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Soziologe Francesco Masci Ganz Berlin basiert auf Kitsch

Für Francesco Masci herrscht in der Bundeshauptstadt eine höhere Ordnung des Nichts. Deshalb fühlen sich die Berliner auch immer im Recht. Hat der Soziologe mit einer Schwäche für dunklen Wissenschaftsjargon recht?

© dpa Vergrößern Auf der Seite des Guten: Radfahrer in Berlin

Es ist eine klassische Szene an Bord einer easyJet-Maschine auf dem Flug von Paris nach Berlin. Als der Airbus sich der deutschen Hauptstadt nähert, läuft ein Schauder über den Rücken der Neulinge, den Guide du Routard auf den Knien, erregt von dem Gedanken, die letzte wilde Großstadt Europas zu durchstreifen, den Kopf voller zehn oder zwanzig Jahre alter Bilder, angelockt von der Aussicht, mit Graffiti überzogene (falsch) Mauerstücke, verfallene Fabriken und (einst) zum Underground gehörige Clubs zu entdecken. In den sozialen Netzwerken hält man die Legende lebendig, indem man Fotos des Roten Sterns, des Trabant und des im Morgennebel verlorenen Fernsehturms verbreitet.

Man ist in Berlin, der Hauptstadt der Gegenkultur und der Freiheit. Gegen diese Mythen, diese von einem „Tourismus der Revolte und der schöpferischen Kraft“ genährte Kulturfolklore, wendet sich Francesco Masci, ein sechsundvierzigjähriger italienischer Soziologe, der gerade in französischer Sprache bei den Éditions Allia in Paris ein kleines ambitioniertes Buch mit dem Titel „Die Ordnung herrscht in Berlin“ veröffentlicht hat – so lautete der Titel des letzten Artikels, den Rosa Luxemburg in der Roten Fahne publizierte, geschrieben kurz vor ihrer Ermordung durch die Freikorps und dem Scheitern der spartakistischen Revolution.

Das Fahrrad als Sinnbild der Reinheit

Francesco Masci kritisiert „eine neue, höchst unwahrscheinliche Ordnung, die sich mit den herkömmlichen politischen Kategorien nur schwer erfassen lässt, eine Ordnung, die auf minimalem Einsatz von Gewalt basiert und dennoch ebenso zwingend und unerbittlich ist wie die von Rosa Luxemburg angeprangerte“. Diese Ordnung vereint Freiheit, Gehorsam und Chaos miteinander. Sie wird ständig von leerlaufenden Bildern gespeist, die ihrerseits von der Fiktion emanzipierter, rebellischer und kreativer Individuen in einer postpolitischen Welt genährt werden, all das unter dem Zeichen der „unendlichen Ruhe“ der Kultur, einer „absoluten Kultur“, einer Art „Maschine zur Reproduktion selbstreferenzieller Bilder und Ereignisse; eine Maschine, die die Zeitlichkeit in Richtung einer unbestimmten Zeit des Versprechens umkodiert“.

Seit dem Fall der Mauer sei Berlin zum Vorposten des Umschlags in Richtung einer von Bildern organisierten Moderne und einer allgemeinen Kapitulation vor der Fiktion des autonomen Individuums geworden. Berlin als Endpunkt der Moderne: Unter den Pflastern der Stadt die Leere, ein Nichts libertären Charakters, ein Nihilismus in spektakulärem und modischem Gewande. Wo das Reale fiktives Objekt wird.
„Die fiktive Subjektivität entfaltet sich in einem konfliktfreien Raum, in dem die Freiheit weder eine Forderung ist noch ein Recht, noch auch ein angestrebtes Ziel (…) Als reine Produkte der Ästhetik ersetzen die Ereignisse von jeher aktiv Tatsachen durch Fiktionen, indem sie eine subjektive, von jeglichem realen Inhalt entleerte Freiheit zum einzigen Bewertungskriterium erheben.“

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