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Nachleben im Internet Digitale Grüße aus dem Jenseits

Ein virtueller Friedhof war nur der Anfang der Annäherungen an die digitale Welt: Der Tod rückt in den Fokus sozialer Netzwerke und Softwareangebote. Dahinter steckt die Philosophie, dass nur tot ist, wer nicht mehr kommuniziert.

© Edgar Schoepal Die Lupe allein hilft noch nicht beim Entschlüsseln der Botschaft: Gedenksteine mit eingraviertem QR-Code

Der Wunsch nach Anerkennung und Würdigung nach dem Tod drückt sich vielleicht nirgendwo rührender aus als in dem Altberliner Chanson „Wenn ich mal tot bin“ von Friedrich Hollaender - nämlich aus der Perspektive eines Kindes: „Wenn ick mal tot bin und im weißen Seidenkleid / In meinem Sarje liege mit Bescheidenheit / Denn fällt die Schule aus, denn jeht’s zum Kirchhof raus / Die janze Klasse kommt bei mir ins Trauerhaus / Die woll’n mir alle sehn / Wenn ick mal tot bin, ach, det wird zu scheen!“

Jan Wiele Folgen:

Ziemlich profan klingt dagegen das Werbevideo für die sogenannte „If I die-App“ - es mag auf manche wie ein Witz wirken, aber es ist ernst gemeint. „Sie können sich vielleicht nicht daran erinnern, in nächster Zeit einen Termin mit dem Tod gemacht zu haben - und Sie haben recht!“, tönt eine reißerische Stimme. Eine Animation zeigt dann jedoch, dass der Sensenmann hinter jeder Ecke stehen und zuschlagen kann. Die Konsequenz daraus: „Warten Sie nicht, bis es zu spät ist - hinterlassen Sie ihre Nachricht heute!“ Das ganze Produkt wirkt wie eine Drohung, dass ein Leben nichts wert ist, wenn es nicht auch permanente digitale Spuren hinterlässt.

Postmortales Cybermobbing

Der Tod rückt zunehmend in den Fokus sozialer Netzwerke und Softwareangebote. „Check nun verbilligt, wann Du stirbst“, wirbt ein weiterer App-Anbieter für einen „Todes-Test“, der anhand einiger Parameter zur Lebensführung eines Menschen dessen Todesdatum vorhersagt. „Haben Sie noch eine Rechnung offen? Möchten Sie noch jemandem die große Liebe gestehen?“ Mittels solcher Ansprache soll der Kunde verleitet werden, Privatestes im Fall seines Todes öffentlich zu machen, also zum Beispiel bei Facebook an die „Pinnwand“ schreiben zu lassen.

22277253 „Warum sollten wir aufhören zu kommunizieren, nur weil unsere Körper tot sind?“, fragt der Gründer von „deadsoci.al“. Die Mitgliedschaft ist für … © F.A.Z. Bilderstrecke 

Ob verbitterte Abrechnungen und intimste Bekenntnisse, die man sich im Leben nicht zu veröffentlichen traute, nach dem Tod für alle sichtbar ins Netz gestellt werden sollten, ist gleich doppelt fragwürdig: nämlich im Sinne der Würde des Verfassers wie auch aus Gründen des Schutzes der Adressaten. Es steht zu befürchten, dass dieses gewissermaßen postmortale Cybermobbing sogar noch giftiger und verheerender sein könnte als das bislang bekannte.

Andererseits verheißen die „social media“ auch neue Wege, Trauer zu bewältigen und Verstorbene in Erinnerung zu behalten. Zu den neuesten Trends gehört etwa das Eingravieren eines QR-Codes - also jenes etwa von Bahnfahrkarten bekannten verschlüsselten Schriftzeichens - auf dem Grabstein oder auf kleineren Gedenksteinen, der beim Einscannen durch ein digitales Lesegerät Informationen über den Toten preisgibt. Selbst diese digitalen Epitaphe sind zwar vielleicht nicht bis in alle Ewigkeit konserviert, aber zumindest „solange die Server rauschen“, wie der Steinmetz Andreas Rosenkranz in einem Interview über seine ungewöhnliche Erfindung mitteilt.

„Für immer gratis“

Möglichkeiten, Trauer auch im Digitalen auszuleben, gibt es schon länger, zum Beispiel auf dem virtuellen Friedhof der Seite „strassederbesten.de“. Hier kann man sich eine persönliche Gedenkstätte erstellen und sie mit Rosen oder Gedenkkerzen aus trashigen Bitmap-Grafiken schmücken, sich in Kondolenzbüchern verewigen oder in einem Trauerforum austauschen. Die Seite war jedoch nur die Übersetzung der analogen Trauerbewältigung ins Digitale, in der Betroffene anstatt oder zusätzlich zum Friedhofsgrab ein Äquivalent aus Bits und Bytes horten.

Das Motto des Online-Friedhofs, „Jedes Ende ist der Anfang von etwas Neuem“, passt jedoch eher zu der Seite „deadsoci.al“. Hier ist der Tod nur eine natürliche Kommunikationsstörung, die es zu überwinden gilt: „Warum sollten wir aufhören zu kommunizieren, nur weil unsere Körper tot sind?“, fragte sich Gründer James Norris und gibt mit seiner Seite Menschen die Möglichkeit, weiter Nachrichten und Status-Updates über die sozialen Netzwerke zu versenden - auch nach dem eigenen Ableben. „Für immer gratis“, verspricht die Seite allen, die sich hier registrieren. Man muss nur eine Person bestimmen, die „deadsoci.al“ mitteilt, wann es so weit ist, und es geht los mit den Botschaften aus dem Jenseits, die man noch zu Lebzeiten bequem vorgeschrieben hat und die sich nun versenden, sei es direkt nach dem Tod oder zu festgelegten Zeitpunkten und Geburtstagen.

Was passiert mit der eigenen Online-Identität?

Was nach dem plötzlichen Tod eines Angehörigen ausgeruhte letzte Worte im Einzelfall vielleicht noch helfen können, könnte in massenhafter Potenzierung zu einer gefühlten Zombie-Invasion in den Online-Freundeskreisen ausufern: zum Beispiel, wenn die endgültig allerletzten Worte eines verstorbenen Freundes mitsamt Musikvideo nie mehr verschwinden und so die aufgerissene Wunde nie heilen lassen. Schlimmer noch wäre eine nicht enden wollende Gossip- und Marketingschleife, wie sie Norris vorschwebt: „Wäre es nicht schön, wenn Amy Winehouse heute unveröffentlichte Aufnahmen und Geheimnisse ihrer Affäre mit Pete Doherty mit uns teilen würde?“

Wem das zu viel wird, der muss entsprechende Netz-Geister in Zukunft wohl ebenso blockieren wie nervige Facebook-Freunde. Denn tot ist nur, wer nicht mehr kommuniziert. Und deshalb wird sich in Zukunft eine Frage jeder stellen müssen: Wie soll ich mit den eigenen Profilen im Internet umgehen? Die amerikanische Regierung empfiehlt bereits seit einem halben Jahr, neben dem Testament auch einen „Social Media Will“ zu verfassen. Was passiert mit der eigenen Online-Identität? Sollen die Profile gelöscht werden oder einsehbar bleiben, und für wen? Wer auch den digitalen Nachlass nach eigenen Vorstellungen regeln will, der legt seinem letzten Willen in Zukunft eine Excel-Tabelle mit Passwörtern bei, um endlich in Frieden ruhen zu können - oder auch nicht.

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Quelle: F.A.Z.

 
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