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Zum 100. Geburtstag : Claude Simons Wege nach Deutschland

  • -Aktualisiert am

Claude Simon auf einer Vortragsreise im Jahr 1971, fotografiert von Barbara Klemm. Die Porträts von Barbara Klemm prägen neben den 1989 in München entstandenen Fotos von Isolde Ohlbaum das Bild des Nobelpreisträgers in Deutschland bis heute. Bild: Barbara Klemm

Claude Simon, der 2005 verstorbene Nobelpreisträger für Literatur, war einer der großen Autoren des letzten Jahrhunderts. Ein Blick auf die Verbindungen, die seine Biographie und die Rezeption seines Werks mit Deutschland verknüpfen.

          Claude Simon hat seine Arbeitsweise gerne mit der Suchbewegung eines Reisenden verglichen, der in einer unbekannten Stadt umherirrt und probiert, eine Karte zu erstellen: Das Schreiben erscheint als gewundener Weg, bei dem „Wort für Wort“ über Analogien und Differenzen aus formlosen Erinnerungen und Eindrücken ein Text entsteht. Jedes neue Wort wird zum „Bedeutungsknoten“ und die Metapher zur Leitfigur seines Schreibens.

          Simon hat auch gerne daran erinnert, dass das Wort „Metapher“, das man in Griechenland auf Lastwagen sehen kann, „Transport bedeutet. Transport im Raum, Transport in der Zeit – Transport von Sinn“. Es liegt nahe, nach den Wegen zu fragen, die diese auf den Beziehungsreichtum der (französischen) Sprache gegründeten Romane seit 1959 diesseits des Rheins zurückgelegt haben — „transportiert“ durch verschiedene namhafte Übersetzer und Interpreten und seine deutschsprachigen Leser. 

          Unter den Linden im Jahr 1937

          Simons deutsche Geschichte beginnt im August 1914: Sein Vater fällt zu Beginn des ersten Weltkrieges in Flandern. Fünf Jahre später – so zu lesen im  ersten Kapitel der „Akazie“ – wird der Sechsjährige mit seiner Mutter über die verwüsteten Schlachtfelder irren auf der Suche nach dessen Grab. 1937, auf einer zweimonatigen Reise nach Odessa, kommt Simon nach Berlin.

          Er hätte hier Beckett treffen können und andere, die „Reisen ins Reich“ (Oliver Lubrich) unternahmen. Unter den Linden, so sein unveröffentlichtes Reisetagebuch, sieht er Hitler aus einem Haus heraustreten: „helle Heil-Rufe. Er lacht, antwortet und steigt in sein Auto ein. Ziemlich dick, rundes Gesicht unter der flachen Mütze. Lange Hosen. Göring so, wie ihn das Kino zeigt.“

          Im Augenblick des Schreibens: Zeichnung von Claude Simon, die er seinem „Blinden Orion“ voranstellte.

          Simon notiert die Präsenz des Militärs, bewundert den Pergamon-Altar und besucht eine Cranach-Ausstellung. Berlin wird zu einer „aufgedunsenen Hauptstadt mit ihren Museen voller Stein um Stein hierher transportierten griechischen Tempeln, ihren Lindenalleen, ihren schwerfälligen Kuppeln, ihren Barockpalästen, ihren mit griechischer Philosophie vollgesogenen Philosophen“. Die Erinnerungen an die Reise von 1937 geistern verfremdet durch Simons gesamtes Œuvre, von der autobiographischen Frühschrift „Das Seil“ bis hin zum Alterswerk „Jardin des Plantes“.

          Auf einer Straße in Flandern

          Simons unfreiwillige zweite Reise nach Deutschland beginnt in Flandern, wo er den ersten Kriegswinter in einem Dragonerregiment verbringt. Als im Mai 1940 der lange erwartete deutsche Angriff beginnt, muss er den Panzern und Flugzeugen der Wehrmacht zu Pferd entgegenziehen. Nach einer Woche gerät seine Truppe in einen Hinterhalt und wird fast restlos vernichtet. Durch einen Zufall dem Debakel entgangen, beobachtet Simon aus einem Versteck am Straßenrand, wie deutsche Panzerwagen an toten Pferden vorbei nach Westen fahren.

          Diese kurze Kampferfahrung trifft den Protagonisten des Romans „Die Straße in Flandern“ mit solcher Wucht, dass ihm später im sächsischen Arbeitslager die Nachricht vom Bombardement der Leipziger Bibliothek nur zynische Kommentare entlockt. Und der seinerseits nur knapp dem Untergang entronnene Autor bemerkt in einem 1995 für die Frankfurter Allgemeine Zeitung geschriebenen und von Helmut Scheffel übersetzten Text noch am 8. Mai 1945 eine gespenstische Atmosphäre in den belebten Straßen von Paris, „als laste auf dieser Menschenmenge unsichtbar das Gewicht von Millionen Toten“.

          Claude Simon antwortet auf die von dieser Zeitung gestellte Frage, was das Kriegsende am 6. Mai 1945 für ihn bedeutete. Seine Antwort wurde 50 Jahre später in der Beilage „Bilder und Zeiten“ zusammen mit anderen Antworten abgedruckt.


          Fast fünf Monate dauerte Claude Simons längster Aufenthalt in Deutschland, als Kriegsgefangener im Stalag IV B in Mühlberg an der Elbe. Wie andere französische Soldaten aus der Flandernschlacht wurde Simon gefangengenommen. Der Güterwaggon, der ihn und 75 andere Gefangene transportierte, traf nach drei Nächten und zwei Tagen in Mühlberg bei Dresden ein. Auf historischen Fotos kann man das Portal sehen, durch das Simon das Lager am 27. Mai 1940 betrat.

          Doppelseite aus dem Claude Simon gewidmeten Heft der Zeitschrift „Du“ (Januar 1999, Nr. 691), das Claude Simon gewidmet war und zu dem Simon drei Bild-Text-Strecken beisteuerte. Sie zeigt einen Plan des Stalag IVB in Mühlberg und sein eigenes Bild als Lagerhäftling.

          Das Lager war erst kurz zuvor errichtet worden. Dem Historiker Achim Kilian zufolge wurden hier aber schon im Juni 1940 mehr als 23.000 Franzosen interniert. Im Seil hat Simon zum ersten Mal versucht, seine Erinnerungen an das Lagerleben in Worte zu fassen. Seine späteren Romane, vor allem Die Straße in Flandern, Geschichte, „Die Akazie“ und „Jardin des Plantes“, enthalten, charakteristisch für den Autor, vielfache Umschriften dieser Schicht seines (Text-)gedächtnisses.

          Simon ist nicht, wie manchmal zu lesen, aus Mühlberg geflohen. Vielmehr konnte er die Lagerleitung überzeugen, daß er, der 1913 in Tananarivo auf Madagaskar Geborene, zu der Gruppe der aus den Kolonien stammenden Franzosen gehöre, die man aus Propagandagründen im Oktober 1940 in ein anderes Lager in Frankreich verlegte. Von dort gelang Simon die Flucht. Der Überlebende und Heimkehrer aus der Gefangenschaft setzte sich an den Schreibtisch und begann zu schreiben. Hier endete laut der Akazie die Biographie und begann das Werk des Romanciers, in dem gleichwohl alles, „auch das Erfundene“, autobiographische Züge trägt.

          Beschreibungen eines Desasters

          Ausgerechnet Claude Simon, der seinen Vater im Ersten Weltkrieg verloren hatte, als Kavallerist im Mai 1940 in Flandern nur knapp der deutschen Artillerie entkommen war und fünf Monate in deutscher Kriegsgefangenschaft verbrachte, erschloss den deutschen Leserinnen und Lesern eine neue Sprache und Darstellungsform für die weniger heroischen als traumatischen Erfahrungen des Krieges. Einen seiner Romane bezeichnete er als  „Fragmentarische Beschreibung eines Desasters“ ohne höheren historischen „Sinn“.

          In dem „Proust-Fragebogen“, den er (eher widerwillig) 1989 für das F.A.Z.-Magazin ausfüllte, zitiert er als Antwort auf die Frage nach seinem „Hauptcharakterzug“ nicht umsonst den skeptischen Wahlspruch Montaignes: „Was weiß ich?“

          Der „Proust-Fragebogen“, ausgefüllt von Claude Simon und abgedruckt im F.A.Z.-Magazin vom 19. März 1989 (Aufruf über den Reiter „Bilder“ am Seitenkopf)

          Jenseits der Trümmer- und Heimkehrerliteratur der Nachkriegszeit trat den Lesern hier die eigene Geschichte in fremdem Gewand gegenüber, als sprachbewusstes und sprachmächtiges Erzählen, das nach der Begegnung mit dem Tod kein Wissen über „die Geschichte“ für sich reklamiert, den Geschichtsbüchern vielmehr einprägsame Bilder entgegenstellt und dadurch den Krieg als „Sprachlandschaft“ (Reto Hänny) neu erschafft.

          Die ersten Rezensenten lesen vor allem „Die Straße in Flandern“ (1961 übersetzt von Elmar Tophoven) als ein Experiment, die Erfahrungen der Kriegsgeneration zu verarbeiten. Wolfgang Koeppen, der 1963 Zeuge eines Vortrages von Simon in München war, konnte mit den Theorien des „nouveau roman“ nicht viel anfangen, begeisterte sich aber umso mehr für Simons Kriegsroman als „kühnes, dichtes, üppiges Wortgespinst“: „Worte aus Worten geboren, doch überläßt man sich diesem Strom, wird man reich belohnt, erlebt einen neuen großen Roman von Krieg und Frieden.“

          Wie in Frankreich las man Simon zunächst auch hierzulande als Autor des „nouveau roman“, betonte jedoch viel früher die autobiographische Dimension seines Œuvres, da man seit 1964 auf das dort längst vergriffene „Seil“ zurückgreifen konnte. Außerdem wurde er als avantgardistischer Antipode der „engagierten Literatur“ wahrgenommen und gerne mit seiner im „Kursbuch“ 1 (1965) abgedruckten polemischen Erwiderung auf Sartre zitiert. Auch wenn einige Kritiker, namentlich Hanns Grössel, Simons „antihistorischem Fatalismus“ (Jean Améry, 1971) mit Distanz begegneten, herrschte doch weitgehendes Einvernehmen über den ästhetischen Rang seiner Romane, so dass die „Akazie“ 1991 sogar auf dem ersten Platz der SWF-Bestenliste landete.

          Eine bemerkenswerte Ausnahme machte Marcel Reich-Ranicki. Im Literarischen Quartett nutzte er, dem die positiven Rezensionen von Helmut Scheffel in der F.A.Z. ein Dorn im Auge waren, 1993 die große Bühne der Fernsehshow, um die „Georgica“ als „furchtbar abscheuliches“ und „tödlich steriles Buch“ zu verreißen. Ihn hat Simon sicher nicht gemeint, als er in einem Gespräch auf die Frage nach seinem Verhältnis zu Deutschland antwortete, dass die Deutschen seine „treuesten Leser“ seien. Eher Jean Améry, der schon 1971 gefordert hatte: „Nichts darf unterlassen werden, die deutschsprachigen Leser für Claude Simon zu gewinnen.“

          Der Reigen der Verlage

          Trotz der Resonanz bei der Kritik wollte oder konnte sich kein Verlag dauerhaft für Simon engagieren. War es in den sechziger Jahren zunächst Klaus Piper, der die Übersetzungen veröffentlichte, gingen die Rechte in den siebziger Jahren an Luchterhand. Zwischen 1974 und 1986 wurde nach dem ausgebliebenen Erfolg beim Leser dann kein weiterer Roman von Simon mehr übersetzt. „Histoire“ (1967), zentral für das Verständnis des Zusammenhangs zwischen der ‚formalistischen’ Phase der siebziger und dem stärker autobiographischen Werk der sechziger Jahre, sollte erst über zwanzig Jahre nach der französischen Erstausgabe in deutscher Übersetzung bei DuMont erscheinen.

          In der DDR konnte man Simon übrigens erst in den achtziger Jahren lesen, in auflagenstarken Lizenzausgaben der Übersetzungen von „Die Straße in Flandern“ (1980) und „Das Gras“ (1980 und 1986), „Der Wind“ (1988), jeweils mit einem Nachwort von Brigitte Burmeister, die Simon gegen Formalismusvorwurf verteidigte. Bei der Bekanntgabe des Nobelpreises im Oktober 1985 schließlich war kein einziger Titel lieferbar. Piper und Luchterhand druckten aber schnell ihre alten Ausgaben als Taschenbücher nach, mit vergleichsweise hohen Auflagen. Rowohlt hatte noch kurz zuvor die Rechte für Simons Romane erworben und veröffentlichte zuerst „Triptychon“ (1986) und „Anschauungsunterricht“ (1986), dann „Die Einladung“ (1988) und schließlich, mit einer Verzögerung von elf Jahren, „Georgica“ (1992).

          Den größten verlegerischen Erfolg konnte aber Suhrkamp mit der „Akazie“ erzielen, dem am meisten besprochenen und wahrscheinlich auch gelesenen Werk Simons in Deutschland. Mit der Veröffentlichung von „Jardin des Plantes“ zum 85. Geburtstag Simons eröffnete DuMont eine neue Reihe von insgesamt acht Übersetzungen und Neuübersetzungen, die bis 2006 fortgesetzt wurde.

          Tophoven übersetzt Simon

          Simons deutsche Rezeption wäre nicht möglich gewesen ohne die exzellenten Übersetzungen, von Erika und Elmar Tophoven, von Christine Stemmermann, Helmut Scheffel (“Die Schlacht bei Pharsalos“, 1972), der die Rezeption auch mit seinen Rezensionen in dieser Zeitung prägte, und von Eva Moldenhauer. Tophoven übersetzte, zum Teil mit seiner Frau, „Die Straße in Flandern“ (1962), „Der Palast“ (1966) und „Das Gras“ (1970). Mit den Schwierigkeiten konfrontiert, die Simons Sprache dem Übersetzer aufgibt, entwickelte er das Verfahren der „transparenten Übersetzung“.

          Die „Transparenz“ besteht darin, dass der Übersetzungsprozess (auch in seinen Umwegen) dokumentiert wird und nicht nur sein Endergebnis – das Übersetzte – zählt. Nicht von ungefähr begeisterte sich Tophoven früher als andere für Computer und Textverarbeitungsprogramme: An einem „Wang“-Computer träumte er schon in den achtziger  Jahren von einer Digitalisierung aller Werke Simons als Hilfsmittel für den Übersetzer. Die während der noch Ende der sechziger Jahre begonnenen und leider nicht mehr abgeschlossenen Übersetzung von „Histoire“ entstandenen Aufzeichnungen arbeiten Besonderheiten der zu übersetzenden Texte heraus.

          In Elmar Tophovens Exemplar von „Histoire“ kann man sein von Simons Manuskripten inspiriertes System der farbigen Markierungen gut erkennen: rot für lexikalische Probleme, grün für syntaktische und blau für klangliche. Die Zahlen am Rand verweisen auf die Karteikarten, auf denen Tophoven einzelne Probleme der Übersetzung und Lösungen notierte. Auf S. 11 oben sind Anmerkungen zu der Übersetzung des homophonen „jais“ (Gagat/Jett) und „geai“ (Eichelhäher) zu sehen und der Verweis auf die Karteikarte Nr. 37. 2. Diese Karteikarte zeigt das nächste Bild.
          Die Karteikarte mit der Nummer 37: Tophovens Vorgänger als Deutschlektor an der ENS war Paul Celan. Mit ihm scheint Tophoven die Übersetzung diskutiert zu haben. Celans Vorschlag bestand darin, die Homophonie zu kompensieren durch das der Bezeichnung des Halbedelsteins vorangestellte Adjektiv  („rabenschwarz“), das sich im Deutschen auf die schwarze Farbe eines Vogels bezieht.

          Als besondere Herausforderung der Simon-Übersetzung betont Elmar Tophoven (gegen den Autor selbst) die Bedeutung der klanglich-melodischen Dimension. Da er der Ansicht war, dass die gesprochenen Texte Simons noch überzeugender seien als die gedruckten, nahm er seine Übersetzungen auf Tonband auf und las sie immer wieder privat und öffentlich vor. Für Tophoven war Simon „ein moderner Rhapsode“.

          Der Löwenanteil deutscher Simon-Übersetzungen stammt aus der Feder von Eva Moldenhauer. Sie hat zehn der in die Pléiade-Ausgabe aufgenommenen Romane ins Deutsche gebracht, außerdem das vom Autor verworfene Frühwerk „Das Seil“ (1964) sowie eine Reihe kleinerer Schriften.Wie sie in einer vor zwei Jahren gehaltenen Preisrede erzählte, griff sie in ihrer „Übersetzerwerkstatt“ stets auch auf eigene Feldforschungen zu den von Simon beschriebenen Welten zurück. Für die Neuübersetzung von „Die Straße in Flandern“ besuchte sie eine Pferderennbahn und hörte sich im Milieu der Jockeys um, für „Die Trambahn“ erkundigte sie sich nach Einzelheiten der Straßenbahntechnik und betrieb lokalhistorische Studien in Perpignan, bei denen sie zur Freude des Autors alte Postkarten aus Canet-Plage entdeckte.

          So kommt die sinnliche Genauigkeit Simon’scher Deskriptionen bei Moldenhauer perfekt zur Geltung, ohne dass ihre sprachliche Eigendynamik verloren ginge. Entsprechend würdigt ein Brief des Autors ihre Leistung als „regelrechte Herstellungsarbeit“, die weit über eine bloße Transkription des Originals hinausgeht. Für Simon, so der gleiche Brief, ist der Übersetzer ein „Doppelgänger des Autors“, der sich wie der Autor selbst bemühe, durch die Sprache „im Geist des Lesers bestimmte Bilder hervortreten zu lassen“.

          Die Wirkung auf Autoren

          Dass die Übersetzungen genau in diesem Sinn erfolgreich sind, zeigt sich vielleicht am deutlichsten in der Faszination, die Simons Romane auf deutschsprachige Autoren ausgeübt haben. Bis heute werden verschiedene Charakteristika von Simons Werk produktiv fortgeschrieben, sei es die Schichtung der Erinnerungen, sei es die Vertextung von Fotografien oder die mäandernde, mit Parenthesen gespickte Beschreibung.

          Dies gilt beispielsweise, um den vielleicht prominentesten Fall zu nennen, für W. G. Sebald. Auch wenn sich nur in seinem letzten Roman „Austerlitz“ ein expliziter Hinweis auf Simon findet, auf die Geschichte des italienischen Malers Gastone Novelli aus „Jardin des Plantes“, hat die Simon-Lektüre seine Schreibweise nachhaltig geprägt. Sebald-Leser sind damit, oft ohne es zu wissen, auch Simon-Leser.

          Eine ähnliche produktive Wertschätzung zeigt sich bei dem singulären „Proust aus Amrain“, dem Schweizer Autor Gerhard Meier, der seine Figuren Baur und Bindschädler in der Ballade vom Schneien (1985) „Das Gras“ lesen lässt. Die zweite Phase der literarischen Simon-Rezeption begann nach dem Nobelpreis in den neunziger Jahren, als eine neue Generation deutschsprachiger Autoren und Autorinnen Simon für sich entdeckt. Viele davon äußerten sich, auf Anregung von Barbara Basting, im 1999 erschienenen Simon-Heft der Schweizer Kulturzeitschrift „Du“.

          Der „Hommage“ betitelte Teil des Heftes von 1999 versammelt Beiträge u.a. von Wilhelm Genazino, Bodo Hell, Urs Jaeggi, Reinhard Jirgl, Friederike Mayröcker. Gerade Jirgls Essay bezeugt die Faszinationskraft, die Simons Umgang mit der Sprache auch noch in den Übersetzungen entfaltet, seine prägende Kraft für einen Autor, der wie Jirgl selbst „am Saum der Wörter“ arbeitet. Zu nennen ist neben Thomas Lehr und Ilma Rakusa vor allem Marcel Beyer, der Simon einen Essay gewidmet hat und sich bei seinem Roman „Spione“ von der „Akazie“ inspirieren ließ, insbesondere durch die darin greifbare Auseinandersetzung mit der Photographie

          Simon, der Photograph

          Dass Simon ein besonders visueller Autor ist, dem man seine Vergangenheit als Kunststudent genauso anmerkt wie das zeitlebens praktizierte Photographieren, ist in der deutschsprachigen Rezeption immer besonders präsent gewesen. Es hat sich in dem Projekt des kürzlich verstorbenen Verlegers Theo Rommerskirchen niedergeschlagen, Simon einen Band seiner Reihe „Signatur“ für „malende Dichter“ und „dichtende Maler“ gestalten zu lassen.

          1988 erschien, leider in einer schwer zugänglichen limitierten Sammleredition, das „Album eines Amateurs“, in dem Simon einige Jahre bevor seine Bilder in Frankreich ausgestellt wurden, eigene Farbphotographien und Texte zu einer intrikaten Abfolge von „Bedeutungsknoten“ kombiniert. Zehn Jahre später regte Barbara Basting Simon dazu an, für das Du-Heft drei lange Text-Bild-Strecken („Biografie“, „Atelier“, „Album“) zu gestalten.)

          Der Umschlag der „Du“-Ausgabe vom Januar 1999, die Claude Simon gewidmet war und auch von ihm selbst komponierte Seiten mit Bildern und Texten enthält.

          Zu den kühnsten intermedialen Projekten, die Simon in Deutschland realisiert hat, gehört sicherlich der von Peter Brugger angeregte Film „Die Sackgasse“, eingebettet in den Fernsehfilm „Triptychon mit Claude Simon“ (Saarländischer Rundfunk, 1976). Brugger ging es nicht darum, mit dem Autor ein biographisches Feuilleton zu drehen.

          Simons Arbeit mit der Sprache sollte mit den Mitteln des Fernsehens einem größeren Publikum verständlich gemacht werden. Während entsprechende Anfragen des französischen Fernsehens an diesem Punkt gescheitert waren, ließ sich Simon begeistert auf das Experiment des deutschen Fernsehsenders ein. Es entstand die Idee, im Anschluss an Motive aus dem (bereits „filmisch“ gedachten) Roman „Triptyque“ (1973) einen Kurzfilm nach einem Drehbuch des Autors zu produzieren, keine „Verfilmung“ des Romans, sondern filmische Entsprechungen zu seinen textuellen Verfahren. So entstand in Deutschland Simons einziger Film, „Die Sackgasse“.

          Es handelt sich nicht um Simons einzigen Auftritt im deutschen Fernsehen. Der Saarländische Rundfunk hatte schon 1968 von einer Begegnung zwischen Simon und Tophoven im Fernsehen berichtet. Und im NDR war man 1985, als der Nobelpreis vielerorts auf Ratlosigkeit stieß, stolz, dass man schon 1975 ein ausführliches Porträt des Autors gedreht hatte; später entstanden weitere Originalinterviews.

          Standbild aus einem deutschen Filmbeitrag aus dem Jahr 1988: Claude Simon erklärt anhand einer Doppelseite seines eben erschienenen „Albums eines Amateurs“ seine Schreibverfahren. Eine kleine Figur verschlungener Linien, wie sie auf der linken Seite zu sehen ist,   verwendet er auch in einem Text, der seinem „Blinden Orion“ voransteht und eine Poetologie in nuce entwirft.

          Überhaupt ist Simons Präsenz in deutschen Medien erstaunlich. Das beginnt mit dem Radio: 1968 wurde das Hörspiel „Die Trennung“ gesendet (das am 6.10. aus Anlass des Jubiläums wieder im SWR zu hören ist). Im „Studio für neue Literatur“ des Süddeutschen Rundfunks (Redaktion: Helmut Heißenbüttel) konnte man im Februar 1969 einen Vortrag von Simon „Darstellung oder Herstellung? Zur Situation des Romanschriftstellers“ hören. Noch 2011 bearbeitete Klaus Schöning Das Haar der Berenike / La Chevelure de Bérénice für ein zweisprachiges, musikalisch durchkomponiertes Hörspiel im Deutschlandradio.

          Der deutschsprachige Simon ist also alles andere als „steril“. Der kleinen Leserzahl steht im deutschsprachigen Raum eine erstaunlich produktive kritische, literarische, künstlerische und auch wissenschaftliche Rezeption (u.a. durch Romanist/innen wie Winfried Wehle, Karlheinz Stierle, Rainer Warning, Barbara Vinken) gegenüber. Sie würde es verdienen, auch in Frankreich wahrgenommen zu werden.

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