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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Shirin Neshat Ekstase für das Publikum!

 ·  Die iranische Künstlerin und Filmemacherin Shirin Neshat ist Mitglied der diesjährigen Berlinale-Jury. Im Sommer dreht sie in Ägypten ihren nächsten Film: über die Sängerin Umm Kulthum. Ein Treffen im New Yorker Studio der Regisseurin.

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© Getty Images Jeder Film in einem Wettbewerb hat seine Diskussion verdient: Shirin Neshat

Frau Neshat, Sie sind eine bildende Künstlerin, die auch Filme dreht. Jetzt sind Sie in die Jury der Internationalen Filmfestspiele Berlin berufen worden. Suchen Sie nach anderen Dingen, wenn Sie Filme beurteilen, als Kollegen, die ganz aus der Welt des Kinos kommen?

Mich interessiert vor allem der Prozess, den wir in der Jury durchlaufen. Wie wir uns darüber klarwerden, wie wir Filme überhaupt beurteilen können. Ich habe gelernt, wie wichtig ein demokratisches Verfahren ist: dass über wirklich jeden einzelnen Film gesprochen wird. Selbst wenn die Mehrheit der Juroren der Ansicht sein sollte, er sei nicht stark genug, um in die nähere Wahl für einen Preis zu kommen. Ich bin selbst Regisseurin, und ich weiß, wie viel Arbeit in den Details steckt. Auch über die Ausschlusskriterien müssen wir ausführlich sprechen. Warum kommt ein Film für einen Preis nicht in Betracht? Für mich ist die Regie am wichtigsten, darauf schaue ich am genauesten, aber ich schaue auch aufs Thema und wie Regie und Darsteller damit umgehen. Wahrscheinlich geht das allen Juroren so, aber wir kommen teilweise aus unterschiedlichen Richtungen - ich komme aus der bildenden Kunst, ich bin Iranerin, meine Kunst entsteht aus Themen heraus, das ist anders als bei Experimentalfilmern. Ich glaube, die Jury dieses Jahr ist eine gute Mischung von Leuten aus verschiedenen Bereichen - Tim Robbins ist Schauspieler, Ellen Kuras ist Kamerafrau, Susanne Bier, Athina Rachel Tsangari und Andreas Dresen sind Regisseure, einige kommen aus Amerika, eine aus Dänemark, eine aus Griechenland, einer aus Deutschland. Und über uns allen Wong Kar Wai aus China!

Ihr Film „Women Without Men“ hat 2009 in Venedig den Regiepreis gewonnen. Sie wissen also, was für ein Gefühl es ist, von Kollegen beurteilt zu werden. Ist das Urteil anderer - und das eigene Urteilen über die Arbeit von Kollegen - ein wichtiger Aspekt ihres Lebens als Künstlerin?

Das kann ich so gar nicht sagen. In Venedig war unser Film der kleinste im Wettbewerb überhaupt. Der einzige, der nicht einmal ein Plakat hatte. Ein Star spielte auch nicht mit, und es war mein erster Film. Unsere Konkurrenten im Wettbewerb waren berühmte Leute, große Stars auch des unabhängigen Kinos, und ich kam ohne jede Erwartung nach Venedig. Aber ich hatte sechs Jahre meines Lebens in diesen Film gesteckt, meine Mitarbeiter auch - als ich dann zurückgerufen wurde, um den Preis entgegenzunehmen, war das ein unbeschreibliches Gefühl. Dass die Jury sich die Mühe gemacht hatte, so genau auf unsere Arbeit zu schauen, dass sie einen Film wie meinen in derselben Liga und mit derselben Aufmerksamkeit anschaute wie die großen Konkurrenten und sich dann entschlossen hat, ihn auszuzeichnen: Das war unglaublich befriedigend, geradezu erhebend. Es war für uns alle, die an dem Film gearbeitet hatten, ein unerwartetes, riesiges Geschenk. Und der Preis gab dem Film eine Zukunft. Ohne die Auszeichnung hätte der Film keinen so großen internationalen Vertrieb gefunden. Obwohl er immer noch nicht gerade ein Kassenschlager wurde. Für mich war der Preis das Signal, mich wieder in ein riskantes Projekt zu stürzen, eine Ermutigung. Niemand hat ja je gesagt, dies sei der großartigste Film auf dem Planeten.

Glauben Sie, dass dieser Preis anderen Filmemachern, die aus der bildenden Kunst kommen, eine Tür in die großen Filmfestivals geöffnet hat?

Na ja, Steve McQueen war früher da als ich...

Aber Steve McQueen macht ja eindeutig narratives Kino.

Ja, er kommt aus der Videokunst, ist aber ganz ins Kino hinübergewechselt. Ich wollte das Kino sozusagen in der Mitte treffen, ich wollte meine eigenen Mittel und meinen Zugang zum Erzählen mit der Sprache des Kinos verbinden. Ich wusste, das würde gefährlich sein, weil man im Kino mehr Klarheit und weniger Abstraktion braucht. Und ich wusste, es gibt eine Grenze, bis zu der man in der visuellen Repräsentation gehen kann. Auf keinen Fall wollte ich eine ausgedehnte Videoinstallation abliefern. Das machen einige Künstler, aber ich glaube, das führt nirgendwo hin. Ich glaube, das Kino ist sehr offen für Experimente geworden, sehr offen, sich zu erweitern. Bildende Künstler bringen eine gewisse Naivität mit, eine Rohheit und Primitivität, die willkommen ist. Auch beim Publikum.

Wie sieht das in Ihrem Heimatland, in Iran, aus?

„Women Without Men“ hatte über Raubkopien ein enormes Publikum. Iran hat ja eine besondere Geschichte mit dem Kino, einige der geheimnisvollsten und minimalistischsten Filmemacher kommen aus Iran. Aber meine Kunst war den Iranern völlig unzugänglich. Bis sie meinen Film sahen. Den verstanden sie und fingen an, über ihn zu diskutieren. Nicht nur über das Thema und die Zeit, in der er spielt, sondern auch über die Ästhetik. Ich hatte plötzlich ein Publikum in Iran. Hier in Amerika wiederum ist das Kino immer noch vor allem kommerziell ausgerichtet, da haben Filme wie meine kaum eine Chance.

Sie bereiten wieder einen Film vor. Er handelt von der ägyptischen Sängerin Umm Kulthum, die zwischen 1904 und 1975 lebte. Das scheint, gerade heute, ein schwieriges Projekt zu werden.

Ich arbeite seit zweieinhalb Jahren daran. Offenbar suche ich mir immer besonders schwierige Themen aus! Nicht, weil ich besonders mutig wäre, aber es reizt mich, mich vorzuwagen in Bereiche, von denen ich nicht wirklich weiß, ob ich mich in ihnen zurechtfinden werde.

Wie sind Sie denn auf Umm Kulthum gekommen?

Eigentlich war es Abbas Kiarostamis Sohn, der mich darauf brachte. Wir waren gemeinsam in Amsterdam bei einem Filmfestival. Und eines späten Abends hörten wir Musik von Umm Kulthum, deren Musik ich aus meiner Kindheit in Iran kannte. Und er sagte, über Umm Kulthum musst du einen Film machen. Ich dachte, er ist verrückt. Aber dann begann ich, Bücher über sie zu lesen, und sie faszinierte mich immer mehr. Eine Frau in einer vollkommen von Männern dominierten Gesellschaft, die zur bedeutendsten Künstlerin des zwanzigsten Jahrhunderts wurde. Bis heute wird ihre Musik überall gehört, jeder Taxifahrer in Marokko, in Tunesien, in Iran, selbst in New York kennt sie. Ich bin dann mit meinem Mann, Shoja Azari, nach Ägypten gefahren und habe einige Ägypter als Rechercheteam engagiert. Wir reisten in das Dorf, aus dem sie kam. Wir hatten keine Adresse, aber wir haben die Familie trotzdem schnell gefunden. Alle haben uns geholfen. So kamen wir zum Haus ihres Adoptivsohns und seiner Familie, zu ihren Vettern. Seitdem bin ich oft in Ägypten gewesen, habe alles gelesen, was ich über sie finden konnte, und bin ganz in ihr Leben eingetaucht.

Das klingt, als hätte Sie eine fast obsessive Begeisterung gepackt.

Ich habe gemerkt, dass ich, als iranische Künstlerin, sie dafür bewundere, wie sie als Frau in dieser Zeit auch in politische Themen involviert war. Natürlich hat sie über die Mysterien der Liebe gesungen, aber sie war vor allem auch eine politische Frau. Sie hat gegen soziale Ungleichheit gekämpft, hat sich für Gamal Abdel Nasser engagiert, vor allem aber war sie Nationalistin: Sie hat für ihr Land gekämpft, immer wieder. Bis heute ist sie dafür immer noch ein Symbol. Ich bin auch eine Künstlerin, die sehr persönlich, sehr gefühlsbetont arbeitet, und gleichzeitig bin ich mittendrin in politischen Auseinandersetzungen, ich habe die grüne Bewegung in Iran unterstützt, ich kann mich da gar nicht heraushalten. Kunst und Politik, das sind die Eckpfeiler meines Lebens, sie definieren mich. Ich war sehr neugierig, wie Umm Kulthum als ganz und gar nicht traditionelle Frau sich selbst gemanagt hat, wie sie durchkam. Sie kam aus einer religiösen Familie, sie hatte keine eigenen Kinder. Aber alle hörten auf sie. Die Religiösen, die Intellektuellen, die Gebildeten, die Armen, die Reichen, auf alle machte sie Eindruck. Ich glaube, ich wollte unbedingt unter ihre Haut schlüpfen, durch ihre Musik und ihre Persönlichkeit, weil ich so neugierig auf sie war. Jetzt ist das Drehbuch fertig, es ist ein sehr ehrgeiziges Buch geworden, und wir brauchen Geld.

Wann wollen Sie denn mit den Dreharbeiten beginnen?

Hoffentlich im Herbst. Wir sind sehr weit mit der Vorproduktion. Wir bekommen hoffentlich Unterstützung aus Doha, und es gibt Investoren aus dem Mittleren Osten. Ich glaube, es wird in diesem Film vor allem um das Gefühl der Ekstase gehen. Wir wollen versuchen, dem Publikum diese Ekstase nahezubringen, von der die Leute reden, die sie bei ihren Konzerten gehört haben. Sie sind einfach auseinandergefallen, sie haben das Gefühl für Zeit und Ort verloren. Ich hoffe, dass ich durch visuelle und akustische Mittel einen Film schaffen kann, der nicht nur informativ ist, was die Geschichte Ägyptens und die Geschichte Umm Kulthums angeht, sondern den Zuschauern wirklich die Essenz ihrer Kunst gibt. Es wird also kein konventionelles Biopic, sondern ein Film, in dem ihre Musik ebenso erfahrbar wird wie ihr Kampf als Sängerin, als Frau. Sie ist so ganz anders als die großen westlichen Sängerinnen, die allesamt ein tragisches Ende nahmen, Billie Holiday oder Edith Piaf und all die anderen, die entweder drogensüchtig oder Alkoholikerinnen waren oder sich umbrachten, missbraucht von ihren Männern. Bei Umm Kulthum gab es das alles nicht. Sie machte immer weiter, sie stieg immer weiter auf, bis sie starb. Und dann kamen vier Millionen Menschen zu ihrer Beerdigung. Es gibt kein Beispiel eines Künstlers im Westen von solcher Popularität. Egoistisch denke ich: Es ist wichtig, die Erfolgsgeschichte einer Frau aus dieser Weltgegend dem westlichen Publikum zur Kenntnis zu geben und zu zeigen, wir haben auch eine komplexe Kultur, die wertvoll ist. Jetzt brauchen wir nur noch das Geld, um sie zu erzählen.

Im letzten Jahr lief im Wettbewerb des Filmfestivals in Cannes kein einziger Film einer Frau. Seitdem wird die Frage, wie schwer es Filmemacherinnen eigentlich haben, immer wieder diskutiert. Ist es für Sie als Frau schwieriger, das Geld für den Film aufzutreiben, den Sie gerade skizziert haben?

In diesem Fall ist das nicht so sehr das Problem. Schwieriger ist, dass ich zum ersten Mal an einem nichtiranischen Thema arbeite. Ich bin keine Ägypterin, ich drehe auf Arabisch, das Geld muss mindestens zum Teil aus der arabischen Welt kommen. Und aus Europa. „Women Without Men“ war ja ein deutscher Film. In Amerika brauche ich gar nicht erst nach Geld zu fragen. Also, bisher habe ich als Frau keine Probleme gehabt, aber ich habe auch noch nicht richtig mit der Geldbeschaffung begonnen. Die Frage ist: Wird die Geschichte, die ich erzählen will, als wichtig angesehen?

Die politischen Ereignisse, der arabische Frühling - das mag helfen, ein solches Projekt anzuschieben.

Ja, und vor allem die Frage, welche Rolle die Kunst und die Künstler in turbulenten Zeiten spielen. Umm Kulthum hat zwei Revolutionen mitgemacht. Mich interessiert das natürlich, weil Revolutionen, die islamische in Iran und der arabische Frühling, auch für meine Arbeit zentral sind. Warum spielen Künstler im sozialen, politischen Wandel eine so große Rolle? Umm Kulthum ist ein Beispiel dafür, weil sie das Herz der Leute erreichte und gleichzeitig diesen enormen politischen Einfluss hatte. Wie hat sie das gemacht? Diese Fragen machen die Geschichte universell.

Es gab große Hoffnungen für die Frauen in der arabischen Welt im sogenannten arabischen Frühling, aber sie haben sich doch als übertrieben herausgestellt.

Na ja, das Bild, das sich der Westen von Frauen in der arabischen Welt macht, ist schon sehr einseitig. Sie werden immer nur als Unterdrückte gesehen, und das ist nicht korrekt. Im arabischen Frühling, in der Grünen Bewegung in Iran, überall, wo soziale Bewegung ist, sind die Frauen wichtig und dabei. Auch in den fünfziger, den sechziger Jahren war das so. In unserem Film soll es eine Sequenz über den Feminismus von damals geben, in der gezeigt wird, wie unglaublich machtvoll die Frauenbewegung war.

Und dann gab es den machtvollen Rückschlag durch die islamische Revolution.

Ja. Aber wenn man Umms Weg nachzeichnet, hat man auch eine Geschichte Ägyptens in jenen Jahrzehnten, in denen dieses traditionsverbundene Land plötzlich der Moderne gegenüberstand. Die Zeit, als Tradition und Religion mit westlicher Kultur und der Moderne zusammenstießen. Und in der Folge einerseits das Aufkommen des islamischen Fundamentalismus und andererseits westlicher Orientierung - letztlich zwischen der Muslimbrüderschaft und deutlich säkularen Strömungen. Umm Kulthum war eine Frau, die immer auf wundersame Weise in der Mitte stand. Letztlich, weil sie eine Bäuerin war. Sie kam aus einer religiösen Familie, die, damit sie in der Öffentlichkeit singen konnte, ihre Tochter als Jungen verkleidete. Sie sang erst mal religiöse Lieder, die wie Korangesänge klangen. Sie brachte es fertig, extrem religiöse und gar nicht religiöse Menschen zusammenzubringen durch ihre Musik. Und zu ihren Lebzeiten kann man die Entwicklung Ägyptens von einer sehr religiösen zu einer modernen Gesellschaft beobachten. Ich glaube, das muss uns heute interessieren, um zu begreifen, woher unsere Probleme kommen.

Also wird das eine historische Lektion?

Nein, wir arbeiten allegorisch. Wir werden keine Geschichtsstunde veranstalten. Aber dies ist eine große Möglichkeit, auf indirekte Weise über Ägypten heute zu sprechen.

Sie werden in Ägypten drehen?

Ja, ich kann es kaum erwarten. Wir waren drei- oder viermal dort in diesem Jahr. Kairo ist eine aufregende Stadt, die Künstler, die Intellektuellen, alle wissen, hier wird gerade Geschichte gemacht. Die meisten sind sehr arm, und es ist schwierig, dort zu leben. Aber dieses Gefühl von history in the making, das vermisse ich, seit ich nicht mehr nach Iran zurückkann.

Zurück zur Berlinale - Sie kennen das Programm. Gibt es da einen Film, auf den Sie besonders gespannt sind?

Erst mal freue ich mich, Wong Kar Wai wiederzusehen. Als er „Blueberry Nights“ drehte, haben wir uns kennengelernt, uns aber seit Jahren nicht gesehen. Und die anderen Jurymitglieder zu treffen wird sicher interessant. Als bildende Künstlerin habe ich mit der Filmwelt sonst nicht viel zu tun. Ich fühle mich als Schülerin, als Anfängerin neben den Großen des Kinos, klein und sehr aufgeregt.

Jafar Panahi, der iranische Regisseur, der im Jahr 2010 verhaftet, verurteilt, unter Hausarrest gestellt und mit Berufsverbot belegt wurde, hat einen Film im Wettbewerb.

Auf den bin ich natürlich gespannt! Ich dachte, er dürfte gar keine Filme mehr drehen.

Eigentlich nicht, sein Berufsverbot gilt für die nächsten zwanzig Jahre. Aber er hat es mit „This is Not a Film“ ja schon mal geschafft, einen Film außer Landes zu schmuggeln.

Ich bin sehr neugierig, was das für ein Film ist. Und wie es der Berlinale gelungen ist, von Jafar Panahi überhaupt einen Film zu kriegen. Jemand hat mir erzählt, er hätte ihn übers Telefon inszeniert. Per Ferngespräch.

Das Gespräch führte Verena Lueken.

Quelle: F.A.Z.
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