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Blockbuster-Dämmerung Der letzte Sommer des Kinematosaurus Rex

25.08.2005 ·  Der Film als Großereignis mit Riesenbudget, Massenstart und massierter Werbekampagne ist in der Krise: Fast alle Blockbuster der jüngsten Zeit floppten. Die Rettung des Kinos kommt durch die DVD.

Von Andreas Kilb
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An einem Sommertag vor dreißig Jahren hatte Steven Spielberg Lust auf ein Pistazieneis. Als er sich in die Schlange vor seinem Lieblingseisladen „31 Flavors“ am Melrose Boulevard einreihte, hörte er, wie die Leute ringsum über seinen Film „Jaws“ („Der weiße Hai“) sprachen. „Sie sagten: ,O Gott, noch nie habe ich in einem Film soviel Angst gehabt. Ich war sechsmal drin.'“ Als er nach Hause kam, schaltete er den Fernseher ein. Es lief ein Nachrichtenbeitrag über das „Jaws“-Phänomen. „Da dachte ich, so fühlt es sich an, wenn man einen Hit hat.“

Peter Biskind, der Spielbergs Erfolgserlebnis in seinem Buch „Easy Riders, Raging Bulls“ zitiert, läßt kaum ein gutes Haar an dem Regisseur von „Jaws“ und „Jäger des verlorenen Schatzes“. Spielberg habe, so Biskind, im Verein mit seinem Freund George Lucas die New-Hollywood-Bewegung, in der beide groß geworden waren, ruiniert und die Macht der Studiobosse von Hollywood aufs neue befestigt. Und das Instrument dieser Restauration sei jene neue Sorte von Film gewesen, die Spielberg und Lucas mit „Jaws“ und „Star Wars“ erfunden hätten: der Blockbuster. Der Film als Großereignis mit Riesenbudget, Massenstart und massierter Werbekampagne. Mitte der siebziger Jahre habe die Filmindustrie, bedroht von Video und Fernsehen wie von der Aufmüpfigkeit ihrer Regisseure, auf ein solches Zaubermittel gewartet, und Spielberg und Lucas hätten es ihr gegeben. So kann man das sehen.

Zahlen statt Filme

Inzwischen sind dreißig Jahre vergangen, und wir haben uns angewöhnt, statt über Hollywoodfilme immer öfter über Hollywoods Zahlen zu reden. Sprechen wir also ruhig von dem, worauf es ankommt: Dollars. „Jaws“ lief am 22. Juni 1975 in 409 amerikanischen Kinos an und spielte am Startwochenende sieben Millionen Dollar ein; bis zum Jahresende waren es 129 Millionen. Steven Spielbergs jüngster Film „Krieg der Welten“ (siehe auch: Im Kino: Spielbergs „Krieg der Welten“) startete am 4. Juli dieses Jahres in 3908 Kinos; die Einnahmen am Startwochenende betrugen 77 Millionen Dollar. Inzwischen hat der Film gut 230 Millionen Dollar eingespielt, bis Weihnachten werden es noch vier oder fünf Millionen mehr sein. Sein Budget beträgt 128 Millionen Dollar; das von „Jaws“ hat ungefähr zwölf Millionen betragen.

Man sieht an diesen Zahlen zweierlei: daß der Spielraum für größere Kinoproduktionen immer enger wird, weil immer weniger Filme immer mehr Leinwände belegen; und daß auf dem einzelnen Film ein ständig wachsender Druck lastet, seine Kosten so rasch wie möglich einzuspielen, bevor sich das Zeitfenster der Sommersaison wieder schließt. Ein Studio, das zwischen Juni und August drei oder vier Blockbuster-Kandidaten auf den Markt wirft, muß darunter mindestens zwei echte Hits haben, sonst gerät seine Jahresbilanz in Gefahr. Wenn unter den dreißig Studioproduktionen, die nach dem Memorial Day Ende Mai ins Kino kommen, zwanzig Flops sind, rutscht Hollywood in die Depression. Und genau das ist in diesem Sommer passiert.

Wenige Gewinner, viele Verlierer

Man kann die Krise wiederum in nackten Zahlen beschreiben: Umsatz minus neun, Besucher minus elfeinhalb Prozent. Man kann aber auch von Filmen reden - von den wenigen Gewinnern (wie Tim Burtons „Charlie und die Schokoladenfabrik“, der 195 Millionen, den „Hochzeits-Crashern“ Vince Vaughn und Owen Wilson, die 180 Millionen, und natürlich der „Rache der Sith“ - siehe auch: Filmkritik: „Star Wars, Episode III - Die Rache der Sith“ - des Blockbuster-Veteranen George Lucas, die 380 Millionen Dollar in die Kassen brachte) und den vielen Verlierern. Die Liste der kommerziellen Enttäuschungen beginnt mit Ridley Scotts „Königreich der Himmel“, der mit 48 Millionen Dollar gerade ein Drittel seines Budgets einspielte, geht über den Turbo-Blödsinn von „Herbie“ (64 Millionen) bis zu dem Nicole-Kidman-Vehikel „Verliebt in eine Hexe“, dem bei 62 Millionen der Motor abstarb. Auch „Sin City“ von Robert Rodriguez (siehe auch: Im Kino: „Sin City“) hat mit 75 Millionen Dollar Umsatz mittelmäßig abgeschnitten; allerdings lag das Budget des Films mit 45 Millionen auch erheblich unter dem Studio-Durchschnitt.

Angesichts solcher Ziffern beginnt in der Filmindustrie, wie in jedem schlechteren Jahr seit 1980, die kollektive Ursachenforschung. Hollywood habe kein Gespür mehr für die Wünsche der Zuschauer, heißt es, die immer gleichen Blockbuster-Formeln hätten sich abgenutzt; außerdem sei der Kinobesuch als Familienausflug zu teuer, zu unbequem, zu wenig aufregend. Der konservative Moralapostel Michael Medved orakelt gar, das Desinteresse der Studios an patriotischen Werten, ihr Faible für notorische Antiamerikaner und Verschwörungstheoretiker wie Oliver Stone und Michael Moore sei schuld an der Misere.

Schamloses Product Placement

An alledem mag etwas dran sein oder nicht, aber mit einer realistischen Beschreibung des Stands der Dinge im Kino hat es so wenig zu tun wie die Memos der Studiomanager mit dem Geschehen am Drehort. Daß die Filme jedes Jahr dümmer würden, hört man jedes Jahr, aber erstens geht es sowieso nicht mehr dümmer als in „Dumm und dümmer“ (1994), und zweitens war Dämlichkeit noch nie ein Hindernis auf dem Weg zum Kassenerfolg. Eher müßte man einigen Produktionen dieses Jahres vorwerfen, daß sie sich auf besonders ungeschickte Weise mühen, aufgeklärtes Bewußtsein zu heucheln - etwa „Königreich der Himmel“ mit seinen politischen Korrektheiten oder Michael Bays „Insel“ mit ihrer Pseudo-Sozialkritik (siehe auch: Im Kino: Michael Bays Science-fiction-Film "Die Insel") , die das schamlose Product Placement des Films nur halbherzig bemäntelt.

Aber Scotts Ritter-Epos und Bays Scifi-Thriller sind Ausreißer nach unten, sie sagen wenig über die allgemeine Tendenz im Filmgeschäft, in dem der dramatische Flop die Ausnahme, die schrumpfende Profitmarge dagegen die immer strenger geltende Regel ist. Seit Jahren schon verdienen die Studios mit Video und DVD erheblich mehr als mit Kinostarts; inzwischen macht der Anteil der Filmtheater nur noch ein Fünftel ihres Umsatzes aus. Doch die Tatsache, daß die DVD nicht einfach eine Fortsetzung der Videokassette, sondern ein ganz neues Speichermedium mit revolutionärem Potential ist, hat sich in der Industrie offenbar noch nicht herumgesprochen. Sonst würden sich die Mächtigen Hollywoods nicht mit den Filmtheaterbesitzern darüber zanken, ob die Schonfrist zwischen Kinostart und DVD-Veröffentlichung auf fünf, vier oder sogar drei Monate verkürzt oder eher verlängert werden soll, sondern statt dessen darüber nachdenken, wie sie den Charakter ihrer Produkte den neuen digitalen Realitäten anpassen können.

Mehr Umsatz auf DVD

James Surowiecki hat in einer Kolumne im „New Yorker“ von letzter Woche die interessante Beobachtung gemacht, daß es inzwischen nicht wenige Filme gibt, die auf DVD mehr Umsatz machen als im Kino. Dazu gehören nicht nur Schul- und Sportkomödien wie „Old School“ und „Dodgeball“, sondern auch Melodramen wie „The Notebook“ von Nick Cassavetes, John Polsons Thriller „Hide and Seek“ mit Robert De Niro oder Taylor Hackfords Musikerbiographie „Ray“ (siehe auch: Im Kino: „Ray“). Auch Oliver Stones „Alexander“ ist auf Digitalscheibe erfolgreicher als auf der Leinwand, während Kinohits wie „Shrek 2“ (siehe auch: Die grüne Form wahren: "Shrek2") und „Die Unglaublichen“ hinter den Erwartungen zurückblieben.

Es gibt also ein zweites Publikum für Spielfilme, das gerade erst dabei ist, sich zu konstituieren, und dessen Geschmack sich von dem der klassischen Sommerkinozuschauer (Jugendliche und Familien mit Kindern) erheblich unterscheidet. Dieses Publikum weiß genau, was es von einem Blockbuster wie etwa „Mr. & Mrs. Smith“ (siehe auch: Im Kino: „Mr. & Mrs. Smith“) zu erwarten hat - polierte Oberflächen, moralische Obszönität, ein Amalgam aus kassenerprobten Klischees -, und geht ihm deshalb aus dem Weg. Statt dessen studiert es das Bonusmaterial der „Taxi Driver“-DVD und die Special Edition von Hitchcocks „Der Fremde im Zug“, beides Filme, die durch DVD erst wirklich zum Bestandteil der persönlichen Kinobibliothek geworden sind.

Für dieses Publikum fängt das Kino nicht jeden Frühsommer wieder bei Null an, und deshalb kann es den Großproduktionen mit ihrem Talmiglanz wenig abgewinnen. Für die Studios geht es deshalb nicht darum, die Kinosaurier des Box-Office durch noch mehr Werbung und weltweite Starts vor dem Aussterben zu retten. Es geht darum, das Medium Kino endlich auch so intelligent zu machen, wie es das Medium DVD schon ist. Dazu braucht man keine Blockbuster. Sondern Filme.

Quelle: F.A.Z., 25.08.2005, Nr. 197 / Seite 37
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