„Zehn Kilometer stockender Verkehr vor der Ausfahrt Geesthacht.“ Wenn sich der Reformstau in einem gesellschaftlichen Kernbereich wie der Bildung nur ebenso genau ausmachen ließe! Kühe auf der Fahrbahn, ein Schwerlasttransporter, ein Unfall - auch bei der Ursachenzuschreibung haben es Verkehrsbeobachter deutlich leichter als Sozialwissenschaftler und seriöse Politiker in ihrer Diagnose gesellschaftlich-politischer Fehlfunktionen.
Die Betonung liegt einmal mehr auf dem Wort „seriös“. Zuletzt hatte die energische Bildungs-Debatte nach Veröffentlichung der Pisa-Studie gezeigt, wie verlockend die Gelegenheit gewesen sein muss, in Bezug auf neuste Studienergebnisse die eigenen alten Forderungen mit frischem Schwung ein weiteres Mal vorzubringen: den frühen Fremdsprachenunterricht, die Ganztagsschule, die Stärkung wahlweise wirtschaftlicher, naturwissenschaftlicher oder musischer Unterrichtsfächer, die bessere Lehrerausbildung, die bessere finanzielle Ausstattung von Bildungseinrichtungen.
Dabei lassen sich solche Forderungen genauso wenig als substanzlos von der Hand weisen, wie sie als allein selig machende Heilmittel die Bildungsmisere in Deutschland in kürzester Zeit kurieren könnten. Dass eine zu große Zahl von Abgängern mit unzureichenden Kenntnissen und Fähigkeiten die Schule verlässt, lässt sich weder allein auf der Ebene politischer und administrativer Einrichtungen, noch in den Abläufen der einzelnen Schulen regeln.
Balance aus Verbindlichkeit und Beweglichkeit von Lehrplänen
Ausbildungs- und Bildungsstandards für die einzelnen Abschlüsse immer wieder neu zu definieren, ist gesellschaftlich unumgänglich. Zugleich müssen Schulen, müssen Klassen und sogar einzelne Lehrer in ihrer Arbeit stets von den Schülern und nicht von den Prfüfungsordnungen ausgehen. Die Gruppendynamik der Klassen, der Anteil nicht ausreichend deutsch sprechender Schüler, das soziale Umfeld sind Komponenten, die im Lehralltag eine nicht geringe Rolle spielen. Die Qualität der Lehrtätigkeit ist immer relativ: Sie hängt davon ab, was Lehrer gemeinsam mit ihren Schülern erreichen. Leistung darf jedoch nicht nur nach dem bewältigten Stoff beurteilt werden.
Vielmehr müssen Kernkompetenzen wie die Fähigkeit, sich angemessen zu artikulieren, kritisch mit Informationen umzugehen oder schlicht eigenständig lernen zu können, nicht in einem Lehrplan abgebildet werden. Dennoch muss das Ziel der Vermittlung dieser Kernkompetenzen über jedem Spezialwissen um den Zweiten Punischen Krieg oder den Versailler Vertrag stehen.
Förderung von Innovations-Transfers zwischen Hochschulen und Schulen, Theorie und Praxis
Der Transfer methodischer oder didaktischer Innovation aus der Erziehungswissenschaft in die Praxis muss gestärkt werden. Immer wieder kommen motivierte und ideenreiche Junglehrer in die Schulpraxis, um zu merken, dass sie ihre Konzepte in der Unternehmenskultur, angesichts der ungeschriebenen Gesetze und Gepflogenheiten ihrer Schule nicht umsetzen können. Wenn das kein Grund zur Resignation ist.
Der umgekehrte Weg führt jedoch genauso in die Sackgasse: Wenn in einer Schule neue pädagogische Verfahren verordnet werden, ohne die Erfahrung der Lehrer in die Konzeption einzubeziehen, haben sie kaum Aussicht auf Umsetzung. Wie in jedem Unternehmen blockiert die vermeintliche Erfahrung die Unerfahrenheit - oder, negativ formuliert: Die erstarrte Routine steht der Weiterentwicklung im Weg.
Bildung als arbeitsteiliges Produkt
Sogar unter den so genannten Modellschulen gibt es wenige, die einerseits einen ausreichend engen Kontakt zur erziehungswissenschaftlichen Forschung pflegen. Und noch weniger kümmern sich darum, andererseits ihre eigenen Erfahrungen aufzubereiten und auch anderen Schulen verfügbar zu machen.
Bildung ist ein arbeitsteiliges Produkt. Sie ist weder ohne die Bereitschaft der Schüler, Lehrer und Eltern, noch ohne die angemessene Regulation ihrer politischen, administrativen oder gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu erzeugen. Das Gute: Die Autobahn der Bildung ist einigermaßen robust. Auf ihr finden sich seit jeher trödelnde Treckerfahrer, spielende Kinder, entflohene Kühe, undefinierbare Gegenstände, Baustellen und sonstige Hindernisse, ohne dass der Verkehr auf ihr zum Stillstand gekommen wäre. In der Fahrzeugkolonne der Bildungsreform macht es allerdings nur wenig Sinn, wenn einzelne Wagen unvermittelt auf die Tube drücken.