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Philologie : Romanistik als Passion

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Keine andere Philologie kann auf ein ähnlich großes Beobachtungsfeld zurückgreifen wie die Romanistik. Als Vermittlerin des Fremden und zur Bestimmung eines kulturellen Europas ist sie unverzichtbar.

          Passion und Wissenschaft sind eine liaison dangereuse. Das macht ihren besonderen Reiz aus. Sie scheinen miteinander auf Kriegsfuß zu stehen und sind doch gerade in ihrer Gegensätzlichkeit wechselseitig ein gewaltiges Stimulans. Die Passion treibt die Wissenschaft an, wie umgekehrt erst die Wissenschaft der blinden Passion Augen gibt. Romanistik als Passion heißt immer zugleich die große Passion für das Ganze und die kleine Passion für das Detail. Beide gehen in reiner Wissenschaft nicht auf, aber ohne sie fehlte der Wissenschaft die Energie, die sie weitertreibt. Hier stellt sich aber zunächst die grundsätzliche Frage: ist die Romanistik eine Wissenschaft, ist sie eine Wissenschaft? Oder ist Romanistik nur ein Sammelbegriff für eine Vielzahl aus sich selbst und für sich selbst lebender Einzelwissenschaften? Alle Wege, heißt es, führen nach Rom, aber viele Wege führen in die Romanistik.

          Was heißt Wissenschaft? Die Teilung in Natur- und Kultur- beziehungsweise Geisteswissenschaft schien seit C.P. Snows Buch „Die zwei Kulturen“, „The two cultures“ als obsolet. Aber mir scheint die Einheitsvision einer alles übergreifenden Vorstellung von Wissenschaft eher eine Gedankenlosigkeit. Wissenschaft als Naturwissenschaft beansprucht Objektivität, Reduzierbarkeit auf feststehende, ja unerschütterliche Gesetze und Freiheit von jeder spezifischen Beobachterperspektive. Naturwissenschaft, könnte man sagen, verlangt die Eliminierung einer Partizipation des Naturwissenschaftlers an dem von ihm beobachteten Naturgeschehen. Dagegen ist Kulturwissenschaft nicht möglich ohne Partizipation des Kulturwissenschaftlers an der von ihm erfassten Kultur oder einem Gegenstand dieser Kultur.

          Die Perspektive des Fern-Nahen

          Auch der positivistischste Literaturwissenschaftler ist darauf angewiesen, die Texte, über die er handelt, zu lesen und lesen heißt unvermeidlich partizipative Aneignung des Lesenden. Auch der um äußerste Distanz bemühte Kulturwissenschaftler muss sich in den Sinn der Kultur hineinziehen lassen, wenn er sie verstehen will. Der große Romanist  Leo Spitzer hat in einem Aufsatz, der in der Zeitschrift mit dem programmatischen Titel „Die Wandlung“ unmittelbar nach Ende jenes dritten Reichs erschien, das ihn und sein Volk so unmenschlich verfolgt hatte, unter dem Titel „Das Eigene und das Fremde“ eine Grunderfahrung der wissenschaftlichen Bemühung des Romanisten formuliert: „Im philologischen Vergleichen ist ein stetiges Naherücken des Fernen wie ein stetiges Fernerücken des Nahen inbegriffen – eine romantische Liebe zum Fern-Nahen. Amor de longh – die Wortschöpfung des provenzalischen Troubadours – ist das Motto des Philologen. Der deutsche Philologe, der Französisches betrachtet, muss dies Französische fast bis zu dem Punkt aneignen können, wo ihm die Nationalgrenzen schwinden – und der Deutsche, der Deutsches zu ergründen sucht, einen Abstand zum studierten Objekt wahren können, fast als ob er ein Fremder wäre – (das letztere ist wesentlich schwerer und seltener). Überflüssig zu bemerken, dass ein auf ein doppeltes 'Fast' eingerichtete Wissenschaft außerordentliche Fähigkeiten von ihren Zöglingen fordert, phantasievolle Exaktheit, Anpassungsfähigkeit, die nicht der Standfestigkeit ermangelt, ein Pendeln zwischen Polen, das zum Gleichgewicht strebt, das sich Verlieren und das Sich- Erfassen-Können, ein geistig gefährliches Leben, das nicht in den Abgrund stürzt.“ 

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