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Sensationsfund im Wagner-Jahr Und Cosima grinst freundlichst

Im Nachlass eines Wagner-Enkels ist das Bayreuther Tagebuch Alfred Pringsheims aufgetaucht. Der Schwiegervater von Thomas Mann war 1876 bei Proben zur „Ring“-Uraufführung dabei. Wir drucken erstmals Auszüge.

© Polaris Images, Franz von Lenbach Vergrößern Richard Wagner (links) und sein musikalischer Mäzen Alfred Pringsheim in Darstellungen Franz von Lenbachs

Bayreuth. Juli 1876 Mittwoch d. 5ten. Mittags 1 Uhr angekommen, im Reichsadler abgestiegen. Dort bei der table d’hôte Sadler’s [= die erste Fricka: Friederike Sadler-Grün] und Rubinstein [= Josef Rubinstein] getroffen. Letzterer räth mir den „Meister“ um 5 Uhr vor der Probe abzufangen und von ihm Einlaß zu begehren. Das geschieht. Ich höre auf diese Weise das Vorspiel und ersten Act der Götterdämmerung - vollständig mit Scene und Orchester. Großartiger Total-Eindruck, doch im Einzelnen noch vieles zu wünschen übrig. Die Bläser machen das Streich-Orchester an vielen Stellen vollständig todt.

Sonnabend, den 8ten. Gegen halb fünf bei strömendem Regen zur Probe (Götterdämmerung, Act II mit Scene und Orchester). Es finden sich neben zahlreichen Schönheiten doch große Strecken absoluter musikalischer Oede, ein Herumwühlen in den Motiven, ein bizarres Herumspringen in den entlegensten Intervallen, dann wird wieder ein nichts weniger als melodisches Motiv der Bässe (Hagen’s Rache) unaufhörlich zu Tode gehetzt, die Singstimmen unglaublich maltraetirt. Natürlich giebt es auch zahlreiche Ausnahmen. Dazu gehört vor allem die ganze Mannen-Scene - von einer ganz originalen und packenden Wirkung. Die Probe geht im ganzen sehr gut. Doch fühle ich mich nach derselben entsetzlich deprimirt. Der Grund hiervor liegt hauptsächlich in der Erkenntniß der miserablen Akustik: man hört vorläufig kein einziges feineres Détail des Orchesters, die zahlreichen Figurationen der Violinen gehen fast sämmtlich völlig verloren, von dem Texte versteht man oft auf lange Strecken nicht eine Sylbe. Es scheint mir etwas gar zu sanguinisch, wenn man glaubt, daß sich diese Übelstände sofort heben werden, wenn nur der Zuschauerraum gefüllt ist. Ich habe über diesen Punkt Abend’s einen lebhaften Streit mit Rubinstein, welcher in Bezug auf alles von Wagner ausgehende von einem wahrhaft verbohrten Optimismus ist.

Dienstag, den 11ten. Nur der Klang, der Klang! Die Harfen, obschon acht an der Zahl, hört man oft kaum - sowohl bei dem Gesange der Rhein-Töchter, als auch z.B. in der wunderbaren Stelle bei Siegfried’s Tod. Der Trauermarsch von erschütternder Wirkung (die beiden 16tel Schläge immer sehr langsam zu nehmen!) Als der Act zu Ende ist, applaudiren die sämmtlichen Musiker und die wenigen Probenbesucher lange und anhaltend.

Mittwoch, den 12ten. 5 Uhr Ensemble-Probe zum Act III der Götter-Dämmerung. Die Ermordung Siegfried’s, der Trauermarsch und die Schluß-Scene wohl das höchste von tragischer Wirkung, was mir bekannt ist. Wenn das jetzt - ohne Costüme, mit halben Decorationen und noch ganz unvollendeten Maschinen, fortwährenden Unterbrechungen und sonstigen Störungen - schon so gewaltig wirkt, wie muß erst der Eindruck einer vollendeten Aufführung sein. Nach der Probe mit Kuczynski [= Paul Kuczynski] auf dem Theater-Restaurant zu Abend gegeßen; beim Herausgehen Wagner’s in die Arme gelaufen. Wagner sehr liebenswürdig, bedauert daß er sich jetzt so wenig um seine Freunde kümmern könne; er sei jetzt völlig Maschine etc.

Donnerstag, den 13ten. Abends zu „einem stillen Abend“ von Cosima eingeladen - mit Kuczynski’s. Wagner geräth in sehr gute Laune, erzählt allerlei Geschichten, schließlich kommt er auf Loewe’sche Balladen zu sprechen, und da Hill [= der erste Alberich: Carl von Hill], der eine zu singen aufgefordert wird, sich weigert, erbietet sich Wagner selbst dazu. Er singt - Eckert [= der Dirigent Karl Eckert] begleitet - erst „Walpurgisnacht“, dann „Elvers-Höh“. „Ja, ja, ja, die sind ganz genial gemacht; die hat der Loewe noch so als Student gemacht, die sind höchst originell. Später wie er so ein ,ordentlicher Componist’ werden wollte, da ist er verludert, hat er nichts als langweiliges Zeug geschrieben.“ Dann kommt er auf die jetzt ganz verschollenen Opern zu sprechen, die zu seiner Dresdner Capellmeister-Zeit gang und gebe waren: Das unterbrochene Opferfest von Winter, Weigl’s Schweizerfamilie; die Spontini’schen Opern. „Ja, ja - die Spontini’schen Opern, das war doch noch ein Styl. Herrrrgott, Sie, Eckert, das Allegro aus der Arie der Vestalin (er setzt sich an’s Clavier, und klimpert es sich zusammen). Das ist ja ganz colossal - solche Allegro’s kann heute kein Mensch mehr schreiben. Ja, wo ist dieser Styl hingekommen!? Das sind die französischen Opern, welche an dem Verfall schuld sind - vor allem Meyerbeer.“ (Eckert: „und Halévy ...“) „Ne, ne, ne - der Halévy das ist ein naiver Mensch gewesen - nur Meyerbeer, das war ’n Speculant. Ah, die ,Jüdin’ schätze ich sehr hoch; ne, ne, ne sagen Sie mir nichts gegen die Jüdin; ach, der 2te Act ist ja ganz colossal, das ist ja ungeheuer ergreifend.“ (Eckert: „Ah, das freut mich, das ist ganz meine Ansicht“). Dann kommt wieder die Rede auf das „unterbrochene Opferfest“ und die wunderbaren Texte mit Textwiederholungen in den Opern diesen Schlages: „Muß denn der Mensch nicht menschlich sein? - Ja wohl der Mensch muß menschlich sein.“ Alles dies von W[agner] in ungemein charakteristisch drolliger Weise vorgesungen.

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Veröffentlicht: 21.02.2013, 17:21 Uhr