12.02.2004 · Es gibt nichts Neues unter der Klon-Sonne. Also Hände weg vom Menschen, ihr Klon-Barbaren! Überlaßt ihn bitte dem Theater! Dort hat er's schon barbarisch schwer genug.
Von Gerhard StadelmaierDie Leute, die jetzt anfangen, Menschen zu klonen, und seien diese noch so embryonal, und dies an die große Glocke hängen, sollten, bevor sie die Champagnermilch der verkommenen Denkart für die Dr.-Frankenstein-Party kaltstellen, ruhig vorher mal ins Theater gehen. Abgesehen davon, daß schon aus Gründen allfälliger Abschreckung ins Theater zu gehen nie schaden kann (Stichwort "Regieeinfälle"), könnte es auch allfälliger Ernüchterung dienen. Gerade für Klon-Bastler.
Denn diese dürften sich nach einem Theaterbesuch dann allenfalls noch als kleine perverse Updater dessen vorkommen, was auf den Bühnen längst groß und breit gang und gäbe ist. "Eine Anzahl" - "Du meinst?" - "Eine ganze Anzahl von ihnen, von uns, eine ziemlich beachtliche . . ." - "Etwa?" - "Zehn, zwanzig". Nämlich Klone. Eines Sohnes. So beginnt das zwar jüngste, aber auch schon ein bißchen ältere Theaterstück "A Number" (Eine Anzahl) von Caryl Churchill, der großen alten Dame des britischen Gegenwartsdramas. Es ging in Zürich, Berlin, München und einem guten Dutzend von deutschsprachigen Stadttheaterbühnen über die Bretter, die diesmal nicht die Welt, sondern die durchgeknallte Wissenschaft bedeuten.
Andere Theaterstücke, zum Beispiel Igor Bauersimas "Futur de luxe", beschäftigen sich damit, was geschieht, wenn ein Papa Herrn Hitler klonen läßt und als Sohn aufzieht. (Es geht, wie man Hitler halt kennt, nicht gut.) Die Theater machen der Wissenschaft vor, was passiert, wenn das passiert, woran die Wissenschaft nicht denkt. Denn das Theater zeigt ja immer nur das wirklich, was in Wirklichkeit nicht ist: Klon B1 oder B2 oder Hitler 3 verbeugt sich nach dem Fallen des Vorhangs und geht in Gestalt des Schauspielers Meier-Eiselé beruhigt in die Kantine. Aber auf der Bühne war er wirklich Klon B1 oder B2 oder Hitler 3.
Wenn die Wissenschaft jetzt aber wirklich Herrn Meier-Eiselé oder auch nur Herrn Hitler zu klonen anfinge, hätte sich das Theater erledigt. Es wäre kein Spiel mehr. Sondern die Kopie des Spiels durch die Wirklichkeit. Das wäre fade und unfair. Schon deshalb sollten die Wissenschaftler mit dem Klon-Unfug aufhören. Auch lohnt er sich wirklich nicht. Zeigt das Theater. In den "Kopien" zum Beispiel sucht so ein geklonter Sohn seinen Vater auf und erfährt, daß von seiner Sorte eben die bewußten "zehn, zwanzig" herumlaufen.
Diese, die ja alle seine Söhne sind, nennt der Alte herzlos "Dinger", Kopien, die "irgendein wahnsinniger Wissenschaftler illegal" hergestellt habe ("Mit diesen Ärzten werde ich sicher keine Party feiern"), denkt über Schadenersatzforderungen ("Also verklagen wir das Krankenhaus") nach, träumt vom großen Geld, trinkt zuviel Whisky und hat sich nun mit ein paar seiner "Dinger" auseinanderzusetzen. Vor allem, weil diese "Dinger" gerne die Personen wären, als die sie sich fühlen, "aber keiner von uns das Original ist".
Dabei hätte jeder von ihnen zunächst einmal er selbst, aber zudem auch "ein anderer Mensch", eben anders als die anderen, sein wollen, was er ja nun beides nicht ist. Es stellt sich heraus, daß die zehn, zwanzig Sohn-Klons, von denen sich noch zuverlässig ein paar gegenseitig umbringen, die uralten, traurigen, wahnsinnigen Konflikte mit dem Papa haben wie die auf normale Weise "in die Welt gevögelten" Ödipussi-Buben anderer Väter auch. Es gibt nichts Neues auch unter der Klon-Sonne. Also Hände weg vom Menschen, ihr Klon-Barbaren! Überlaßt ihn bitte dem Theater! Dort hat er's schon barbarisch schwer genug.