04.08.2008 · Die Erinnerung der verschiedenen europäischen Nationen hat einen gemeinsamen Bezugspunkt: den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen. West- und Osteuropäer gehen unterschiedlich damit um. Im Osten dominiert die Opferperspektive. Andere Deutungen werden ausgeblendet.
Von Joseph CroitoruDie unterschiedlichen nationalen Erinnerungskulturen innerhalb Europas verbindet immer noch der Bezug auf die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs und dessen Folgen. Besonders seit dem Zusammenbruch des Kommunismus herrscht allerdings selbst im nationalen Bereich selten Einigkeit über Geschichtsbilder. Dass die Tradierung von Geschichte und die Konstruktion von Vergangenheitsbildern nicht nur der Selbstvergewisserung von Nationen, sondern auch der von Gruppen, Institutionen und Regierungen dient, wird in zahlreichen Aufsätzen in der jüngsten Ausgabe von „Osteuropa“ belegt.
Für Harald Welzer und Claudia Lenz besteht hierbei ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Ost- und Westeuropa. Der Umstand, schreiben sie, dass es sich heute im Westen um Einwanderungsgesellschaften handele, zwinge diese, transnationale Erinnerungskulturen zu entwickeln. Anders im Osten: „Die osteuropäischen Gesellschaften haben als Transformationsgesellschaften ein erhebliches Bedürfnis nach Selbstvergewisserung und sind auf der Suche nach einer integrativen Geschichte.“ Hier dominierten Opfernarrative, vielleicht auch deshalb, weil sie Legitimierungsvorteile in politischen und besonders in zwischenstaatlichen Aushandlungsprozessen zu bieten scheinen.
Monoperspektivische Vergangenheitsbetrachtung
Die im Osten seit 1989 häufig anzutreffende Betonung der Opferperspektive beruht indes auf konkreten Erfahrungen der Unterdrückung durch das sowjetische Herrschaftssystem. Beispiele aus dem Baltikum zeigen dies deutlich. In Lettland, schreibt Carmen Scheide im gleichen Heft, habe sich um das Opfernarrativ, das die Verfolgung der Letten durch die Sowjets dokumentiere, eine Erinnerungsgemeinschaft gebildet, die mit der nationalen Gemeinschaft deckungsgleich zu sein scheint. Illustriert wird dies etwa anhand der Autobiographie der früheren lettischen Außenministerin Sandra Kalniete, in der sie behauptet, dass jede einzelne Familie in ihrem Land sowjetischen Greueltaten ausgesetzt war.
Diese Art von Erinnerungsarbeit führe dazu, dass andere Formen der Vergangenheitsbetrachtung ausgeblendet und marginalisiert würden, wie die Frage nach lettischen Tätern oder nach anderen Opfergruppen wie Juden. Und sie kollidiere nicht nur mit dem sowjetischen Geschichtsbild, sondern, wie Karsten Brügemann in „Osteuropa“ schildert, auch mit westlichen Vorstellungen; etwa dann, wenn, wie 2004 geschehen, ein Ehrenmal für einstige estnische Soldaten „in deutscher Uniform“ im Südwesten Estlands errichtet, aber aus Angst vor Protesten im Westen von der Regierung sogleich wieder entfernt wurde. Zu Auseinandersetzungen mit Moskau und der russischen Minderheit wiederum kam es 2007, als ein sowjetisches Kriegerdenkmal, der „Bronzesoldat“, in Tallinn umplaziert wurde, was die Popularität der verantwortlichen estnischen Politiker jedoch nur steigerte.
Da erst wurde den Esten klar, dass ihnen ein zentrales Denkmal fehlt, wie es der Nachbar Lettland mit seinem Freiheitsdenkmal in Riga besitzt. Letzteres stammt aus der Zwischenkriegszeit, und genau an diese, nämlich an den Freiheitskrieg von 1918 bis 1920 gegen Russland, will man jetzt in Estland erinnern - die Autorin spricht von einer nun drohenden dritten Runde im „Denkmalstreit“. Denn der preisgekrönte Entwurf für eine sechsundzwanzig Meter hohe Siegessäule verwendet das estnische Militärsymbol des sogenannten Freiheitskreuzes, das viele zu sehr an das Eiserne Kreuz erinnert. Diese von der Regierung forcierte Initiative spaltet die Esten: Während die einen Protestaktionen organisieren, bekunden andere ihre Unterstützung für das Projekt mit Geldspenden.
Dämonisierung der Besatzer
Die heutige staatliche Erinnerungskultur in Litauen, so entnimmt man dem „Osteuropa“-Beitrag des litauischen Historikers Alvydas Nikzentaitis, wirkt geradezu wie ein Gedenklabor. Ihre konstituierende Phase habe in den Jahren 1988 und 1992 gelegen. Aber allein seit 1997 sei die Liste der staatlichen Gedenktage um neun historische Daten ergänzt worden. Hinzu kam 2006 ein Gesetz, das die litauische Öffentlichkeit verpflichtet, an dreißig Tagen im Jahr historischer Ereignisse zu gedenken. Nikzentaitis kommt nach näherem Studium dieser Vielzahl von Gedenkpflichten zu dem Schluss, dass etwa achtzig Prozent davon das zwanzigste Jahrhundert betreffen; besonders dessen zweite Hälfte sei immer stärker in den Vordergrund gerückt.
In diesem Zusammenhang beobachtet auch er eine Verdichtung von Opfergeschichten: „Neben dem Molotow-Ribbentrop-Pakt gehören hierher auch traumatische Erfahrungen wie die massenhaften Deportationen von Litauern in sibirische Lager, die Partisanenbewegungen 1944 bis 1953 oder der Widerstand gegen die Okkupanten in Gestalt des Aufstandes vom 23. Juli 1941 oder des litauischen Sonderverbands von General Plechavicius.“ Mit dieser Viktimisierung gehe ein starker Hang zur Dämonisierung der einstigen sowjetischen Besatzer einher, die häufig mit den heutigen Russen gleichgesetzt würden. Hingegen werde im Falle Polens aufgrund gemeinsamer Opferschicksale der Dialog gesucht, auch wenn man dabei nach Möglichkeit die polnisch-litauischen Konflikte der Kriegszeit ausblende.
Folklore-Modernismus
Auch im Bereich der Künste sucht man heute in den baltischen Ländern rückblickend nach Akten des Widerstands. Einen solchen findet die litauische Musikwissenschaftlerin und Organistin Jurate Landsbergyte im Musikstil des baltischen Minimalismus. Ein Meilenstein dieser Musikrichtung wurde die von dem lettischen Komponisten Julius Juzeliunas (1916 bis 2001) entwickelte „Intonationszelle“, mit der er folkloretypische Intonationen mit modernen Kompositionstechniken zusammenführte. Im Baltikum benutzte man dieses kompositorische Instrumentarium dazu, nationalspezifische Musikelemente zu kaschieren: „So entstand eine ethnische Modifikation des Serialismus als ein Geheimnis für die Entwicklung des Natürlichen, Lebendigen, als Immunität gegen ideologische Supersysteme.“
Nationale Schicksale wurden dabei allegorisch auf Natur und Tierwelt projiziert, daneben gewannen die abstrahiert-folkloristischen Klangwelten an Bedeutung, die mit mythologischen und mystischen Motiven einen „Folklore-Modernismus“ entstehen ließen. Das Gefühl, von der freien Welt verlassen worden zu sein, bewirkte in der baltischen Musik in den achtziger Jahren eine Hinwendung zum Religiösen und Apokalyptischen, die nach 1989 allmählich von Trauer- und Klagemusik abgelöst wurde: Das Opferbewusstsein scheint sich auch hier Bahn zu brechen.