29.03.2002 · Der Bildungsmisere ist nur beizukommen, wenn alle gesellschaftlichen Kräfte den Weg zur Wissensgesellschaft mitgehen (Teil IV).
Von Florian CoulmasEs ist immer gut, am Anfang zu beginnen. Allein, hier gibt es keinen Anfang und kein Ende. Ein Bildungssystem ist keine Rohrpostanlage: Wenn die Ingenieure nur gut arbeiten, funktioniert sie. Gewiss lassen sich Schwachstellen ausmachen und auch punktuelle Verbesserungen vorschlagen, was auch hier nicht unterbleiben soll. Das Grundproblem des Bildungs- und Schulsystems in der BRD ist jedoch nicht von der Art, dass einzelne Maßnahmen, wie sinnvoll sie auch sein mögen, es aus der Welt schaffen können. Es ist ein Problem der Kultur im weitesten Sinne.
Womit wir es zu tun haben, ist ein Versagen der Gesellschaft, die Wertschätzung der Wissbegier zu pflegen und zu fördern, ein Versagen, am dem alle Bildungseinrichtugen vom Kindergarten bis zur Universität wie auch und ganz besonders die Kunden dieser Einrichtungen, die Eltern, ihren Anteil haben. Dass “bildungsbürgerlich“ heute ein Schimpfwort ist, muss man den Eltern, nicht den Kindern anlasten. Sie haben eine bildungsfeindliche Gesellschaft entstehen lassen, in der nur das Schulsystem als Problem betrachtet wird und nicht die Tatsache, dass viele den Zugang zu Sonnenbanken für wichtiger halten als den zu Datenbanken.
Kindergärten, so die gängige Philosophie, sind nicht der Ort, an dem Kindern Wissen vermittelt werden soll; Disziplin genau so wenig. Was, fragt man sich, sollen die Kinder da überhaupt lernen? Mit der absurden Konstruktion eines Gegensatzes zwischen Kindsein und Lernen beginnt das System, mit der Befürchtung, die zarten Seelen der Kinder durch zu viel Stoff zu überfordern, geht es in der Grundschule weiter.
Erodierende Bildungskultur
Am anderen Ende des Systems ist man dabei, aus Universitäten Wirtschaftsbetriebe zu machen. Für die erodierende Bildungskultur ist das nicht weniger misslich. Denn die Botschaft, die dadurch unvermeidlich vermittelt wird, ist, dass Lernen sich nur lohnt, wenn es sich lohnt; ein konsequenter Tribut an den hedonistischen Geist der Konsumgesellschaft. Ein solches Bildungssystem passt zu einer Gesellschaft, in der Gladiatoren und Schausteller mehr gelten als Philosophen, in der Leute, die einen Ball besser als andere über den Rasen pedipulieren können, mehr verdienen als die höchstbezahlten Lehrer, Forscher und Bildungsmanager.
Zwischen Kindergarten und Universität ist die Schule, die nach der OECD-Studie besonders unter Beschuss geraten ist. Sie ist aber ebenso wie die anderen Ebenen Teil eines Gesamtsystems. Die Schule kann nicht besser sein als die Gesellschaft, der sie dient. Wird sie selbst und ihr gesellschaftlicher Auftrag nicht von Grund auf umstrukturiert, ist es naiv, von ihr mehr zu erwarten, als die bestehenden Verhältnisse günstigstenfalls mit geringfügigen Modifikationen zu reproduzieren. Mindestens genauso alarmierend wie die schlechten Leistungen der Schüler im internationalen Vergleich ist die Tatsache, dass die soziale Herkunft für den Erfolg an deutschen Schulen noch schwerer ins Gewicht fällt als selbst in den Vereinigten Staaten.
Gefahren der Privatisierung
Das bedeutet, dass es der Schule nicht gelingt, Wissbegier zu erzeugen und die bildungsindifferente, wenn nicht gar -feindliche Hintergrundstimmung zu kompensieren. Schule, ein notwendiges Übel. Engagierte Lehrer leiden darunter, dass die Eltern sie zu wenig dabei unterstützen, diese Wahrnehmung zu ändern. Sie sehen in der Schule nur einen Ort, wo ihre Kinder notwendige Leistungsnachweise erwerben, wo sie irgendwie durch müssen. Die Verantwortung dafür überlassen sie weitgehend der Schule, während sie gleichzeitig ihre Unzufriedenheit mit derselben durch eigene Bildungsangebote (Musik, Reitstunde, Englisch) kompensieren, was den Bessergestellten aus ersichtlichen Gründen leichter fällt als anderen.
Alles deutet darauf hin, dass Einkommensunterschiede in Zukunft noch stärker auf die Bildungschancen durchschlagen werden. Wenn Eltern Fensterputzer für die Schule bezahlen, Schulbibliotheken aus dem Budget von Fördervereinen aufgestockt werden und andere Leistungen, die zur Grundausstattung gehören sollten, an den vorgesehenen Haushaltstiteln vorbei finanziert werden, wird die Kluft zwischen Schulen in wohlhabenden Vororten und solchen in innerstädtischen Bezirken breiter werden. Es wird reiche und arme Schulen geben, weil es reiche und arme Fördervereine gibt.
Eine Frage, die ernsthaft diskutiert werden muss, ist die, ob man diesem Trend mit Geld aus `öffentlichen Haushalten gegensteuern kann. Wenn es überhaupt sinnvoll ist, dem Staat die Aufsicht über die Schulen zuzugestehen und ihre Finanzierung zuzumuten, worüber man durchaus streiten kann, dann deshalb, weil es hierbei nicht nur um Bildungspolitik sondern auch um Sozialpolitik geht. Ein egalitäres, gut ausgestattetes Schulsystem ist potentiell ein ideales Umverteilungsinstrument.
Bildung statt Transrapid
Dieser Gedanke ist nicht sehr modern, da er im Gegensatz zu der teils notwendig gewordenen, teils geforderten stärkeren Differenzierung des Schulsystems zu stehen scheint, die mit Elitebildung verwechselt wird. Elite heisst heute das Zauberwort. Sehr kurzsichtig schaut man dabei nach Amerika, weil es sich herumgesprochen hat, dass Harvard und Princeton hervorragende Universitäten sind. College Park, die City University von XYZ und andere minderbemittelte Hochschulen, die nicht durch milliardenschwere Stiftungen getragen werden, kommen nicht ins Blickfeld. Damit, Universitäten und Schulen hierzulande zu einem wirtschaftlicheren Modus operandi zu zwingen, wird einer ihrer wenigen Vorzüge aufs Spiel gesetzt, ihre relative Gleichheit.
Unkontrovers ist, dass das Niveau besser werden muss. Nur muss das nicht an der Spitze geschehen sondern an der Basis. Und da kann der Staat Zeichen setzen, zeigen, dass Bildung ihm und dieser Gesellschaft etwas wert ist. 2,3 Mrd. Euro werden vom Staat für den Transrapid bereitgestellt, ein Projekt, von dem jeder weiss, dass es nutzlos ist und sich nie rechnen wird. Für diese Summe könnten die Sekundarschulen im ganzen Land mit PCs, also mit den Griffeln unserer Zeit, für jeden Schüler ausgerüstet werden.
Aufwertung des Lehrerberufes nötig
Was den selbstverständlichen Gebrauch neuer Technologien des Geistes anlangt, hinkt Deutschland um Jahre hinter den USA und Japan her. Selbst in China werden mehr PCs gekauft als hierzulande. Da gibt es auch mehr Menschen, wird man sofort einwenden; die haben aber ein Prokopfeinkommen, das nur ein Zehntel des hiesigen ist.
Um die Prioritäten geht es. Solange der Staat das Bildungssystem beherrscht, muss er zeigen, dass Bildung wichtig ist; dass in der Wissensgesellschaft die Datenautobahn wichtiger ist als die Autobahn; dass diejenigen, die die nächste Generation ans Wissen heranführen - und zwar nicht nur im tertiären Bildungsbereich, sondern Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen aller Schulformen wichtig sind und höchste Löhne verdienen. Drastische Lohnersteigerungen für alle, die im Bildungsbereich tätig sind, heisst das.
Natürlich muss auch viel von ihnen verlangt werden, so viel, dass nur die Besten sich diesen Beruf zutrauen. Dass Lehrer die Schule früher verlassen als die Schüler; dass die nordrheinwestfälische Bildungsministerin sich veranlasst fühlt, der Öffentlichkeit zu versichern, Lehrer sei kein Halbtagsjob; dass wochenlang Unterricht ausfällt, weil Lehrer krank, auf Reisen oder mit dem Abitur beschäftigt sind; so etwas müsste unmöglich sein, weil niemand es sich überhaupt vorstellen könnte.
Überfällig: Die Abschaffung der Halbtagsschule
Ein notwendiger Schritt, um das zu erreichen, ist die längst überfällige Abschaffung der Halbtagsschule. Eine leicht nachvollziehbare Ursache der schlechten Leistungen deutscher Schüler ist, dass sie khrzer zur Schule gehen als andere. In Stunden gerechnet ist das deutsche Schuljahr zum Beispiel fast 20 Prozent kürzer als das japanische. Schule von 8 bis 4, hei8t das, immer. Dabei geht es nicht darum, die zusätzlichen Schulstunden mit mehr Stoff zu füllen. Worauf es ankommt, ist vielmehr, die Schule zu einem Ort zu machen, an dem gerne gelernt wird, weil dort auch vieles andere passiert, was den Weg, der zurückgelegt werden muss, trotz unvermeidlicher Anstrengung erfreulich macht.
Nicht nur für die Schüler wäre das ein Gewinn, sondern mindestens eben so sehr für ihre Eltern, die von der Last der Unplanbarkeit ihrer Tage durch die unregelmäßigen Schultage befreit wären.
Die Krise, die durch die Pisa-Studie offenbar geworden ist, ist nicht allein eine Krise des Schulsystems. Das Hauptproblem ist, dass ihr wahres Ausmaß gar nicht erkannt wird. Ein bildungsfreundliches Klima zu schaffen, ist die Herausforderung. Ohne gewaltige Anstrengungen kann der notwendige Bewusstseinswandel nicht herbei geführt werden. Die Schule muss mehr für die Gesellschaft leisten, aber die Gesellschaft muss wollen, dass sie das kann. Sie muss eine Wissensgesellschaft werden wollen.