15.11.2004 · Was passiert mit Kindern, die früh den Kontakt mit ihren Eltern verlieren? Soll man sich noch an Goethe orientieren? Und führt die neue Disziplin „Informationsethik“ zur Zensur des Internets? Eine Frankfurter Diskussion.
Von Lorenz JägerSie sind eine ehrwürdige Institution geworden. Die Frankfurter Römerberggespräche, inzwischen zum einunddreißigsten Mal veranstaltet und in ihren besten Momenten ein Forum für kontroverse Diskussionen, standen diesmal unter dem Titel „Die Sache mit der Bildung. Versuche über Lernen und Leben“. Wenn wir ganz simpel Noten verteilen wollen, so verdienen vor allem zwei Beiträge hervorgehoben zu werden, die durch ihre Sachhaltigkeit überzeugten.
Die Magdeburger Hirnforscherin Anna Katharina Braun brachte eine anschauliche Zusammenfassung ihrer Befunde, soweit sie für die Beurteilung der kindlichen Entwicklung von Belang sind. Offenbar finden die entscheidenden Bahnungen, die später Intelligenz und Gefühle und vor allem ihre wechselseitigen Beziehungen ermöglichen, schon sehr früh statt. Mäuse, denen man den Kontakt mit ihren Eltern unmöglich machte, haben später eine andere, primitivere Gehirnbildung als die unter gesunden Bedingungen aufgewachsenen. Anwendungen auf Menschenkinder liegen nahe.
Erfahrungen als Schicksal
Eindrucksvoll war das Bild der computertomographischen Aufnahme eines Mördergehirns aus den Vereinigten Staaten, das deutliche Unterentwicklungen zeigt. Und die Hirnforscherin glaubt, daß spätere Korrekturen von frühen Ausfällen kaum noch möglich sind - so wie Kinder, die das Zeitfenster des Spracherwerbs versäumten, später keine Sprache mehr erlernen können: Irgendwann sind die Erfahrungen zum Schicksal geworden.
Der andere Beitrag, dem das Publikum gefesselt folgte, kam von Enja Riegel, der früheren Leiterin der Wiesbadener Helene-Lange-Schule. Und dabei wurde deutlich, daß es zur Bewältigung der aktuellen Bildungsprobleme doch weniger auf die plakatierte Ideologie ankommt als auf den gesunden Menschenverstand, den praktischen Idealismus und den Erfindungsreichtum einiger weniger. Denn mit der Wiesbadener Einrichtung konnte ein ausgesprochenes Reformprojekt, das als Gesamtschule von der fünften bis zur zehnten Klasse angelegt ist, in den ersten Jahren auf Benotung und die Bestrafung durch Sitzenbleiben verzichtet und in deren Klassen ehemalige Sonderschüler und Begabte zusammensitzen, in der Pisa-Studie einen hervorragenden Platz belegen. Vor allem in puncto Lesefähigkeit und Mathematik taten sich die Wiesbadener Schüler hervor.
Atmosphärische Unterschiede
Die Unterschiede dieser Schule sind vor allem atmosphärischer Art. Die Klassen behalten den Klassenlehrer über die ganze Dauer ihres Schulbesuchs. Auch die Fachlehrer bleiben den Klassen über den ganzen Zeitraum des Schulbesuchs erhalten. Grundsätzlich finden nur Doppelstunden statt, in denen man sich einem Thema konzentrierter widmen kann. Die Schüler reinigen ihre Schule selbst, das eingesparte Geld wird für Theaterleute von auswärts eingesetzt, die das Schülertheater anleiten. Die Lehrer arbeiten länger als in anderen Schulen, und Enja Riegel tadelte die Gewerkschaften, denen weniger an der Qualität des Arbeitsplatzes als am abzuarbeitenden Stundenquantum zu liegen scheint. Schwierigkeiten mit der Schulaufsicht konnten nicht ausbleiben, wurden aber offenbar mit Tricks und Charme bewältigt.
Es ist ein vornehmer Ton in die Bildungsdebatte gekommen, der ihr nicht immer zum Guten anschlägt. Englischkurse im Kindergarten muß man hier als typische Verirrung erwähnen, aber auch das Renommieren ehemaliger Fachhochschulen mit dem neuen Titel „Universität“. Es war Ivan Nagel, der in der Schilderung seines eigenen Berufsweges von seiner Sehnsucht nach der alten Max-Reinhardt-Schule sprach, an der man in Berlin Schauspieler ausbildete - heute wäre er am Fachbereich 5 einer „Universität der Künste“ angestellt. Ähnlich im Tenor das Plädoyer des Wissenschaftstheoretikers Jürgen Mittelstraß für eine Universität der Forschenden, die sich vom Fachhochschulbetrieb wieder absetzen solle.
Polemik gegen Hegel
Manfred Osten, der die Alexander-von-Humboldt-Stiftung leitet, hielt ein rührendes, nicht immer ganz überzeugendes Referat über die Vorzüge einer Orientierung an Goethe, an der Anschaulichkeit und der Überlieferung, an dem die heftige Polemik ausgerechnet gegen Hegel - den welthaltigsten Philosophen des Idealismus! - befremdete.
Auch schloß man Bekanntschaft mit einem neuen Fach, der „Informationsethik“. Rafael Capurro vertritt diese Disziplin an der Stuttgarter Hochschule für Medien: „Die möglichen Interpretationen und Handlungsoptionen in diesen und anderen Bereichen“, so erklärte er zur Zukunft des Internets, „müssen in formalen und informalen Diskursen, in Parlamenten, Bürgerforen, in der akademischen Lehre und Forschung und im Dialog mit der Privatwirtschaft und den sonstigen stake holders einer nicht bloß beschleunigten, sondern nachhaltigen Wissensgesellschaft auf nationaler und lokaler Ebene geführt werden, nicht zuletzt unter Nutzung des digitalen Netzes selbst.“ So redete er fort, könnte man mit Goethe sagen, und nicht jeder im Auditorium konnte sich dabei gleich etwas vorstellen.
Der Berichterstatter kann es und weiß, daß es auf eine Zensur des Internets hinauslaufen soll; Capurro fordert eine Internet-Agentur der Vereinten Nationen. Meist ist es die Verbreitung der Kinderpornographie im Netz, die bei solchen Gelegenheiten bemüht wird (und die auch Capurro ansprach), auch rechtsradikale Seiten. Wenn es einmal so weit ist, daß die Zensur- und Kontrollpläne eine bestimmtere Gestalt annehmen, wird sich auch die Inkarnation des Bösen im Netz-Zeitalter finden lassen - der faschistische Kinderschänder -, mit dem man dann die Öffentlichkeit so hysterisieren kann, daß sie der Einschränkung der Informationsfreiheit aufatmend zustimmen wird.