05.08.2003 · Wo sind all die grauen Wolken hin? Die Hamburger Band Blumfeld hat ein neues Album gemacht, ein Sommeralbum. Im Interview spricht das Trio über Reichtum und Rafinesse, Enge und Erfolg, Politik und Pop.
Von Johanna AdorjánEs gibt Menschen, deren ganzes Leben hat die Band Blumfeld verändert. Als 1991 ihre erste Single, "Ghettowelt", erschien - Helmut Kohl war zum zweiten Mal wiedergewählt, Deutschland vereinigt, die New Economy bahnte sich ihren Weg - wirkte das auf viele wie ein Regenguß nach Jahren der Dürre. "Baut eine Mauer um mich herum / baut eine Mauer / ein falscher Freund mehr, der nicht lockerläßt / bis du einer von ihnen bist / und wieder nur alles geordnet ist", sang Jochen Distelmeyer wütend, und die Musik war kraftvoll und jung und unmißverständlich: dagegen. Hier waren endlich wieder Menschen, die Musik machten, um zu sagen, daß sie mit der Welt um sie herum nicht einverstanden waren. Die Texte, voller Metaphern, Bilder und literarischer Anspielungen, waren Absagen an das politische System der Bundesrepublik, spiegelten aber das Leben auch im kleinen wieder. Wie geht Liebe, was stimmt nicht mit unserem Land, warum Krieg, Frauen und Männer: Ich und die Welt, die mich umgibt. Um nicht weniger ging es dieser Band aus Hamburg beziehungsweise um nicht mehr.
Nun haben Blumfeld eine neue Platte gemacht, ihre fünfte, und sie klingt anders. Gar nicht mehr wütend, nur ein bißchen verzweifelt. Sie klingt nach der leichten Melancholie, die einen anweht, wenn man in einer dieser lauen Nächte, auf dem Balkon oder der Terrasse sitzend, alleine eine Flasche Rotwein getrunken hat. Das Wissen darum, daß alles hoffnungslos ist, und die seltsame Gelassenheit, trotzdem ganz gute Laune zu haben. "Jenseits von Jedem" ist eine Sommerplatte. Nicht ganz unbeschwert, nicht ganz sorgenlos, aber trotzdem, so schlecht geht es eigentlich gar nicht: Deutschland im drückend heißen Sommer 2003.
An einem dieser schwülen Julitage geben Blumfeld in Berlin Interviews. Um es gleich vorweg zu sagen, es ist nicht ganz leicht, mit Blumfeld zu reden. Sie legen sich ungern fest, widerrufen bereits Gesagtes, und die interessantesten Sachen erzählen sie ausdrücklich off the record. Der Keyboarder Michael Mühlhaus sagt insgesamt nicht viel, der Schlagzeuger Andre Rattay findet die meisten Fragen ziemlich blöde, am meisten redet Jochen Distelmeyer. Er hat sehr blaue Augen und eine erstaunliche Frisur, einen langen seitengescheitelten Pony, der quer über seiner Stirn liegt und da auch bleibt und offensichtlich gar nicht stört.
"Es geht mir gut. Die Welt ist schön, ich lebe gern": Herr Distelmeyer, Ihre Texte sind einfacher als früher. Manchmal sind sie schon fast kitschig, weil sie so unraffiniert und ehrlich sind.
Jochen Distelmeyer: Ist das so? Weiß ich nicht. Die Platte "L'Etat et moi" spielte sehr mit ausgestellten Komplexitäten, das war damals ein Ausdruck von einem Staunen, so, guck mal, das geht ja auch, wie geil ist das denn, dieser Reichtum. Das Interesse dabei war, zu versuchen, wie man das abbilden kann. Aber wie es im Leben auch nicht möglich ist, die ganze Zeit nur Optionen zu verwalten, so funktioniert das eben in der Kunst auch nicht. Und der für mich entscheidende Punkt war zu gucken, was passiert, wenn man in die Enge geht. Bei sich oder mit den Texten, mit Sprache und mit Musik. Das heißt nicht, daß das weniger komplex wäre, aber es ist schon kleiner geworden im Schreiben, gegen das eigene Unmündigsein.
Auf der ersten Single "Wir sind frei" heißt es: "Die Träume enden in den Charts / Wem dienen Eure Lieder? / Ein Höhenflug und dann: das war's / Die Erde hat euch wieder." Eine Kritik am heutigen Musikbetrieb?
Jochen Distelmeyer: Es geht sicherlich um Musik - Billboard - oder sonstige Charts, aber auch sonst um jede Form von Ranking, von Hitlisten, Listen von Wertigkeiten, wo Relevanz als eins gedacht ist mit Verkäufen.
Vor zwei Jahren hatten Sie mit der Single "Graue Wolken" Ihren bislang größten Hit, Sie traten damit sogar in der Teeny-Popsendung "Top of the Pops" auf. Wie ist es denn, in den Charts zu sein?
Andre Rattay: Also, das ist eine komische Frage, ich weiß nicht, wie ich das verstehen soll, man lebt da ja nicht, ist ja kein Ort.
Wie ist es also, eine Platte in den Charts zu haben?
Jochen Distelmeyer: Für mich ist das sehr abstrakt - was man gemacht hat, taucht irgendwo auf. Maximal läßt sich ablesen, daß offensichtlich soundsoviel Leute mit der Platte etwas anfangen können, aber faktisch wird unser Leben davon nicht wirklich berührt. Für uns gibt es andere Kontinuitäten als die Kontinuität, wochenlang auf Platz eins zu sein.
Woran bemessen Sie Erfolg?
Jochen Distelmeyer: Was ist Erfolg, muß ich dann erst mal fragen, was soll das sein? Daß etwas gelingt?
Das ist ja die Frage: Was ist Erfolg für Sie?
Andre Rattay: Zufriedenheit mit der Platte, die wir gerade gemacht haben. Dieses Gefühl kann uns auch keiner mehr nehmen.
Ganz gleich, wie oft die sich verkauft?
Andre Rattay: Die Platte ist fertig, das ist nicht zu toppen.
Um die Geschichte der Band weiterzuerzählen. Die zweite Platte, "L'Etat et moi", erschien 1994. Blumfeld hatten mittlerweile eine große Anhängerschaft, die zwischen den Zeilen Distelmeyers Texte zu lesen versuchte. Der Blumfeld-Fan hatte studiert oder studierte noch, er stand politisch links und war mit der Gesellschaft, wie sie war, nicht einverstanden. Die folgenden fünf Jahre veröffentlichten Blumfeld keine Platte, dann kam '99 "Old Nobody", und alles war anders, vor allem die Musik. "Beauty Shock" schrieb die "Spex" und meinte damit beinahe schon kitschig schöne Harmonien, Synthesizer-Streicher-Arrangements. Die Single "Tausend Tränen Tief" (im Video war Helmut Berger zu sehen) brachte Blumfeld neue, jüngere Fans - viele der alten waren verärgert. Im Internet und in Musikzeitschriften tobten sie sich aus. Von Verrat war die Rede, von den "falschen" Hörern, die Independent-Band Blumfeld stand auf einmal im Verdacht, kommerziell zu werden.
Können Sie verstehen, warum bei der dritten Platte ganz viele Leute extrem verwundert waren?
Jochen Distelmeyer: Ganz direkt: Nein. Wir haben natürlich mitgekriegt, daß Leute gesagt haben, also, das hab' ich jetzt überhaupt nicht begriffen, und man selber tritt dann ja auch noch mal einen Schritt zurück. Für uns ist das eine ganz kontinuierliche Entwicklung. Für jemanden, der fünf Jahre vorher "L'Etat et moi" gehört hat und dann auf einmal "Tausend Tränen Tief", stellt sich das natürlich anders dar. Es geht halt immer weiter.
Geht es Ihnen nicht manchmal selbst auf die Nerven, immer als Popdiskurs wahrgenommen zu werden? Sie machen schließlich Musik.
Jochen Distelmeyer: Genau ja. Für mich ist das, was wir machen, Musik. Es ist vielleicht ungenau, das so zu nennen, aber das, was wir selber hören, unsere Einflüsse gehen über das, was normalerweise als Popmusik bezeichnet wird, hinaus. Das sind ganz unterschiedliche Bereiche, wo man zwischen scheinbar gegensätzlichen Genres Verbindungen herstellt oder hört oder beim Hören hinkriegt. Schön ist, wenn man durch das, was man macht, mit dazu beitragen kann, daß nicht ein Genre als Lebensmodell für irgendwen interessant ist, sondern das ganze musikalische Ding, von Country bis Gabba Techno, von Klassik bis irgendwiesonstwas.
Die letzte Platte, "Testament der Angst", vor zwei Jahren erschienen, war von der Stimmung her eher herbstlich. "Graue Wolken" hieß der größte Hit darauf, und von den Liedern ging eine Traurigkeit aus, die um das Ende von Glück immer schon zu wissen schien. "Arbeit, Fernsehen, Schlafengehen / So macht das Leben keinen Sinn." Es war viel von Liebe die Rede, viel von Angst. Eine großartige Platte mit Texten und Musik zwischen Hoffnung und Traurigkeit. "Jenseits von Jedem" nun klingt wie die Fortsetzung davon. Die Wut der ersten Platten ist über die Jahre einer beredten Schwermütigkeit gewichen, die sich allerdings einen musikalisch leichten Anstrich gibt. Wenn Distelmeyer singt, daß die Welt schön ist, daß er gerne lebt - "trotz aller Plagen", und wenn die Musik, einfacher Gitarren-Folk, ihm recht gibt, ist eigentlich alles gesagt. Darum geht es jetzt: nicht mehr dagegen, sondern trotzdem.
Was bedeutet es, in Zeiten von Blair und Schröder eine linke Band zu sein?
(Pause)
Sie verstehen sich doch als politische Band? Sie haben das in vielen Interviews gesagt.
Jochen Distelmeyer: Ja, das weiß ich gar nicht, ob wir das so gesagt haben ... Tschuldigung, wenn das immer so klingt, als würde man das komplizierter machen wollen, aber es geht ja nur um eine Form von Genauigkeit. Also, erst mal ist es so, daß jeder von uns auf eine Art ein politisches Interesse hat, sich selber als politisches Subjekt in einer Landschaft wahrnimmt, die auch politisch gestaltet ist - als diese Person geht man auch in den Proberaum. Aber es ist kein: Laß uns den ultimativ gültigen Politprotestsong schreiben. Ich finde gut, wenn die Band von Leuten, die sich als links begreifen, von Gruppen, die sich in linker Politik engagieren, als stimmig wahrgenommen wird, wenn die sagen, ja, kann ich was mit anfangen, sagt mir was. Und da sage ich, klar, das ist ein Beitrag, den wir da leisten.
Hamburgfrage: Wie hat sich das politische Klima durch Schill verändert?
Jochen Distelmeyer: Daß Anlaufstellen für Drogen-User geschlossen werden, die Art, wie die Polizei sich in der Stadt verhält oder viele andere Sachen - ich empfinde das als dramatische Veränderung. Aber auch eben symptomatisch für das, was in der Bundesrepublik oder auch in Europa überhaupt stattfindet. Und man sollte vielleicht darüber nachdenken, ob jemand wie Ole von Beust nicht gefährlicher ist als Ronald Barnabas Schill. So ein durchgeknallter, narzißtisch gekränkter Racheengel, den seine Anhängerschaft für den Auserwählten hält, so eine Harry-Potter-Gestalt - Ole von Beust toleriert den, macht mit dem Politik, benutzt den, hat seine Mehrheit, seinen Bürgermeisterjob durch diese Figur. Für Ole von Beust ist jemand wie Dana Horakova oder Ronald Schill das Beste, was ihm passieren kann. Die gehen mit der Brechstange ran, und er fährt im Windschatten und ist die sympathische Hans-Albers-Kopie.
Andre, Sie haben in einem Interview mal gesagt, mit Musik die Welt verändern zu wollen.
Andre Rattay: Habe ich das? Geht das denn überhaupt mit Musik?
Jochen Distelmeyer: Was derzeit für meine Begriffe sehr virulent ist in der Musiklandschaft, ist ein Zuhälterverständnis von Musik. Es gibt Typen, die gerieren sich wie Zuhälter, die selektieren in einer Mischung aus Zuhälterei und Drill. Und andere Leute, beseelt vom Gauben an ichweißnichtwas, lassen sich so behandeln. Das für mich gültige Potential von Musik, daß man etwas über sich rauskriegt oder jemand anderem nahekommt oder daran glaubt, daß die Welt veränderbar ist, sehe ich da aufgegeben zugunsten von Gehorsam, Fleiß und einer Zuhältermentalität. Und dagegen spielen wir natürlich an. Wir glauben an mehr als das. Unsere Träume enden eben nicht da.
Als der Manager kommt und das Interview beendet, scheinen alle ein wenig ratlos. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Die drei von Blumfeld sind keineswegs unsympathisch, und vor allem Distelmeyer schien wirklich bemüht, sich seinem Gegenüber verständlich zu machen und zu erklären. Im Interview ist diese Band eben unzugänglicher als in ihren Liedern, und nur weil einer immer "ich" singt, ist er noch lange kein guter Bekannter.
Mit ihrer neuen Platte werden Blumfeld nicht unbedingt das Leben von Menschen verändern - dafür ist zu wenig Spannung zwischen Inhalt und Form der Lieder, passiert auch in der Musik zu wenig - aber es ist so ziemlich die beste Platte, die Deutschland in diesem Sommer passieren kann. Man hört sie und denkt: stimmt so. Um Blumfeld zu zitieren, die ihrerseits Rolf Dieter Brinkmann zitieren: "Alles macht weiter / die Nacht und der Morgen / der Abschied von Gestern / die Freuden und Sorgen / die Zwiebeln im Kühlschrank / Alles macht weiter." Und dann wird es wieder Herbst.
Johanna Adorján Jahrgang 1971, Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
Jüngste Beiträge