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Bildung : Jugend ohne Geschichte

  • -Aktualisiert am

Bücher nicht mehr für Geschichte wälzen? Bild: dpa

Schüler können künftig im "Gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeld" nur noch einen einzigen Kurs belegen. Geschichte wird es schon aus statistischen Gründen kaum sein.

          Es gehört zu den Eigenarten der Kultusbürokratie, daß sie den Schulbetrieb in kleinen, für die Öffentlichkeit kaum wahrnehmbaren Schritten verändert. Die Ministerien behaupten zwar ständig, die Selbstbestimmung der Schule zu erweitern. Tatsächlich aber verfeinern sie unter dem Schutz dieser wohlklingenden Generalklausel durch ihre Erlasse und Verfügungen ein System von Zwängen, das die entgegengesetzte Wirkung hat. Zur Zeit gibt es wieder einmal Anlaß, Alarm zu schlagen. Denn in Nordrhein-Westfalen hat die Verwaltung durch ihre Maßnahmen unbemerkt dafür gesorgt, daß künftig der Geschichtsunterricht in der gymnasialen Oberstufe völlig marginalisiert, wenn nicht gar für mindestens zwei Drittel der sechzehn- bis neunzehnjährigen Schüler faktisch verabschiedet wird. In anderen Bundesländern scheint eine ähnliche Entwicklung im Gang zu sein.

          Worum geht es? Um die Verpflichtung der Schüler, vom Schuljahr 2002/03 an in den beiden letzten Jahrgangsstufen 12 und 13 eine zweite Fremdsprache oder eine zweite Naturwissenschaft zu wählen (eine begrüßenswerte Minimalreaktion auf die Pisa-Studie), kostenneutral abwickeln zu können, hat das Kultusministerium das "Gesellschaftswissenschaftliche Aufgabenfeld" energisch reduziert. Künftig können Schüler auf ihm nur noch einen einzigen Kurs belegen. Dafür stehen ihnen aber fünf miteinander konkurrierende Fächer zur Wahl: Geschichte, Sozialwissenschaft, Philosophie, Erdkunde und Pädagogik. Schon die statistische Wahrscheinlichkeit sorgt dafür, daß nur noch eine kleine Minderheit Geschichte wählt.

          Bestimmungen, Anweisungen und Vorschriften

          Zugleich wird die ohnehin kritische Lage der historisch-politischen Bildung durch diese neuen Vorschriften noch einmal verschlimmert. Denn die Behörde hat ihre an sich schon problematische pädagogische Maßnahme mit einer unheilvollen ökonomischen Maxime verkoppelt. Mit akribischen Bestimmungen, die in der behördlichen Anweisung großen Raum einnehmen und selbst für erfahrene Lehrer kaum durchschaubar sind, werden die Kurszahlen und -größen auf ein vermeintliches ökonomisches Optimum fixiert. Damit die neuen Regelungen auch eingehalten werden, wird die Anzahl der Lehrerstellen penibel berechnet und überprüft. Für Gymnasien mit weniger als achtzig Schülern in jedem Oberstufenjahrgang, also für die Mehrheit dieser Schulen, rechnet das Ministerium vor, daß im Gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeld nur noch drei Kurse abgehalten werden können. Der Lehrerbedarf der Schulen wird daher künftig, wie Staatssekretär Meyer-Hesemann erklärte, nur mehr zu sechsundneunzig Prozent gedeckt - und das angesichts von Zahlen, die durch Tricks und Klassenvergrößerung längst nach unten manipuliert worden sind.

          Die Konsequenz: Die Schulen erhalten im Regelfall zwei bis drei Lehrer zuwenig zugewiesen. Damit sind Fächer wie Französisch, Physik und auch Geschichte als Leistungskurse ernsthaft gefährdet. So wirken sich bürokratische Präferenzentscheidungen in einer Zeit aus, in der die Mängel der schulischen Ausbildung und die reduzierten Leistungsanforderungen durch die Pisa-Studie grell beleuchtet worden sind.

          Wahlfreiheit?

          Das Ministerium ist bei alledem scheinheilig genug, den Schulen großmütig zu erlauben, den Wettbewerb der Fächer im Gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeld selbst zu regulieren. Ein Schulleiter, der dies aber zugunsten des Fachs Geschichte täte, würde nicht nur einen Streit mit den Lehrern anderer Fächer riskieren, sondern auch mit den Schülern, die zumindest auf den Resten ihrer Wahlfreiheit bestehen. Freilich gibt es auch die Kurskoppelung von Geschichte mit einem anderen Fach. Doch bei einer solchen Koppelung ist Geschichte für die Mehrheit der Schüler prinzipiell nicht mehr wählbar: in dem von der Behörde selber angebotenen Beispiel für all jene, die nicht gleichzeitig einen Leistungskurs Deutsch wählen!

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