Home
http://www.faz.net/-gqz-11lzj
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bildungspolitik Feierabend für Familien

16.01.2009 ·  Erfolglos bemüht sich die Bildungspolitik, Turbo-Abitur und Lehrermangel entgegenzuarbeiten. Immer stärker zeichnet sich ab, dass die Schulen in der Zukunft das ganze Kind den ganzen Tag brauchen werden. So wird G8 die letzte Station auf dem Weg zur Ganztagsschule.

Von Hannes Hintermeier
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (11)

Dass man wegen schlechter Bildungspolitik Wahlen verlieren kann, hat sich herumgesprochen. In Bayern galt das als unumstößliche Gewissheit. Genutzt hat dieses Wissen nichts. Die CSU hat nicht zuletzt wegen ihrer bildungspolitischen Kompetenzpreisgabe die absolute Mehrheit eingebüßt. Seitdem ist ihre Glaubwürdigkeit dahin. In einer von der CSU-Landtagsfraktion in Auftrag gegebenen Studie hat die Bamberger Politikberatung „Pragma“ herausgefunden, dass die einstige Domäne Bildungspolitik einem Trümmerfeld gleicht. Auch Roland Koch hat die letzte Wahl verloren, weil er glaubte, in Hessen sei die Bildungswende geglückt.

Das Thema zielt ins Mark der bürgerlichen Mitte. Millionen Eltern erleben es täglich: Die Reform der Reform ist zum Dauerzustand geworden. Aber das Bildungssystem ist nicht so biegsam wie die Erbschaftsteuer, permanentes Nachjustieren verträgt es nicht. In Hessen wird das Thema bei der Landtagswahl wieder eine wichtige Rolle spielen. Der geschäftsführende Kultusminister Jürgen Banzer zog als Mediator durchs Land, aber nach einem Jahr Interregnum ist es zu keinem Wandel gekommen. Der Frust grassiert in den Familien, während sich die Politik müht, dem Unbehagen an Turbo-Abitur und Lehrermangel entgegenzuarbeiten.

An zu vielen Rädern gedreht

Symbolpolitische Geldhähne wurden geöffnet, in Baden-Württemberg etwa, Hausaufgabenhilfen und pädagogische Assistenten erdacht. In Hessen wurde unter anderem die Zahl der Klassenarbeiten gekürzt, die Häufigkeit des Nachmittagsunterrichts eingeschränkt. Es wird noch mehr Elternmitsprache geben, es werden noch mehr Rechte für die einzelnen Schulen eingeräumt, aber über allen individualisierten Bildungsangeboten schwebt die Vision eines Zentralabiturs – um die zertifizierte Vergleichbarkeit unseres unvergleichlichen Nachwuchses sicherzustellen. So viele Säue verträgt kein bildungspolitisches Dorf.

Weswegen in Hessen etwa mehrere kooperative Gesamtschulen zum neunjährigen Gymnasium zurückgekehrt sind, während in Rheinland-Pfalz gar eine beschleunigte „G8GTS“- Version erdacht wurde: noch schneller zum Abitur, um noch schneller den internationalen Wettbewerb aufnehmen zu können: Schließlich entgingen einem Jungakademiker durch sein verspätetes Eintreten in den Arbeitsmarkt rund fünfzigtausend Euro – und einem Land wie Hessen eine Milliarde Euro an Wertschöpfung, wie ein Unternehmerverband vorgerechnet hat.

Die Familie, eine Verabredungszentrale

Ist es das, was Politiker meinen, wenn sie vom Bildungserfolg floskeln? Bildung soll als etwas Schönes, Wertvolles begriffen werden, sagen sie gern. Und fügen hinzu, dass Bildung Anstrengung verlange. Aber das gehe nicht länger auf dem deutschen neunjährigen Gymnasialsonderweg, dazu brauche man das ganze Kind, den ganzen Tag. So wird G8 die letzte Station auf dem Weg zur Ganztagsschule. Wer in Ballungsräumen Kinder großzieht, muss sowieso doppelt verdienen, aber auch auf dem Land läuft das bürgerliche Familienmodell aus. Betreuung muss zugekauft werden, und sei es, weil das Abitur mit Nachhilfe erkauft werden muss – von jenem Viertel, das gar nicht aufs Gymnasium gehört, aber aufgrund falscher elterlicher Ambition dorthin zwangsversetzt wird.

Was bleibt von der Kindheit? Wenn heute ein Unterstufenschüler um 16.30 Uhr nach Hause kommt, heißt das nicht unbedingt, sein Arbeitstag wäre zu Ende. Dieser Realität hat der baden-württembergische Ministerpräsident Günther H. Oettinger den Befehl entgegenschleudert, ein Kind müsse zu jener Uhrzeit „in die Freizeit entsandt“ werden, „um sich um Kultur und Sport zu kümmern“. Der Familienfeierabend müsse entlastet werden. Dabei ist die Familie längst – wie es der Soziologe Tilman Allert beschreibt – zur Verabredungszentrale geworden.

Der Murks geht weiter

Die längste Zeit des Tages werden die Kinder also künftig unter staatlicher Aufsicht stehen. Da die Familie in Zeiten des Turbokapitalismus von einer Keimzelle des Staates zu einer Keimzelle des Marktes mutiert, werden in der zwischenzeitlich halbverstaatlichten Wirtschaft erneute Anpassungsleistungen notwendig. Denn ganz intensiv will sich der Staat unter Berufung auf die Chancengleichheit um Kinder aus Zuwandererfamilien kümmern. Diese bedürften der besonderen Obhut des Staates, hat soeben der bayerische Unterrichtsminister Ludwig Spaenle erklärt. Bildungspolitik als Kompensation für versäumte Integrationspolitik?

Und die Allgemeinbildung? Kern- beziehungsweise Methodenkompetenz heißt das Zauberwort. Geschichtsunterricht setzt dann eben in der Römischen Republik ein: Was sich davor ereignet hat, findet fortan Google. Man müsse „nicht besonders schlau sein“, um das Abitur in acht Jahren zu schaffen, so Minister Banzer, die meisten europäischen Schüler schafften das auch. Dem Wähler schwant: Im Angesicht der bildungspolitischen Angebote kann er hü oder hott ankreuzen. Der Murks geht weiter.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Wulffs Ensemble

Von Martin Otto

Schon Bertholt Brechts Dogsborough konnte Geschenke guter Freunde nicht ablehnen. „Dieses Landhaus hätt’ ich nicht nehmen dürfen“, bekennt die an Reichspräsident Hindenburg angelehnte Figur. Mehr 5