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Stadtsanierung : Wir wär’n gern gut anstatt so roh

  • -Aktualisiert am

Das Haus in der Großen Rittergasse 101 Bild: Cunitz, Sebastian

Lausige Zeit für Stadtsanierung: Das Beispiel Frankfurt-Sachsenhausen zeigt, dass ein Viertel, sobald es vom Radau und der Geschmacksverirrung besetzt ist, sich baulich oder stadtplanerisch nur mühsam wieder wohnlich machen lässt.

          Grässlich, an einem Samstag- oder Sonntagmorgen am Mainufer zu spazieren und dabei in Alt-Sachsenhausen zu landen. Statt einer Flussbrise atmet man plötzlich den schalen Geruch nach verschüttetem Bier, abgestandenem Whisky, vergorenem Apfelwein und ranzigem Fett. Auf dem Pflaster verwinkelter Gassen klirren Flaschensplitter und zerknüllte Getränkebüchsen. An Hauswänden wellt sich Werbung, deren schrille Farben längst ausgebleicht sind. Tote Fensterhöhlen, Brandwände, die mit Teerpappe vernagelt sind, barocke Pumpenbrunnen, die kein Wasser mehr führen und zu Pissoirs verkommen sind. Menschenleer, beklemmend verrottet - was sich nachts als kreischendes Amüsierviertel gibt, zeigt sich morgens als sterbendes Exidyll.

          Seit zwölf Jahren möchte Frankfurt dem Quartier wiedergeben, was es einst liebenswert und nach 1945 zum Ersatz der zerstörten Altstadt auf der anderen Seite des Mains gemacht hat: 2001 wurde ein Förderprogramm aufgelegt, um Wohnbevölkerung zurückzuholen, kulturelle Institutionen anzusiedeln und die Ballermannseuche einzudämmen.

          Keine Ruhe im Viertel

          Lange schienen die Mühen wirkungslos. Die Umwandlungsprämien, mit denen man Wirte zur Rückgabe ihrer Konzession bewegen möchte, wurden kaum abgerufen, auf die Schließung einer Radaukneipe antwortete die Eröffnung zweier neuer, auf ein restauriertes Handwerkerhäuschen kamen zwei, die zu Bodegas, Pubs oder Karaokepinten verunstaltet wurden, und selbst bei den pittoreskesten historischen Fachwerkwinkeln, die andernorts Bürger und Touristen ins Schwärmen gebracht hätten, traten statt Restauratoren meist Abrisstrupps auf den Plan.

          In jüngster Zeit jedoch mehrten sich ermutigende Zeichen - im Kerngebiet des Viertels sind 50 von 130 historischen Bauten saniert, an seinem Westrand ist ein neues Wohnquartier entstanden. Direkt daneben hat man den letzten Wehrturm der mittelalterlichen Stadtmauer Sachsenhausens saniert. Benannt nach dem Komponisten Paul Hindemith, der ihn von 1923 bis 1927 bewohnte, erhielt er ein Museum und einen intimen Konzertsaal.

          Lücken mit Zeilenbauten aufgefüllt

          Auf den malerischen gotischen Turm mündet die Paradiesgasse. Wunderlich wie ihr Name ist ihre Geschichte. Sie existiert seit 1500 Jahren, war Teil der mittelalterlichen Frankenstraße, führte einst zur namensgebenden Furt über den Main und bildete das Rückgrat Sachsenhausens. Vor den Fischern und Gärtnern, die dem Quartier sein kleinstädtisches Gepräge gaben, wohnten Adlige an der Paradiesgasse und der benachbarten Großen Rittergasse. Notgedrungen, denn auf der anderen Mainseite verweigerte ihnen die Freie Reichsstadt Frankfurt Wohnsitze. So kam Sachsenhausen 1190 zur Kommende des Deutschen Ritterordens, die, 1707 umgebaut zu einem Barockpalais, 1963 nach schweren Kriegsschäden vereinfacht wiederhergestellt wurde.

          Paradiesgasse 13, der Neubau schleißt direkt an das gothische Haus Paradiesgasse 15 - 17 an
          Paradiesgasse 13, der Neubau schleißt direkt an das gothische Haus Paradiesgasse 15 - 17 an : Bild: Cunitz, Sebastian

          Die Rettung des Deutschordenshauses war eine Ausnahme im damals modernesüchtigen Frankfurt: Den benachbarten, 1944 ausgebrannten Frankensteiner Hof am Ende der Paradiesgasse, ein Renaissance-Ensemble mit wunderschönen Schweifgiebeln und überkuppeltem Treppenturm, hatte die Stadt schon 1950 sprengen lassen und durch einen nichtssagenden Behördenbau ersetzt. Ringsum ging man ähnlich brachial vor: Was nicht niet- und nagelfest war oder widerspenstige Besitzer hatte, wanderte in die städtische „Trümmerverwertungsgesellschaft“. Zurück blieben Lücken, die sich zögernd mit gesichtslosen Zeilenbauten füllten.

          Die sich täglich umbauende Stadt

          Nicht gesprengt, aber sich selbst überlassen wurde ein gotischer Wohnturm auf dem Grundstück Paradiesgasse 15-17. Die Kriegsbrände hatten den zuvor unbekannten Bau aus dem Gewimmel hölzerner Hinterhäuser auftauchen lassen; seither verfällt das spätmittelalterliche Juwel, auf das selbst Städte wie Regensburg oder Bamberg stolz wären. Jüngst wurde in einer hastigen Rettungsaktion das obere Drittel seiner Ostmauer abgetragen und mit schäbigen Hohlblocksteinen wieder aufgemauert; ein erbärmlicher Anblick, eine beschämende Aktion - und ein Paradefall des notorisch nachlässigen Umgangs der Stadt mit ihren Denkmälern.

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