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Zivilisation und Vorurteil : Ein Afghane war das!

  • -Aktualisiert am

Schüler beim Volleyballspiel in Kabul Bild: AFP

Vor einigen Wochen wurde mitten auf der Innsbrucker Maria-Theresien-Straße eine junge Frau von ihrem Ehemann ermordet. Das Flüchtlingspaar stammte aus Afghanistan. Was besagt das schon?

          Als ich vor Kurzem in einem Innsbrucker Lokal saß, die angenehme Abendluft und meine Pasta genoss, hätte ich nicht gedacht, wie schnell mir die gute Stimmung verdorben werden könnte. Am Tisch neben mir saßen zwei ältere Ehepaare. Als sie plötzlich begannen, sich über den jüngsten Mord in der Stadt zu unterhalten, wurde ich hellhörig.

          „Ein Afghane war das!“, stellte eine der Frauen fest. Daraufhin entgegnete der Mann, dass alle Afghanen dieses „Blutrachedings“ mit sich tragen würden. „Auch wenn sie hier in der Zivilisation ankommen“, fügte er hinzu. Die Zivilisation. Ich dachte, ich hätte nicht richtig gehört. Was meinte der Mann damit? Etwa, dass nur Österreich, nur Europa, nur der „Westen“ eine Zivilisation sei?

          Der Afghane, um den es ging, hatte vor einigen Tagen mitten auf der belebtesten Straße der Stadt seine Frau umgebracht. Die Frau hatte auf einer Bank gesessen und mit einer Bekannten geplaudert, als plötzlich der Mann an sie herantrat und wahllos auf sie einstach. Das gemeinsame Kind, welches sich im Kinderwagen befand, musste die Bluttat mitansehen. Obwohl viele Menschen anwesend waren, konnte der jungen Mutter – sie war zwanzig Jahre alt – nicht geholfen werden. Während dem 22 Jahre alten Mann die Flucht gelang, verstarb die Frau im Krankenhaus. Auf Anraten von Freunden tauchte er einige Zeit später bei der Polizei auf und stellte sich.

          Alles in einen Topf

          Nachdem ich die Worte des Mannes im Lokal gehört hatte, wäre ich am liebsten eingeschritten. Ich hätte ihm gerne gesagt, dass das heutige Afghanistan schon vor 2000 Jahren Kulturen hervorgebracht hat, die in allen Bereichen, ob nun in der Wissenschaft, der Kunst oder der Architektur den Europäern weit voraus waren. Ich hätte ihm gerne reingedrückt, dass „wir“ schon WCs und ausgeklügelte Abwassersysteme hatten, während man hierzulande noch den Bürgersteig zum Ableiten der Notdurft nutzte.

          Die Herrschaften kannten wahrscheinlich auch nicht den legendären Dichter Rumi und wussten wohl nicht, dass der erste Herrscher des Landes, Ahmad Schah Durrani, nicht nur ein begnadeter Krieger war, sondern auch ein großer Poet, während viele absolutistische Herrscher Europas Trinkorgien feierten und regelrechte Kunstbanausen waren. Hätte ich ihnen erklärt, dass zur damaligen Zeit sogar Frauen wie die bekannte Dichterin Nazo Tokhi, die heute von vielen Afghanen als „Mutter der afghanischen Nation“ betrachtet wird, nicht nur die Feder schwangen, sondern auf dem Schlachtfeld auch das Schwert, hätte man mich womöglich für verrückt erklärt. Dichterin und Kriegerin gleichzeitig? Und das im Afghanistan des 17. Jahrhunderts?



          Einführungsfilm zu der Afghanistan-Ausstellung des British Museum aus dem Jahr 2011

          Doch ich hielt mich mit alldem zurück. Der andere Herr begann nun von Ehrenmorden zu sprechen. „Das verlangt die Religion von ihnen! Denen sind die Menschen, die das mitansehen müssen, völlig wurscht!“, polterte der Mann. Dann bemerkte er mich, sah mich etwas verlegen an und nahm einen Schluck von seinem Wein.

          „Ihnen“, „denen“, ich fragte mich, was ich mit diesen Begriffen anfangen sollte. Ich fragte mich, warum manche Menschen immer alles in einem Topf werfen müssen. In diesem Fall waren es alle Muslime, sprich, über eine Milliarde Menschen, die überall auf diesem Erdball verteilt sind. Jedes dieser Individuen lebt den Islam anders. Hinzu kommen noch die verschiedenen Kulturkreise, verschiedene Traditionen und Sprachen.

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