Home
http://www.faz.net/-hnr-76y52
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Ursula Krechel Die Sprache hat nicht immer recht

Schriftsteller und Juristen haben viele Gemeinsamkeiten. Beide ringen mit der Sprache und der Gerechtigkeit. Was eine Dichterin der deutschen Rechtsprechung für das Jahr 2013 wünscht.

© Röth, Frank Vergrößern

Wie kaum eine zweite Berufsgruppe sind Schriftsteller und Juristen auf ihre Sprache angewiesen, die Juristen außerdem, wenn sie keine Spezialisten für internationales Recht sind, auf ein spezifisches, national geprägtes Rechtssystem. Das Recht ist vorwiegend Sprache, differenzierte Sprache, Fachsprache, Fachchinesisch, wie gern abfällig gesagt wird. Prinzipiell ist die juristische Sprache um Eindeutigkeit bemüht, die nicht immer herzustellen ist. Eindeutigkeit in literarischen Texten ist dagegen nicht immer erwünscht, das Geheimnis guter Texte besteht gerade in der Mehrdeutigkeit.

Aber vor allem heißt es im Gerichtsverfassungsgesetz § 184: „Die Gerichtssprache ist deutsch.“ Das ist ein eherner, einfacher Satz, den jeder Rechtsanwalt einem Mandanten, der nicht deutschsprachig ist, sofort übermitteln kann. Aber was ist dieses Deutsch? Auf welcher Tonhöhe wird es gesprochen, mit welcher Intention? Mit der des Einschlusses: Verstehen Sie wirklich, was mich meine? In allen Konsequenzen? So kann man in den libanesischstämmigen Ersttäter aus dem Wedding dringen, ihn zur Ordnung der geforderten Sprache rufen. Oder wird mit der Intention des Ausschlusses verhandelt? Durch die Dominanz der juristischen Fachsprache und durch  exzessiven Gebrauch von Abkürzungen (AVO, BtG, Prod.HaftG, DVO, UklaG), da kann einem schon der Kopf schwirren. Bundesergänzungsgesetz – so neutral hieß das Gesetz, das die Wiedergutmachung lautlos regeln sollte. Es trat am 18. September 1953 in Kraft und war so rasch im Bundestag durchgepeitscht worden, um ein besseres Gesetz zu verhindern, das mehr handschriftliche Sorgfalt und mehr Zuwendung den Betroffenen gegenüber hätte spüren lassen. In dem verabschiedeten blieben Lücken, die die Juristen mit einer ungebrochenen Karriere vom Nationalsozialismus in die Bundesrepublik füllten. Wenn im Zweifelsfall  für den Angeklagten zu sprechen ist, so wurde hier im Zweifelsfall gegen die Opfer, für die Leugnung ihrer Schädigung an Leib und Leben und Eigentum gesprochen.

Mehr zum Thema

Jede Fachsprache schließt diejenigen aus, die sie nicht zu beherrschen gelernt haben. Und der Ausschluss schüchtert ein und macht auch zornig. Und gleichzeitig verdanken wir Juristen die wunderbarsten Texte in der deutschsprachigen Literatur, die schlanken, biegsamen Sätze des Versicherungsjuristen Franz Kafka und die machtvoll überbordenden Verse des Rechtsreferendars Georg Heym, der am 16. Januar 1912 beim Versuch, seinen Freund aus dem Eis zu ziehen, in der Havel ertrank.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Peter Richter Der Anwalt der NPD

Peter Richter kann eines richtig gut: die schlechte Sache in einem guten Licht erscheinen lassen. Am liebsten macht er das ganz oben, vor dem Bundesverfassungsgericht. Aber wieso ist einer, der hochintelligent ist, bei einer rechtsextremen Partei? Mehr Von Timo Frasch

23.10.2014, 15:07 Uhr | Politik
Sarkozy wegen Bestechungsversuch in Polizeigewahrsam

Frankreichs früherer Präsident Nicolas Sarkozy ist wegen der Affäre um die mutmaßliche Bestechung eines Top-Juristen in Polizeigewahrsam genommen worden. Sarkozy soll versucht haben sich illegal Informationen aus einem laufenden Gerichtsverfahren zu beschaffen. Mehr

01.07.2014, 13:56 Uhr | Politik
Stiftung zur Raubkunstaufklärung Wann gibt es endlich Resultate?

Ende der Woche soll endlich eine Stiftung zur Raubkunstaufklärung gegründet werden: Die Regierung gibt Millionen aus für die Forschung. Nur die Erben kommen nicht zu ihrem Recht. Mehr Von Stefan Koldehoff

09.10.2014, 18:03 Uhr | Feuilleton
Wie viel wissen Sie, auch wenn Sie nichts wissen?

Sie sitzen im Multiple-Choice-Test und haben keine Ahnung, was die richtige Antwort auf die Fragen ist? Dann gibt es trotzdem ein paar Strategien, mit denen Sie experimentieren können. Kennen Sie sie? Mehr

06.05.2014, 20:16 Uhr | Beruf-Chance
Ökologisches Bauen Jetzt kommt die Zwangsbegrünung

In Baden-Württemberg sollen künftig alle neuen Häuser grün sein. Wer keinen Garten hat, soll die Fassade oder das Dach begrünen - zwangsweise. Auch sonst hält eine neue Bauordnung einige Überraschungen parat. Mehr Von Susanne Preuß, Stuttgart

15.10.2014, 08:43 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 19.02.2013, 23:20 Uhr