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Bildung Faust in der Sprechblase: Lernen mit „Karl“

07.04.2002 ·  Bewegung in der deutschen Bildungslandschaft. Eine Comic-Figur namens „Karl“ soll müden Schülern Lust aufs Lernen machen. (Teil X)

Von Peter Thomas
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Wer Comics liest, wird Analphabet. So die Kritik an den Heftchen in den Jugendjahren der Bundesrepublik. Heute ist man weiter: Wer Comics ließt, weiß Bescheid über Robespierre und Hagen, kann etwas sagen zu Goethes italienischer Reise und dem Beginn britischer Rheinreisen im 18. Jahrhundert. Darauf setzen auch die Autoren Michael Apitz und Patrick Kunkel, die mit ihrer Parodie der Pisa-Studie der Diskussion über Comics im Unterricht eine neue Dynamik geben.

Ein Quiz, das hartes Faktenwissen abfragt, soll Antworten bringen, Antworten zum Nibelungenlied und dem Loreley-Stoff ebenso wie zur klösterlichen Weinbaugeschichte und den Anfängen des britischen Rheintourismus. Wer die bisherigen zehn Bände der Serie gelesen hat, sollte nach Meinung der Comic-Macher aus dem Rheingau kein Problem haben, die richtigen Antworten auch ohne Lexikon zu geben. Damit dürften sie Recht haben. Denn ganz in der Tradition francobelgischer Serien vermittelt ihre Figur "Karl" zwischen Komik und Parodie auch reichlich Informationen zu verschiedenen Aspekten mitteleuropäischer Kulturgeschichte.

Cosmographia Donaldistica

Die bunten Alben sind trotzdem weit entfernt von der klassischen Form des Schulbuchs. Wo jenes höchstens ein paar Seiten mit Comics bietet, die einen Lerntext begleiten, verbannt der Historiker Patrick Kunkel seine Ausführungen zu Politik und Geschichte in den Anhang des Hefts. Was in den Panels passiert, wird allein mit den klassischen Ausdrucksformen der "bandes dessinées" vermittelt.

Wo Serien wie "Karl" oder "Astérix" auf diese Art mit Fakten aus Geschichte und Kunst spielen, laden sie zu einer neuen Art des Lernens ein. Denn wer Spaß hat an den satirisch verfremdeten Personen, Kunstwerken und Handlungen - gleich ob in Gallien, dem Rheingau oder Entenhausen - interessiert sich womöglich auch für die Vorbilder solcher Szenen.

Die Editoren der deutschen Werkausgabe von "Astérix" haben darauf bereits mit dem ausführlichen Lexikon Horst Berners geantwortet, und mit der Welt des Kleinbürgers Donald Duck beschäftigt sich eine ganze Zeitschriften-Edition - auf dem Weg zur donaldistischen Kosmografie.

Die spinnen, die Römer

Dieser Umgang mit historischer Realität, Kunstgeschichte, Literatur und Politik im Comic könnte wohl Anstoß sein für die Pädagogik. Allerdings nicht in der Art jener Arbeitsbücher zum Thema Bildgeschichte, die bis heute von Schnippel-Orgien der 70er-Jahre an Kopien von Comics quer durch alle Genres zeugen. Auch ganze Alben als Unterrichtsstoff zu nehmen - Dramen und Romanen gleich -, hieße, das Potenzial des Mediums nicht auszuschöpfen.

Wenn statt dessen eine Unterrichtseinheit über die Entwicklung der Telegrafie mit "Lucky Luke" beginnt, oder eine Diskussion des konservativen Kunstbegriffs in den Massenmedien nach 1900 am Beispiel französischer und belgischer Comic-Serien ansetzt - dann weckt das Comic Interesse für neue Themen, wird zum fruchtbaren Ausgangspunkt assoziativen Lernens. Die sequenzielle Kunst von Carl Barks, Hergé, René Goscinny, Albert Uderzo und vielen anderen Comics böte dafür reichlich Material.

Faust auf Faust

Neu ist die Idee, Comics als Lernmittel einzusetzen, nicht: Den ersten Schritt in diese Richtung machten schon Serien wie die amerikanischen "Classics Illustrated" (1941 als "Classic Comics" gegründet), die Comic-Adaptionen von Literatur veröffentlichten. Die einzelnen Bände waren zeichnerisch oft eher simpel umgesetzte Heftchen, deren Einsatz im Schulunterricht heftig kritisiert wurde.

Die Ursprungsidee führte allerdings später zu Adaptionen von hohem künstlerischen Rang, wie die neue Serie der "Classics Illustrated" zu Beginn der 1990er Jahr bei Berkley First Publishing, die von Art Spiegelman herausgegebene Reihe "Neon Lit" oder Ehapas "Illustrierte Kinder-Klassiker".

Auch Goethes bekanntestes Drama erfuhr auf diese Weise gleich mehrmals eine Adaption durch das Comic: Von der Ausgabe der "Classics Illustrated" über Falk Nordmanns bizarrer, grafischer Inszenierung und der bilderbuchhaften Adaption von Christian Schieckel bis zu einer Szene in Friedemann Bedürftigs Comic-Biographie des Dichters "Zum Schauen bestellt".

Habe nun, ach, studiert...

Konsequent zu Ende gedacht hat die Idee des Lernens mit dem Medium Comic allerdings keines dieser Konzepte. Allenfalls die zweibändige Goethe-Biografie Bedürftigs kann als Sachbuch in Comic-Form gelten. Und das noch eher als die mit Bildgeschichten durchsetzen Biografien von David Zane Mairowitz zu Camus und Kafka.

Dagegen hat Scott McCloud, Autor des wegweisenden Titels "Understanding Comics" (Comics richtig lesen) mit "Reinventing Comics" (Comics neu erfinden) zum zweiten Mal ein Comic vorgelegt, das ein ernst zu nehmendes Sachbuch und Comic zugleich ist - und die wohl wichtigste Buchveröffentlichung des letzten Jahres zur Debatte der Zukunft des Mediums.

Karl soll Schule machen

Apitz und Kunkel haben sich in zehn Comic-Alben (der elfte erscheint im Sommer 2002) besonders mit ihren Goethe-Parodien hervorgetan. Denn die Karikaturen des Geheimrats und die satirische Bearbeitung seiner Werke machen dem Leser Lust, sich mit den Originalen auseinander zu setzen. Eben diesen Effekt kann sich Schule zunutze machen.

Wer den Autor der "Sentimental Journey Through France and Italy" im Gedächtnis behalten hat (nach ihm wird unter anderem in dem Quiz gefragt), wird sich noch viel stärker an den trink- und liebeslustigen Goethe auf den Seiten von "Karl" erinnern. Denn dieser Goethe spielt mit seiner Präsenz alle anderen Nebenfiguren locker an den Seitenrand. Ein Klassiker. Aber ein so lebendiger, wie er kaum in einem Schulbuch auftauchen dürfte.

Bereicherung für den Deutschunterricht

Künftig sollen die Autoren persönlich im Unterricht vorbeischauen: Apitz und Kunkel arbeiten an einem Konzept, das gezielt für Schulen angeboten werden soll - als Bereicherung zum Beispiel für den Deutsch- oder den Geschichtsunterricht. Die ersten Resonanzen aus Schulen und Politik sind durchwegs positiv, so Patrick Kunkel, der sich sicher ist, dass man mit "Karl Schule machen kann".

Der hessischen Landesregierung sollte die Unterstützung für ein solches Projekt leicht fallen. Immerhin kennen die Politiker aus Wiesbaden die Autoren schon von einem Vortrag in der hessischen Vertretung in Brüssel. Demnächst fahren die Väter der Comic-Serie in die hessische Landesvertretung nach Berlin. Dann geht es um "Karl" und die Rheinromantik.

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