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Ursula Krechel Die Sprache hat nicht immer recht

Schriftsteller und Juristen haben viele Gemeinsamkeiten. Beide ringen mit der Sprache und der Gerechtigkeit. Was eine Dichterin der deutschen Rechtsprechung für das Jahr 2013 wünscht.

© Röth, Frank Vergrößern

Wie kaum eine zweite Berufsgruppe sind Schriftsteller und Juristen auf ihre Sprache angewiesen, die Juristen außerdem, wenn sie keine Spezialisten für internationales Recht sind, auf ein spezifisches, national geprägtes Rechtssystem. Das Recht ist vorwiegend Sprache, differenzierte Sprache, Fachsprache, Fachchinesisch, wie gern abfällig gesagt wird. Prinzipiell ist die juristische Sprache um Eindeutigkeit bemüht, die nicht immer herzustellen ist. Eindeutigkeit in literarischen Texten ist dagegen nicht immer erwünscht, das Geheimnis guter Texte besteht gerade in der Mehrdeutigkeit.

Aber vor allem heißt es im Gerichtsverfassungsgesetz § 184: „Die Gerichtssprache ist deutsch.“ Das ist ein eherner, einfacher Satz, den jeder Rechtsanwalt einem Mandanten, der nicht deutschsprachig ist, sofort übermitteln kann. Aber was ist dieses Deutsch? Auf welcher Tonhöhe wird es gesprochen, mit welcher Intention? Mit der des Einschlusses: Verstehen Sie wirklich, was mich meine? In allen Konsequenzen? So kann man in den libanesischstämmigen Ersttäter aus dem Wedding dringen, ihn zur Ordnung der geforderten Sprache rufen. Oder wird mit der Intention des Ausschlusses verhandelt? Durch die Dominanz der juristischen Fachsprache und durch  exzessiven Gebrauch von Abkürzungen (AVO, BtG, Prod.HaftG, DVO, UklaG), da kann einem schon der Kopf schwirren. Bundesergänzungsgesetz – so neutral hieß das Gesetz, das die Wiedergutmachung lautlos regeln sollte. Es trat am 18. September 1953 in Kraft und war so rasch im Bundestag durchgepeitscht worden, um ein besseres Gesetz zu verhindern, das mehr handschriftliche Sorgfalt und mehr Zuwendung den Betroffenen gegenüber hätte spüren lassen. In dem verabschiedeten blieben Lücken, die die Juristen mit einer ungebrochenen Karriere vom Nationalsozialismus in die Bundesrepublik füllten. Wenn im Zweifelsfall  für den Angeklagten zu sprechen ist, so wurde hier im Zweifelsfall gegen die Opfer, für die Leugnung ihrer Schädigung an Leib und Leben und Eigentum gesprochen.

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Jede Fachsprache schließt diejenigen aus, die sie nicht zu beherrschen gelernt haben. Und der Ausschluss schüchtert ein und macht auch zornig. Und gleichzeitig verdanken wir Juristen die wunderbarsten Texte in der deutschsprachigen Literatur, die schlanken, biegsamen Sätze des Versicherungsjuristen Franz Kafka und die machtvoll überbordenden Verse des Rechtsreferendars Georg Heym, der am 16. Januar 1912 beim Versuch, seinen Freund aus dem Eis zu ziehen, in der Havel ertrank.

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