25.09.2006 · Auf dem Wohltätigkeitsbasar eines Weltpräsidenten: Bill Clinton bringt Leute, die Gutes tun wollen, mit Bedürftigen zusammen. Mit der „Clinton Global Initiative“ haben die Vereinten Nationen Konkurrenz bekommen.
Von Jordan Mejias, New YorkEinmal Präsident, immer Präsident. Heutzutage könnte einem der Gedanke wie ein Schock in die Glieder fahren. Aber noch besteht kein Anlaß zur Sorge. Auf der Einladung, die uns ins Haus flattert, bittet nur Präsident Clinton, ein Präsident ohne Amt, wenn auch mit Rockstarqualitäten, herzlich um unsere Anwesenheit bei einem Empfang. Es handelt sich nicht um das Fest im Museum of Modern Art, wo er Zeitgenossen wie seine ehemalige Außenministerin Madeleine Albright und den Hip-hop-Vermarkter Russell Simmons um sich schart, und auch nicht um den Abend, den er mit dem jordanischen Königspaar, mit Kofi Annan, herübergekommen von der Vollversammlung der Vereinten Nationen, und ein paar Hundertschaften kaum minder einflußreicher Freunde im Ballsaal des Sheraton verbringen wird.
Für die Presse hat er das „Papillon“ reserviert, ein eher unauffälliges Lokal in der 54. Straße. Als er dann kurz vor Mitternacht im Gewühl und Gelärme steht, als nur sein Silberschopf über die Menge ragt, seine langen Arme und großen Hände dauerhaft die Luft bearbeiten und er sich immer heroischer den Männern in den schwarzen Anzügen entgegenstemmt, die ihm eine möglichst rasche Runde ermöglichen wollen, selbst da ist noch etwas von einem Magnetismus zu spüren, den der Titel „Präsident“ nicht automatisch verleiht.
Impresario der Philanthropie
Dieser sehr persönliche Magnetismus dieses William Jefferson Clinton ist allerdings die Voraussetzung für das Unterfangen, das ihn und seine illustren Gäste in New York beschäftigt. Denn Clinton mag keinen neuen Titel gewonnen und sein altes Amt verloren haben, aber er hat einen neuen Job. Unter den Auspizien der „Clinton Global Initiative“, die er letztes Jahr ins Leben rief, bringt er Leute, die Gutes tun wollen und dies dank tiefer Taschen auch können, mit Leuten zusammen, die auf gute Taten angewiesen sind. Der Präsident betätigt sich als Impresario der Philanthropie, als Inspirator und Initiator eines Globalisierungsschubs der Wohltätigkeit.
Drei Tage lang hat er eines der Riesenhotels der Stadt, das Sheraton nahe dem Times Square, in eine Börse der Nächstenliebe verwandelt. Der Handel verläuft etwa so: Ellen Johnson-Sirleaf, die Präsidentin von Liberia, und Álvaro Uribe Vélez, der Präsident von Kolumbien, und Pervez Musharraf, der Präsident von Pakistan, steigen aufs Podium und erzählen, was ihrem Land zum Glücklichsein fehlt und womit ihnen auf dem Weg dorthin gedient wäre. Unten im Publikum sitzen vermögende Menschen wie Bill Gates und Warren Buffett, um sich anzuhören, was wo und wie in der Welt, und jetzt kommt das Schlüsselwort, „sinnvoll“ zu unterstützen wäre. Clinton selbst hat als Modell Ebay ins Spiel gebracht, den elektronischen Marktplatz, wo es für Käufer und Verkäufer keine Grenzen gibt.
Denken, Beraten und Bereden
Aber es geht nicht nur ums Geld. Dieser Präsident ist auch fürs Denken, Beraten und Bereden empfänglich und weiß Spenden von Zeit und Ideen zu schätzen. In einem jener „New Yorker“-Porträts, die längenmäßig nach zwei Buchdeckeln verlangen, hat ihn David Remnick, der Chefredakteur der Zeitschrift, gerade zum „schmoozer in excelsis“ ernannt. Das newyorkisch-jiddische Schmusen ist freilich eine vorwiegend verbale Aktivität, und in der brilliert Clinton, mag er auch dem südlichen Bundesstaat Arkansas entstammen, wie sonst kein anderer.
Die „Clinton Global Initiative“ erlaubt es ihm, mit Gesinnungsgenossen aus aller Welt und sogar einigen ideologischen Widersachern wie Rupert Murdoch, dem konservativen Medienzar, von frühmorgens bis spät in die Nacht hinein im großen und kleinen, öffentlichen und privaten Rahmen zu plaudern, zu räsonieren und debattieren. Nicht anders wird das Paradies für ihn aussehen.
Unermüdlicher Tatmensch
Vier Schwerpunkte hatte er sich für die angereisten Regierungs- und Unternehmenschefs, die Wissenschaftler, Religionsführer und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen ausgedacht. So machte sich Al Gore in neuerworbener Buddhafülle daran, mit inzwischen wohlgeübten, aber nach wie vor bezwingenden Worten Wege aus der Klimakatastrophe aufzuzeigen. So warb Jimmy Carter für eine bessere gesundheitliche Versorgung der Weltbevölkerung. So suchten Bischof Tutu und Hamid Karzai, der Präsident Afghanistans, nach einer Lösung oder, sagen wir besser, einer Entschärfung religiöser und ethnischer Konflikte. So waren Paul Kagame, der Präsident der Republik Ruanda, und Jim Donald, der Chef der Kaffeehauskette Starbucks, in den wechselnden Teams zu finden, die sich den Kopf zerbrachen, wie die Armut zu lindern sei.
Bemerkenswert waren die Debatten aber nicht allein, weil sie überquollen mit er- und entmutigenden Berichten von der Katastrophenfront. Worte dürfen jetzt bei Clinton nicht ohne Folgen bleiben, und darin liegt der Clou der gesamten Veranstaltung. Der Schmoozer vom Dienst hat sich als unermüdlicher Tatmensch wiedererfunden. Er verlangt von seinen Gästen, daß sie ihre Reden in konkrete Pläne umsetzen, und zwar sofort.
Ein drei Milliarden Dollar teures Versprechen
Im Laufe des Tages eilt er immer wieder ans Mikrofon, um theatralisch das nächste „commitment“ anzukündigen. Wer sich verpflichtet, bei der Rettung des Regenwalds mit anzupacken oder Kinder in Afrika gegen Hepatitis A zu impfen oder Jugendlichen in der südlichen Bronx Arbeit zu geben, muß auf dem Podium zusammen mit Clinton eine Urkunde unterzeichnen und sie lächelnd in die Kameras halten. Auch der abenteuerlustige Unternehmer Richard Branson unterzog sich gutgelaunt dem Ritual, als er versprach, die nächsten zehn Jahre seinen Privatgewinn aus Flug- und Bahngesellschaften für die Entwicklung neuer, umweltschonender Energiequellen zur Verfügung zu stellen. Drei Milliarden Dollar dürfte das Versprechen wert sein, und zumindest an Geldwert war Branson damit der Spendenkönig der Veranstaltung, die insgesamt Zusagen im doch recht ansehnlichen Wert von 7,3 Milliarden Dollar verbuchen konnte.
Wehe aber dem, der seine Verpflichtung nicht einlöst. Clinton ist auch ein gestrenger Schulmeister. Wer seine Hausaufgaben nicht ordnungsgemäß abliefert, wer Schecks ausstellt, ohne sie decken zu können, darf nicht mehr wiederkommen. Er wird von der Liste der FOBs, der „Friends of Bill“, gestrichen. Ob das eine Laura Bush erzittern macht, die wohl nicht unbedingt zum harten Kern der FOBs zu zählen ist, darf in der Schwebe bleiben. Jedenfalls nannte auch sie den Gastgeber artig „Mr. President“, als sie kurz vorbeischaute, um das „commitment“ eines Quartetts von Stiftungen kundzutun, das Afrika mit kinderleicht, ja von spielenden Kindern zu betreibenden Wasserpumpen zu versorgen verspricht.
Von Streisand bis Google
Nun muß, bei allem Magnetismus des Veranstalters, doch die Frage aufkommen, wie er es schafft, ein solch wohltätiges Heer so unterschiedlicher Gestalten wie Barbra Streisand, der beiden Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin und zahlloser Staatenlenker und Politiker jedweder Couleur an einem Ort zusammenzutrommeln. Allein um die fünfzig Regierungschefs sollen die Großkonferenz, die zweite seit Gründung der „Clinton Global Initiative“, beehrt haben. Darin spiegelt sich auch das Raffinesse dieses Präsidenten. Wie gewiß nicht nur der Zufall es wollte, waren viele Konferenzteilnehmer ohnehin für die UN-Vollversammlung nach New York gekommen.
Clinton vorzuwerfen, er sahne ab, wäre naheliegend und zugleich eine arge Verkennung seines Bemühens. Er bietet ein Kontrastprogramm. Dort am East River wurde geschwätzt, hier am Times Square zwar auch, aber gleich danach wurden Köpfe mit Nägeln gemacht. Dort sah der eine im andern den Teufel, hier versuchten unterschiedliche Geister und Geschmäcker voneinander zu lernen. Ein überparteiliches Ereignis, das auf Resultate Wert legt, will Clinton in seinem Gegengipfel sehen.
Irgendwo umarmt jemand immer jemanden
Schon die Konvois schwarzer Geländewagen, die Kontrollsperren und die abgeriegelten Straßen um den Hotelkomplex deuteten darauf hin, daß hier die Vereinten Nationen Konkurrenz bekommen haben. Und drinnen erst, im Labyrinth der Flure, Sitzecken, Konferenzzimmer und Tagungssäle, war inmitten inspirierender Fotokulissen alles aufs „schmoozing“ zum Wohl der Welt ausgerichtet. Bei den Vereinten Nationen soll es Versuche gegeben haben, Präsidenten gezielt aneinander vorüber zu lotsen. Hier war es praktisch unmöglich, Colin Powell oder Al Gore, einem Gates oder Buffett oder dem König von Jordanien nicht über den Weg zu laufen. Irgendwo umarmte jemand immer jemanden, und Bill, der Präsident, weiß wahrscheinlich gar nicht mehr, wie ein simpler Handschlag geht.
Wir waren nicht mehr in New York, wir hatten Clintonworld betreten. Mußte er auch aus dem Washingtoner Präsidentenamt scheiden, so hat er sich jetzt seine eigene Präsidentschaft geschaffen, transpolitisch und supranational. Die Welt scheint ihm offenzustehen, und statt sich zum Expräsidenten degradieren zu lassen, bietet er sich ihr als Weltpräsident an. Es käme kaum als Überraschung, wenn ein Großteil ihrer Bewohner, Amerikaner mittlerweile vielleicht eingeschlossen, darüber entzückt wäre, nicht zuletzt in Anbetracht der Alternative.
Hillary ist keine Konkurrenz
Natürlich fehlte nicht die Gattin des potentiellen Weltpräsidenten, die wiederum als potentielle Präsidentin gehandelt wird. Hillary Clinton nahm sich von ihren Senatorenpflichten Urlaub, um beim weltumspannenden Wohltätigkeitsbasar ihres Gatten in einer Debatte über das weibliche Antlitz der Armut das Wort zu ergreifen, umzingelt von Kamerabataillonen, die auch darin mehr Hollywood als Washington aufspüren wollten. Dennoch war sie keine Konkurrenz für den Schlußredner, der in alter Frische vorführte, warum er als rhetorisches Motivationsgenie unerreicht ist. Indem er aber vor einem gebannt lauschenden Auditorium in unerschütterlicher Zuversicht unsere Gegenwart und Zukunft vermaß, den „globalen Bürger“ an seine Pflichten erinnerte, wo der Staat versagt oder an seine Grenzen stoßen muß, und geradezu ansteckend zum vereinten Kampf gegen die Windmühlen der Welt aufrief, schlug er auch die einst vertrauten Töne eines Amerikas an, das heute fast schon in Vergessenheit geraten ist.
Im „New Yorker“ beschreibt Remnick einen Präsidenten, der nach seiner Herzoperation vor zwei Jahren, die ihn mit dem Tod in Berührung brachte, weiter für die Politik lebt, seine neuen Ziele aber weit von ihren Niederungen absteckt. Solange er noch lebe, sagt Clinton selber, wolle er Leben retten und helfen, die Welt zu verändern. Das kann nur einer sagen, dem es egal ist, ob die Leute lachen oder ihm um den Hals fallen, und der davon überzeugt ist, es auch zu schaffen. Gäbe es dafür eine Belohnung in Form des Friedensnobelpreises, ginge auch das in Ordnung, zumal sich da abermals eine Gelegenheit böte, mit interessanten Leuten nach der Verleihung die ganze Nacht über die Rettung der Menschheit nachzudenken, vorausgesetzt, Resultate sind greifbar.