Kristian Berg, den Medien erzählt haben, das Kunstwerk sei "eine Aufforderung, darüber nachzudenken, warum solche Dinge im Mittleren Osten geschehen". Dies ist eine der üblichen widerwärtigen Deckbehauptungen für: "Versuchen wir zu verstehen, was diese junge und gutaussehende Mörderin aus Ramallah dazu gebracht hat, sich selbst in unmittelbarer Nähe von möglichst vielen Schulkindern, die am Samstag in einem Restaurant im zionistischen Haifa Mittag essen, in die Luft zu jagen." Während die europäische Linke sich eifrig bemüht, diese Frau zu verstehen, möchte ich lieber verstehen, warum eine Generation von Holocaust-Überlebenden nie versucht hat, sich in deutschen Bussen und Bierhallen in die Luft zu sprengen. Aber jeder mag zu "verstehen versuchen", was er will.
Auch sollten wir nicht wagen, das Recht der Künstler auf freien Audruck in Frage zu stellen, zumal uns Kristian Berg daran erinnert, daß es "nie, nie erlaubt ist, Gewalt einzusetzen, und auch nie erlaubt, Künstler zum Schweigen zu bringen". Vielleicht. Ein großer israelischer Dichter, Nathan Alterman, hat einst auf einen emotionalen Appell des Vatikans an die Nationalsozialisten, kulturelle Schätze zu schonen, mit den Worten geantwortet: "Man macht sich jetzt so viele Sorgen um Skulpturen und Bilder / und bittet, sie mit Bomben zu verschonen / während das Kunstwerk, das der Kopf eines Kindes ist / gegen Wände und Mauern geschleudert wird." Ich fürchte aber, daß der schwedische Kurator bloß zusammenzucken würde. Alterman, der den Aufruf des Vatikans zur Rettung von Kunstwerken aufs Korn nahm, hatte selbst etwas von einem Vandalen, als er bei seiner Verteidigung der Kinder europäischer Juden eine dreiste Respektlosigkeit gegenüber den Leistungen sowohl der Diplomatie wie der Kunst an den Tag legte.
„Botschafter Mazels Multimedia-Performance“
Kunst jedenfalls ist eine Sache der Interpretation. Wir könnten zum Beispiel Botschafter Mazels Verhalten selbst als Kunstwerk erklären, als theatralische Improvisation oder eine Multimedia-Performance aus dem Stregreif. Dann würde Museumsdirektor Berg diesem Werk seinen Kunstschutz allein schon aus dem banalen Grund nicht verweigern, weil er es nicht in Auftrag gegeben hat. Andererseits könnte Botschafter Mazel einen Sprengstoffgürtel mitgebracht und die ganze Veranstaltung in die Luft gejagt haben. Schwedische Künstler würden sich daraufhin bald ans Werk machen und eine avantgardistische Installation schaffen, die "uns dazu auffordert, darüber nachzudenken, wie es kommt, daß solche Sachen in Stockholm passieren". Oder würden sie das nicht tun?
Botschafter Mazel, der erklärt, daß er, als er das Bild sah, "am ganzen Körper gezittert" habe, sollte einen Verweis erhalten. Aber die zivilisierten Schweden, die ihn über kultiviertes Benehmen belehrt haben, verdienen eine strengere Strafe. Das Blutbassin mit seinem palästinensischen "Schneewittchen", das von den schwedischen Behörden entgegen früheren Abmachungen mit Israel zur Ausstellung freigegeben wurde, war Teil einer Ausstellung des Historischen Museums, die mit einer internationalen Konferenz gegen Völkermord verbunden ist, die noch in diesem Monat in Schweden stattfinden wird. Sie war, mit anderen Worten, Teil eines Projekts zur Erinnerung an die Ermordung der europäischen Juden und andere Massenmorde. Europäische Amtsträger und Kuratoren, die darauf bestehen, den derzeitigen Konflikt im Mittleren Osten in den Bereich des Genozids einzubeziehen - sollten sie nicht ihre elektrischen Drähte neu wickeln lassen?