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Veröffentlicht: 04.05.2013, 14:26 Uhr

Soziale Utopien Das Scheitern meiner Generation

Unsere Nachkriegsdebatten für eine bessere Welt sind den Menschen heute so fern, als wären wir Altertumskundler, die über Papyrusrollen streiten. Was ist aus unseren Idealen geworden?

von Norman Birnbaum
© Dwight Primiano Was ist geblieben von den amerikanischen Arbeiterutopien der vierziger und fünfziger Jahre? Norman Rockwells „Rosie the Riveter“ von 1943

Die amerikanischen und europäischen Intellektuellen meiner Generation, die zwischen 1925 und 1930 geboren wurden, haben glanzvolle Karrieren gemacht und internationale Aufmerksamkeit gefunden. Wir besaßen einigen Einfluss in der Politik und dachten, dass es so weiter gehen werde. Unsere Kollegen in den staatssozialistischen Gesellschaften waren in ihrer Welt nicht weniger privilegiert. Nach Stalins Tod 1953 und den folgenden Turbulenzen in Partei und Gesellschaft vermieden sie die bleierne Prosa der Ideologie-Bürokraten und suchten nach Worten, die größere Komplexität zum Ausdruck bringen konnten. Sie durften reisen. Wir alle fanden, dass wir eine gemeinsame Sprache hatten, einen Marxismus des Überbaus, der Kultur, der Ideologien und der Politik.

Im Westen konzentrierten wir uns auf die Deformation des Charakters durch die Industrialisierung der Empfindung und die Herrschaft der Routine. Zur selben Zeit kritisierten Intellektuelle im Sowjetblock versteckt die in ihren Polizeistaaten herrschende Tyrannei und antizipierten eine gänzlich andere Zukunft. Die Entwicklung der produktiven Fähigkeiten der sozialistischen Bürger werde, so glaubten sie, den Autoritarismus und die staatssozialistischen Formen der Ausbeutung obsolet machen.

Wir versuchten, den Gang der Geschichte zu beschleunigen

Radovan Richta und seine Kollegen publizierten in der Tschechischen Akademie der Wissenschaften 1966 „Zivilisation am Scheideweg“, ein Buch über eine Zukunft, in der eine wissenschaftlich gebildete Gesellschaft ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen würde. Nach der Unterdrückung des Prager Frühlings 1968 floh Richta - nach Polen. 1968 veröffentlichte der furchtlose Andrej Sacharow „Wie ich mir die Zukunft vorstelle: Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit“. Gorbatschow holte ihn 1986 aus der Verbannung nach Moskau zurück. Die Schriften von Crosland, Galbraith, Habermas, Lasch, Lefebvre, Mills, Morin, Riesman, Thompson, Touraine waren unsere westliche Interpretation derselben Themen.

24240264 © IMAGO Vergrößern Er war Berater der Kennedys und Gründungsredakteur des „New Left Review“. Heute gehört der emeritierte Professor (Georgetown University Law Center) zum Redaktionsausschuss von „The Nation“: Norman Birnbaum

Im Westen hielten uns nur wenige für gefährlich. Gewiss, manche, die Buße für ihre eigene Vergangenheit taten, zeichneten uns als besiegte und deprimierte Revolutionäre. Als zu unserer eigenen Überraschung wie auch zu der unserer Gegenspieler, der Verteidiger des westlichen Status quo als verwirklichter Utopie, die Revolten der sechziger Jahre ausbrachen, wurden wir oft von unseren eigenen Lesern und Studenten als unwissentliche Diener der bestehenden Ordnung verspottet. Wir waren in der Tat verwirrt angesichts der Widerlegung unserer eigenen traurigen Prophezeiung, wonach gekaufter Gehorsam und hedonistische Ablenkung (panem et circenses in Gestalt von Vollbeschäftigung und Massenkultur) moralische Dissonanz und politischen Dissens zu unseren Lebzeiten sehr unwahrscheinlich machten.

Wir stellten uns eine sich selbst regierende Bürgerschaft vor, sogar oder gerade in der Wirtschaft und im Rahmen einer auf Partizipation ausgerichteten Demokratie. Wir glaubten, eine immer besser gebildete Arbeitnehmerschaft werde sich in unseren Texten wiedererkennen. Wir versuchten, den Gang der Geschichte zu beschleunigen, indem wir unsere Fähigkeiten in den Dienst sozialdemokratischer und christlicher Parteien stellten. Am Ende sahen wir uns selbst im Bildungswesen, im Staat, in den freien Berufen und in der Wissenschaft als Ersatz für deren Wähler, als eine nicht gewählte, aber erkennbare Avantgarde. Wir glaubten, wir wären auf dem Weg, einen Anteil an der Lenkung und Gestaltung der Gesellschaft zu erlangen. Wir wurden von Bankern und Industriellen, Politikern, Verlegern und selbst von ansonsten skeptischen Gewerkschaftern gehört. In den Vereinigten Staaten schickte das Militär uns Offiziere, damit sie bei uns studierten. Konservative klagten, Harvard und Princeton hätten eine ganze Generation von Generälen verweichlicht.

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