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Blick in deutsche Zeitschriften Märtyrer des Internets

02.03.2009 ·  Taugt der Blogger als Starjournalist, der sich durch die Schlachten des Netzes schlägt, um dort das zu hinterlassen, was Bestand hat? Oder verlässt er sich nur auf das Bewusstsein, an keinem Punkt wirklich Ernst machen zu müssen? Deutsche Zeitschriften diskutieren die Netzpublizistik.

Von Ingeborg Harms
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Alles, was man schon immer über den Reiz des Bloggens wissen wollte, vertraut uns der amerikanische Journalist Andrew Sullivan im „Merkur“ an. Als Meinungsspezialist alter Schule wägt er die Pros und Kontras ab, doch seine Begeisterung ist kaum zu zügeln. „Bloggen verhält sich zum Schreiben wie Extremsportarten zur Leichtathletik: mehr Freistil, unfallgefährdeter, weniger regelgebunden, lebendiger. Bloggen bedeutet in vieler Hinsicht, laut herauszuschreiben.“

Als Sullivan vor neun Jahren seinen Blog eröffnete, wurden die Kundgebungen im Stundenrhythmus sofort zu einer Sucht. Was mit einem Schlag wegfiel, waren die Ärgernisse eines freien Autors über „Bürointrigen, redaktionelle Streitereien und Kürzungen in letzter Minute“. Gewöhnen musste sich der Blogger allerdings an den Schwarm der Geister, die nach der Netzpublikation über seine Texte herfielen: „E-Mail schien die Bestie in ihnen zu entfesseln. Sie waren brutaler als jeder Herausgeber, pingeliger als jeder Manuskriptbearbeiter und physisch labiler als jeder Kollege.“

Die markante Persönlichkeit des Bloggers

Sullivan lernte damit umzugehen, dass ihm nun die ganze Welt auf Augenhöhe begegnete. Er wurde zum „Online-Diskjockey“, der Meinungen mischt, sich von denen, die an seinem Schreibpult herumstehen, anregen lässt, und vor allem durch „Hyperlinks“ zu anderen Blogs und Primärquellen mehr „Kontext“ bietet „als irgendetwas auf dem Papier“. Inzwischen braucht Sullivan „einen Assistenten und einen Praktikanten, die das Internet nach Links und Geschichten und Fotografien durchforsten, auf die ich eingehen und worüber ich nachdenken kann“. Durch die Hintertür ist die Redaktionsstruktur in die Bloggersphäre zurückgekehrt, nur dass Sullivan nun der Chef ist.

Die „ja durchaus verständliche, panische Angst, die einen Autor lähmen kann - die Angst, bloßgestellt, ruiniert, gedemütigt zu werden“, wird überwogen von „Abertausenden von Freunden“, für die er inzwischen schreibt und mit denen er frisch vom Newsticker Tage wie den 11. September 2001, die Enthüllungen über Abu Ghraib und den Tod von Johannes Paul II. durchstand. Denn „die Autorität, die ein Blogger haben mag, ergibt sich nicht aus der Institution, für die er arbeitet, sondern aus den Menschlichkeiten, die er vermittelt“. Verdankt sich alles, was im Netz Bestand hat, doch „der markanten Persönlichkeit des Bloggers“.

Wo läuft es zusammen?

Auf leisen Sohlen stehlen sich bei Sullivan aristokratische Erwägungen aus den Zeiten des Starjournalismus ein. Wie Achilles vor den Toren Trojas steht der Extremsportler vor den „weit offenen Online-Schleusentoren“ und wehrt den Ansturm der Masse ab. Seine persönliche „Autorität“ wird nicht durch „die Gesamtzahl der Besucher“, sondern durch andere Blogs bestimmt, die „auf einen verlinken“, also durch gleichermaßen exponierte Heroen der Netzproduktion, die den Einzelkampf suchen. Sie sind „ein Hinweis darauf, wie wichtig man für das Online-Gespräch der Menschheit ist“. Während traditionellere Medien vor der Unüberprüfbarkeit von Netzneuigkeiten warnen, vertritt Sullivan die Auffassung, dass „das immer sich berichtigende und weiterentwickelnde Kollektivbewusstsein“ des menschheitlichen Netzgesprächs „rasch schlechte Argumente und schlechte Ideen herausfiltern kann“.

Doch in welchem Kopf läuft das alles zusammen? Pro Woche schreibt Sullivan „nach ein paar hundert Blog-Beiträgen auch eine richtige Zeitungskolumne. Sie stellt sich ausnahmslos als durchdachter, ausgewogener und unparteiischer heraus als mein Blog.“ Für den Rest der Zeit stellen wir uns Sullivan als heiligen Sebastian der Netzplattform vor, der sich die Pfeile unwürdiger Kläffer aus dem Leib zieht und am Sonntag seine Rüstung anlegt, um in die Arena des Druckwesens zurückzukehren: „Es gibt ja doch wirklich etwas, das unersetzlich ist am ausführlichen Lesen eines auf Papier gedruckten Textes in einem Sessel oder auf einer Couch oder im Bett.“

Ein penetrantes Medium

Andrew Sullivan möchte Pascal als Vorläufer der Bloggermanie reklamieren, doch Jeannot Simmen sieht das anders. „Wie glücklich war das integre Beisich-sein im 17. Jahrhundert eines Blaise Pascal“, schreibt er in „Text“: „Damals ein Leben ohne Zentralheizung, Kühlschrank und Eierkocher, doch eines fern von Elektrizität, Telefon, Internet - unseren allgegenwärtigen, körperlichen, audiovisuellen Unruhen, die, präsent im Raum, innen und außen egalisieren.“ Von Simmen stammt der Vergleich des Bloggers mit dem römischen Offizier Sebastian. „Was einst Attacken kaiserlicher Pfeile, das sind heute elektronische Geschosse der Online-Kommunikation.“

Die Penetranz des Internets bewegt Roland Reuß dazu, die Körpermetapher auf die Textdarbietung zu übertragen. In der von ihm mitherausgegebenen Zeitschrift „Text. Kritische Beiträge“ spricht der Literaturwissenschaftler emphatisch von der „menschlich leibhaften Gestalt eines Buches“ und vergleicht sein Erscheinen mit einer Geburt, durch die das Geborene seine unwiderruflichen Grenzen findet. Eingebunden in die Welt der Objekte, braucht man zu seiner Lektüre „nur Tageslicht“ und zu seiner Archivierung lediglich Platz, „aber nicht die andauernde Zuführung von elektrischer Energie“. Reuß' Polemik konzentriert sich auf die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft verstärkt betriebene digitale Publikation wissenschaftlicher Arbeiten, die den Forscher atomisieren, sofern er „nur noch mit ,servern' zu tun hat“. Als Herausgeber Kafkas und Heinrich von Kleists weiß er den Einsatz von Rechnern bei der Herstellung einer Druckvorlage zu schätzen. Er singt das Loblied des Editors, der „Typograph, Setzer und Bildbearbeiter“ zugleich ist und so die Qualität eines Buches, besonders wenn es um zahllose Transkriptionsdetails geht, in allen Einzelheiten kontrolliert.

Seine Opposition gilt einem Medium, das sich für das Schriftbild historischer Manuskripte so wenig wie für die körperliche Präsentation seines geistigen Inputs interessiert. Alles im Netz Auftauchende lässt sich kopieren, zerstückeln, typographisch umsetzen und aus dem einmal verantworteten Zusammenhang reißen. „Was einem häufig als segensreiche Entwicklung angepriesen wird: die stete Verbesserbarkeit und Ergänzbarkeit, ist häufig nichts anderes als die erschlichene perennierende Lizenz zu schlampern, die durch und durch angstbestimmte Haltung, an keinem Punkt wirklich Ernst machen zu müssen.“

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