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Griechenland-Politik : Der blinde Fleck der deutschen Weltoffenheit

Interessiert sich der Deutsche nur für sich selbst? Touristen vor dem Kanzleramt in Berlin Bild: Jens Gyarmaty

Die Deutschen sind wieder hässlich. Warum? Vielleicht sind sie jetzt aus dem gleichen Grund die Bösen, aus dem sie bislang noch die Guten waren: Sie interessieren sich letztlich nur für sich.

          Die Nachricht der Woche ist: Die Deutschen sind wieder hässlich. Unter dem Hashtag „This is a coup“ fragten sich nach dem Brüsseler Gipfel Millionen Entsetzte in der ganzen Welt, was aus dem zurückhaltenden, sich hinter seiner allseitigen Kooperationswilligkeit fast versteckenden Land geworden ist. Roger Cohen, der Kolumnist der „New York Times“, konstatiert: „The German Question is back“. Und Jürgen Habermas spricht aus, was in der Luft liegt, wenn er dem „Guardian“ sagt, die Berliner Regierung habe „in einer Nacht all das politische Kapital verspielt, das ein besseres Deutschland in einem halben Jahrhundert angehäuft“ habe.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber wahrscheinlich ist die Sache noch schlimmer, und Deutschland hat sich gar nicht geändert. In Wirklichkeit ist dieses Volk heute aus exakt demselben Grund der Böse, aus dem es eben noch allen sympathisch war: Ein Volk, das sich letztlich nur für sich selbst und seine Wirtschaft interessiert und weder sich selbst noch andere mit weitergehenden Ansprüchen behelligen will. Vorausgesetzt, dass die Kanzlerin als zuverlässiges Medium der öffentlichen Stimmungen auch ganz ohne Volksbefragung genau das abbildet, was die deutsche Bevölkerung in ihrer Mehrheit will oder wenigstens tolerieren kann, ist die Brüsseler Nacht mit ihrem Ultimatum an die Griechen – entweder übernehmt ihr ohne jegliche Abstriche unsere Logik oder ihr dürft unsere gemeinsame Währung nicht länger benutzen – ein getreuer Spiegel des Verhältnisses, das das Volk der Bundesrepublik immer schon gegenüber seiner Außenwelt hatte.

          Was das bisher irgendwie liebenswert Wirkende ins Unduldsame umschlagen lässt, ist der Umstand, dass ein Teil dieser Außenwelt - Griechenland - den ihm zugedachten Rahmen verlässt und unversehens als Akteur eigenen Rechts in Erscheinung tritt - als Akteur also, der möglicherweise Auswirkungen auf einen selbst und sein Selbstbild hat. Das darf nicht sein. Man konnte diese Kippfigur in diesen Tagen an der Verwendung des Worts „Mentalität“ beobachten. Mit den jetzt vorhandenen „Mentalitäten“ außerhalb Kerneuropas ließe sich eine gemeinsame europäische Wirtschafts-, Steuer- und Finanzpolitik nicht realisieren, sagte jetzt der Politikwissenschaftler Herfried Münkler der „Berliner Zeitung“. Die Mentalitäten der anderen erscheinen da als Problem für Europa, während sie in der offiziellen deutschen Sprachregelung doch gerade die Stärke dieses Kontinents der Differenz ausmachen. Was die beiden Begriffsverwendungen voneinander unterscheidet, ist, dass die mentale Differenz im einen Fall ein Objekt des eigenen Weltkonsums ist, im anderen aber ein reales Subjekt, das einen selbst möglicherweise bedroht, zum Beispiel indem es seine Schulden nicht zurückzahlt.

          Erprobte Schemata

          Genau diese Unterscheidung markiert die Grenze und den blinden Fleck der deutschen Weltoffenheit. Es herrscht im Lande eine große Sympathie und Einfühlungsbereitschaft gegenüber allem, was man in der Welt draußen konsumieren kann, nicht nur Sonnenschein, Kunst und Küche, sondern eben auch die „Mentalität“ der Leute und in gewisser Weise sogar deren Probleme, sofern diese sich in das Raster vertrauter Beurteilungskategorien fügen. Auf diesem Weg dringen auch harte Themen wie die Menschenrechtsverletzungen, Fundamentalisten oder Dissidenten ferner Länder ins eigene Kollektivbewusstsein vor: Es stehen erprobte Schemata zur Verfügung, die einem eine Meinung dazu erlauben. Vorgänge außerhalb dieser Schemata, die einer fremden, nicht schon vertraut gemachten Logik gehorchen, stoßen dagegen auf massives Desinteresse – eine Gleichgültigkeit, die sogar in Aggressivität umschlagen kann, wenn die fremde Logik die eigene Logik vermeintlich in Mitleidenschaft zieht. Daher kommt es, dass gerade eine Gesellschaft, in der es eine so ausgeprägte Begeisterung sowohl für das antike wie für das zeitgenössische Griechenland mit seiner großherzigen Lebensweise gibt, zugleich eine so große Wut entwickeln kann, sobald eben diese Lebensweise den Verdacht auf sich zieht, ans eigene Geld zu gehen, also das vertraute Verhältnis von handelndem Subjekt und behandeltem Objekt umzukehren.

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