06.01.2004 · Der Putz fällt von den Wänden, Bücher, werden nicht mehr angeschafft: Die von der SPD nun geforderten eins bis sechzehn Eliteuniversitäten werden keinen der Mißstände an den deutschen Hochschulen beheben.
Von Jürgen KaubeWenn "zumindest eine" (Olaf Scholz, SPD) oder mehrere (Franz Müntefering, SPD), also mindestens zwei, oder "vier bis sechs" (Karl Max Einhäupel, Wissenschaftsrat), vielleicht auch sechzehn (Kultusministerkonferenz) oder doch wenigstens "einige" (Ernst-Ludwig Winnacker, Deutsche Forschungsgemeinschaft) deutsche Eliteuniversitäten die Lösung sind - was war dann eigentlich das Problem?
Die Lage der tatsächlichen, der Nichteliteuniversitäten kann das Problem nicht gewesen sein. Denn sie ist zwar, wie man so sagt, problematisch. Der Putz fällt von den Wänden, aber nicht mehr auf Bücher, denn die werden mancherorts gar nicht mehr angeschafft. Im Hochschulbau sind der Bundesministerin gerade 135 Millionen Euro gestrichen worden. Überall, von Berlin über Niedersachsen und Hessen bis nach Bayern, wird an der höheren Bildung gespart, weil man in allen Staatskanzleien weiß, daß die demographische Entwicklung so viele Studienplätze in Zukunft nicht mehr nötig sein läßt. Zugleich hat man die Universitäten mit einer Reformidee nach der anderen überzogen: Juniorprofessur, Bachelor und Master-Abschluß, modulares Studieren, Kreditpunktesystem.
Dauerevaluation
Wer als Professor oder Assistent von den entsprechenden Strukturreformanpassungskommisionssitzungen noch nicht genug hat, kann sich der Dauerevaluation als Drittmittelgenerator zuwenden und im Dekorieren der entsprechenden Projektanträge mit dem jeweils gängigen Zierat - "interdisziplinär", "transdisziplinär", "postkolonial", "neurobionano" etc. - abendfüllende Sinnstiftung finden. Dazwischen Tagungen, um den Kontakt zur Front der Rilkestudien ja nicht zu verlieren, weil vom Kontakt und vom Netz zwischen den Kontaktknoten wiederum die Drittmittel abhängen, die man für den Fortschritt, den eigenen und den gesamten, sowie für weitere Drittmittel - nur wer hat, dem wird gegeben - braucht. Die Lehre bei den Studenten, die, solange sich die demographische Prognose noch nicht auswirkt, in immer größeren, der Bildungspolitik aber längst noch nicht ausreichenden Zahlen zugelassen werden und deren Durchsatz eine weitere Evaluationskennziffer darstellt, diese Lehre bleibt dabei natürlich ein bißchen zurück. Auch ein Professor hat nur vierundzwanzig Stunden am Tag, seine Woche hat noch dazu nur drei solcher Tage, und mittwochs ist Kommission.
Problematisch also ist die Lage der Universitäten. Aber sie ist offenkundig nicht das Problem. Denn die Eliteuniversitäten, jene eins bis sechzehn Stanfords, werden keinen dieser Mißstände beheben. Die längst zu spürende Tendenz, aus normalen Universitäten schleichend Fachhochschulen zu machen, würden sie noch verstärken. Etwa 1500 Studenten läßt Stanford - Jahresetat 2,1 Milliarden Dollar - jährlich neu zum Studium zu. Das eine mal sechzehn ergibt ein bißchen mehr als die Zahl aller Studenten an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Das andere mal sechzehn ergibt rund dreißig Milliarden Euro. Woher auch nur die zwei Milliarden für ein einziges Bundesstanford, eine "Grand École abnormale polytechnique et sociodemocratique", nehmen, wenn nicht den anderen Universitäten stehlen oder auf sonstige Art beim Steuerzahler holen?
Die schlaueren Studenten
Das Problem, heißt es, sei der weltweite Wettbewerb zwischen den Universitäten um die besten Köpfe, die Abwanderung von Koryphäen und vielversprechender Forschungsjugend nach Übersee oder in die Schweiz. Daß sich dort die schlaueren Studenten einfinden, wäre erst noch zu beweisen. Und daß die schlauesten Studenten weltweit stets die Vereinigten Staaten als Lebensmittelpunkt bevorzugen, ist weder wahr noch geeignet, die Diskussion darüber von unserer dummen Einwanderungspolitik hin auf die Schimäre eines deutschen Stanford zu lenken.
Vom Standpunkt der Forschung aus betrachtet, ist die Abwanderung kein Problem. Denn Universitäten konkurrieren nicht um die Wahrheit wie Wirtschaftsfirmen um die Kaufkraft der Konsumenten. Für den deutschen Forscher und die Erkenntnis ist es kein Verlust, wenn sein Kollege in Stanford etwas herausbekommt. Es sei denn, man begriffe Universitäten als Patentfabriken. Es sei denn, man behandelte die Nichtpatentproduzenten so, als seien sie welche. Damit kommt man der Frage nach dem Problem, das die Elitenuniversität lösen soll, am nächsten. Einen Haufen Geld in die Hand nehmen, in eine Neugründung stecken, die besten Köpfe - die sich schon jetzt wie alle Weltstars die Hände angesichts der Transfersummen reiben - holen, und aus der Forschung sprudelt Wachstum. "Innovationsoffensive" heißt die Überschrift, um den Leuten Bildung oder jedenfalls Bildungsreden schmackhaft zu machen. Die Eliteuniversität soll das Problem lösen, daß es im Land an marktfähigen Innovationen zu fehlen scheint.
Das mag ein Problem sein. Aber soll man annehmen, daß ein Politiker, der sich von einer Eliteuniversität seine Lösung verspricht, schon einmal in Stanford gewesen ist? Oder in Oxford? Daß er schon einmal ein gutes College gesehen hat, oder überhaupt weiß, was das ist, ein College? Oder ein Tutorium? Oder ein Ph.D.-Programm in Altphilologie, Ökonomie, Meeresbiologie? Nein, das soll man nicht annehmen. Denn wer gegenwärtig eine staatliche Eliteuniversität als Lösung für irgendein wichtiges mit Bildung und Wissenschaft zusammenhängendes Problem dieses Landes hält, bei dem muß man sich fragen, ob er seit seinem Studium eine hiesige Universität von innen gesehen hat.