Home
http://www.faz.net/-gqz-rwrm
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bildung Wandern die Eliten wirklich aus?

27.02.2006 ·  In den letzten Jahren ist viel über den "brain drain", das Abwandern deutscher Forscher ins Ausland, berichtet worden. Es gibt Vermutungen, aber wenig Zahlen über den Wegzug von Hochqualifizierten. Jetzt liegt eine erste Schätzung vor.

Von Jürgen Kaube
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (3)

In den letzten Jahren ist viel über den "brain drain", das Abwandern deutscher Forscher ins Ausland, berichtet worden. Nach dem Verlust an wissenschaftlichen Eliten als einer Folge der Verfolgungspolitik des Dritten Reichs komme es nun unter den Umständen der Globalisierung zu einer zweiten großen Flucht der Intelligenz aus Deutschland.

Heute sind es die andernorts besseren Ausstattungen für Forscher, im Fall der Biotechnologie die liberaleren Gesetze, die bessere Bezahlung oder die klügere Hochschulpolitik in den Vereinigten Staaten, die als Gründe für die Migration von Wissenschaftlern, aber auch Ingenieuren und Computerspezialisten angegeben werden.

Einen Abwanderungsboom gab es schon einmal

In welchem Umfang findet sie statt? Der Soziologe Wolf Lepenies hat in einem Zeitungsbeitrag mit dem sprechenden Titel "Haltet die Forscher!" 2003 behauptet, jeder siebte promovierte deutsche Student wandere derzeit in die Vereinigten Staaten ab. Seine Fachkollegin Claudia Diehl vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden hat nun einen Forschungsaufenthalt in Washington genutzt, um Zahlen wie diese zu überprüfen.

Einen Abwanderungsboom gab es schon einmal, von Mitte der fünfziger bis Mitte der siebziger Jahre, als die Vereinigten Staaten ihre Immigrationsbeschränkungen aufgehoben hatten. Auswandererzahlen von mehr als 20.000 und mitunter sogar bis zu 50.000 Personen im Jahr waren damals keine Seltenheit. Gegenwärtig wandern insgesamt pro Jahr um die 10.000 Deutsche nach Amerika aus.

Anteil der hochqualifizierten Auswanderer steigt

Deren Qualifikationsniveau, gemessen als Anteil derer, die mindestens einen deutschen Fachhochschulabschluß besitzen, ist im Zeitablauf gestiegen. 1990 hatte einen solchen Abschluß gut ein Drittel der Auswanderer, 2000 war es schon deutlich mehr als die Hälfte. In derselben Periode ist in Deutschland der Anteil der Personen mit diesem Ausbildungsniveau nur von 8,5 auf 11 Prozent gestiegen. Es handelt sich also bei der steigenden Zahl gut Ausgebildeter unter denen, die das Land verlassen, nicht bloß um einen Effekt allgemein besserer Bildung. Für die Promovierten liegen keine entsprechenden Vergleichszahlen vor, da dieses Merkmal im deutschen Mikrozensus erst seit 2000 erfaßt wird. Immerhin zeigen die Daten für das Jahr 2000, daß der Anteil der Promovierten unter den Auswanderern zehnmal höher ist als der an der deutschen Gesamtbevölkerung.

Dennoch ist die Behauptung, jeder siebte neue deutsche Doktorhut hänge in einer amerikanischen Garderobe, übertrieben. Ungefähr 1000 promovierte Deutsche sind nach den Berechnungen Diehls zwischen 1995 und 2000 in die Vereinigten Staaten eingewandert; promoviert wurden im selben Zeitraum in Deutschland jährlich etwa 24.000 Personen. Aus der Zahl der knapp 5000 deutschen Promovierten, die im Jahr 2000 mit einer Aufenthaltsdauer von bis zu 5 Jahren in den Staaten wohnten, geht überdies nicht hervor, wie viele davon nur vorübergehend dort lebten. Wer als "Post-doc" an eine amerikanische Universität geht und danach heimkehrt, den sollte man schließlich nicht als Auswanderer zählen.

Nur wenige Auswanderer gehen dauerhaft weg

Um ein realistischeres Bild des "brain drain" zu erhalten, mußte die Soziologin ihr Augenmerk also auch auf die Dauer des Aufenthalts von akademisch qualifizierten Deutschen im Ausland richten. So hat zwischen 1990 und 2000 die Zahl der temporären amerikanischen Visa für hochqualifizierte Deutsche um etwa 50 Prozent zugenommen. Viele dieser Personen geben dabei ihren alten Wohnsitz auf, wodurch sie sowohl hierzulande wie im US-Zensus als Aus- und Einwanderer gezählt werden. Das Risiko eines sich verstetigenden Aufenthalts ist, so Diehl, ungefähr konstant geblieben; es beschließen also heute nicht mehr Deutsche, die eine Zeitlang in Amerika arbeiten, dort endgültig zu bleiben, als früher. Austauschstudenten aber, die es ebenfalls vermehrt gibt - in den letzten 25 Jahren ist die Zahl der im Ausland studierenden Deutschen um das Vierfache angestiegen -, lassen sich selten in den Vereinigten Staaten nieder.

Alles in allem lautet der Befund über den "brain drain" damit: Das Qualifikationsniveau der Auswanderer steigt; nur wenige davon gehen dauerhaft weg; besonders die Bedingungen für einen temporären Aufenthalt haben sich verbessert. In den Vereinigten Staaten studiert zu haben wird für viele zum normalen Merkmal der eigenen Berufsbiographie. Damit steigt auch die Wahrscheinlichkeit endgültiger Auswanderung, aber weder in dem oft behaupteten Umfang noch aufgrund allgemeiner Aversion gegen hiesige Gegebenheiten. Typisch ist danach nicht eine Elite, die ans Auswandern denkt, sondern eine, die während temporär geplanter Aufenthalte Motive fürs Dableiben entwickelt.

Lektürehinweis: Claudia Diehl und David Dixon, „Zieht es die Besten fort?“ Ausmaß und Formen der Abwanderung deutscher Hochqualifizierter in die USA, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 4, 2005.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.02.2006, Nr. 8 / Seite 70
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Wulffs Ensemble

Von Martin Otto

Schon Bertholt Brechts Dogsborough konnte Geschenke guter Freunde nicht ablehnen. „Dieses Landhaus hätt’ ich nicht nehmen dürfen“, bekennt die an Reichspräsident Hindenburg angelehnte Figur. Mehr 7 15