Herr Jansons, Sie haben zu Beginn dieser Saison „Ein Überlebender aus Warschau“ von Arnold Schönberg aufgeführt. Sehr beeindruckend. War das für Sie mit einer persönlichen Aussage verbunden?
Nein. Ich nehme Musik anders wahr. Nicht persönlich. Ich habe das Stück dirigiert, weil ich es liebe und in dieser Musik eine pure Tragik erkenne. Es war mir nie wichtig, etwas zu tun, nur weil ich Halbjude, Lette, Petersburger oder sonst was bin. Das wäre mir fremd.
Wie glatt und bruchlos Ihre Karriere sich entwickelt hat! Ich finde das erstaunlich für jemanden, der, wie Sie, in der Sowjetunion aufgewachsen ist...
Da haben Sie recht!
Mussten Sie keine Kompromisse eingehen mit der Macht? Gab es nie die Notwendigkeit, zu heucheln, sich zu verstellen?
Ich kam ja nie in eine Situation wie Mstislaw Rostropowitsch oder Gidon Kremer! Aber ich bin schon oft sehr unzufrieden gewesen damals mit den Verhältnissen. Es gab viele Hindernisse. Beispielsweise durften wir nur neunzig Tage im Jahr im Ausland konzertieren, und wenn man interessante Angebote bekam, musste man darum kämpfen, musste die Obrigkeit um Erlaubnis bitten. Das war manchmal erniedrigend. Solche Schwierigkeiten hatten aber alle, mehr oder weniger. Ich gehörte nicht zu denen, die mit der Faust auf den Tisch gehauen haben.
Wie sahen diese Schwierigkeiten konkret aus?
Am schwierigsten war es für mich, als man mich 1979 einlud, als Chefdirigent nach Oslo zu gehen. Es hieß, ich dürfe nur siebzig Tage im Jahre dort sein, zehn Wochen! Irgendwann hatten sowjetische Funktionäre entschieden, dass man nicht zweimal im Jahr in das gleiche Land fahren durfte. Ich musste aber als Chefdirigent viermal im Jahr nach Oslo fahren, und ich hatte nicht mal einen Vertrag, das heißt, es war mir nicht erlaubt, ihn zu unterschreiben. Wir mussten ständig bei der Abteilung für Auswärtige Beziehungen Anträge stellen. Mal hat man dort nachgegeben, mal nicht. Neunundneunzig Prozent unserer Künstler haben so gelebt, nur ein Prozent hat dagegen angekämpft. Und ich wollte einfach nur dirigieren. Ich wurde oft eingeladen, besonders nach dem Karajan-Preis. Die Beschränkungen waren fürchterlich. Rückblickend denke ich jetzt, dass ich vergleichsweise eher wenig darunter zu leiden hatte.
Wie kam Ihr Kontakt zu Karajan zustande?
Als Karajan 1968 mit den Berliner Philharmonikern nach Leningrad kam, gab es einen Workshop, in dem zwölf junge Dirigenten ihre Künste zeigten. Ich war der Jüngste. Es hat ihm sehr gefallen, und er wollte, dass ich bei ihm studiere. Natürlich wurde ihm erklärt, dass dies nicht möglich sei. Aber mein Name wurde genannt, Gott sei Dank.
Wie war es Ihnen dann doch möglich, nach Wien zu gehen?
Es gab einen Studentenaustausch mit Österreich.
Damals? Anfang der Siebziger!?
Ja, Dirigenten gegen Ballerinen! Von uns kamen die Dirigenten, das heißt, einer von uns durfte ein Jahr zum Studium an die Wiener Akademie, und von dort kamen dann die Ballerinen zur Waganow-Choreographie-Fachschule. Als ich in Wien ankam, habe ich sofort Karajan angerufen, und er lud mich nach Salzburg ein. Als ich später beim Karajan-Wettbewerb gewonnen hatte, sollte ich, so sahen es die Statuten des Wettbewerbs vor, eigentlich ein Jahr als Assistent bei ihm arbeiten. Aber das wurde mir nicht erlaubt.
Hat Karajan versucht, Ihnen zu helfen?
Er hat einen sehr bösen Brief an unsere Kulturministerin Jekaterina Furzewa geschrieben. Aber geholfen hat das nicht.
Später wurden Sie tatsächlich Chefdirigent eines ausländischen Orchesters, mitten in der Breschnew-Zeit, gerade hatte der Afghanistan-Krieg begonnen!
Das war wirklich ungewöhnlich, fast einmalig. Sonst gab es das nur noch bei Gennadi Roshdestwenskij: Er war Chefdirigent des BBC-Orchesters geworden. Aber er war älter als ich und viel berühmter. Ich hatte doch gerade erst angefangen.
Keine Erniedrigungen mehr?
Wir mussten viel mehr „sowjetische Musik“ spielen, als wir wollten, nur, um die Erlaubnis für Auslandskonzertreisen zu bekommen. Das waren Unfreiheiten, aber keine großen. Und 1979 wurde es auf einmal verboten, mit der Ehefrau zusammen in den Westen zu reisen. Da gingen alle berühmten Künstler zur Kulturministerin Jekaterina Aleksejewna Furzewa und sagten: „Na, Jekaterina Aleksejewna, wir reisen doch schon seit so vielen Jahren mit unseren Frauen hin und her.“ Und sie sagte, „Okay, schicken Sie mir eine schriftliche Bitte.“ Dann haben sie geschrieben, dass sie ihre Frau brauchen auf der Reise, weil sie, zum Beispiel, nicht ganz gesund seien und sich jemand kümmern müsse. Man musste eben irgendeinen plausiblen Grund nennen. Rostropowitsch schrieb als Einziger: „Sehr verehrte Jekaterina Aleksejewna, weil ich ein kräftiger gesunder Mann bin, bitte ich Sie um Erlaubnis, mit meiner Frau ins Ausland fahren zu dürfen.“ (Lacht) So war das damals!
Sie haben Ihre Heimat Riga mit dreizehn Jahren verlassen müssen, als Ihr Vater von Jewgeni Mrawinski nach Leningrad eingeladen wurde. Was haben Sie da empfunden?
Ich habe sehr geweint. Ich habe Riga so geliebt, ich glaubte, das sei nun das Ende der Welt. Alle Freunde zu verlieren, die Schule zu wechseln, in eine russische Stadt zu ziehen, ohne die Sprache richtig zu kennen. Aber sie haben mich dort wie eine Blume aufgenommen und gepflegt.
Sie hätten als Musiker auch etwas anderes werden können. Aber Sie haben doch den gleichen Beruf erwählt wie Ihr Vater. Warum?
Das kam ganz von selbst. Ich bin ja in der Oper groß geworden. Den ganzen Tag war ich im Opernhaus, denn meine Mutter war Sängerin, und wir hatten keine Kinderfrau. Ich kannte alle Opern und Ballette auswendig, und in der Küche tanzte ich, dass die Töpfe und Pfannen durch die Luft flogen. Ich habe mit Bauklötzen und Knöpfen so gespielt, als ob dies ein Orchester sei, und ich habe mir in meine Notizhefte die Programme von Phantasie-Symphonieorchestern geschrieben. Meinen Vater, wenn er unterwegs war und dirigierte, habe ich am Telefon ausgefragt. Als ich neun Jahre alt war, wusste ich die Familiennamen aller 220 Orchestermusiker der beiden Besetzungen des Leningrader Philharmonischen Orchesters auswendig, obgleich ich zu dem Zeitpunkt noch nie selbst in Leningrad gewesen war. So brennend war mein Interesse! Ich war einfach völlig in diese Welt eingetaucht. Als ich sechs Jahre alt war, brachte mir mein Vater eine Geige mit. Er sagte, dass ich nun Geige spielen werde. Er war mein erster Geigenlehrer, und ich spielte gut, bis ich faul wurde.
Faul?
Ich war acht und wollte Fußballer werden. Der Cheftrainer der Fußballmannschaft „Daugawa“ wohnte in unserem Haus.
War das für Ihre musikalischen Eltern ein Unglück?
Im Hof des Hauses, in dem wir wohnten, haben wir als Kinder immer Fußball gespielt. Dort lebte auch ein Mädchen, dessen Vater war ebendieser Trainer. Wir fragten das Mädchen, ihren Vater zu bitten, ob er uns etwas beibringen könne. Das tat er, und später ging er direkt zu meinen Eltern und sagte, dass er aus mir einen guten Fußballer machen wolle. Sie antworteten: „Gott bewahre!“
Warum sind Sie nicht Geiger geworden, sondern Dirigent?
Ich wollte immer nur dirigieren! In der Schule habe ich auch im Schulorchester Geige gespielt. Das hat Spaß gemacht, aber noch lieber wollte ich Dirigent sein.
Der Dirigent verkörpert eine Machtposition. Wenn Sie dirigieren, merkt man Ihnen davon nicht viel an...
Ich spüre vor allem die enorme Verantwortung. Das ist eher eine Last. Von mir wird höchste Qualität erwartet in meiner Arbeit. Vielleicht wäre das Leben entspannter, wenn man sich ein bisschen zerstreuen könnte, aber die hohen Erwartungen erlauben nicht, sich zu entspannen. Ich versuche, mir immer wieder neue Ziele zu setzen. Das verhilft natürlich auch immer wieder zum Erfolg. Doch manchmal denke ich kritisch über dieses Jagen nach „immer neuen Zielen“ nach.
Wie wichtig ist der äußere Erfolg für das Glück eines Musikers?
Gute Frage! Ich kann nicht für alle Kollegen antworten. Aber für mich. Ich glaube, ja, Erfolg ist sehr wichtig.
Es gibt sehr gute Musiker, die es doch nie weit bringen auf der Leiter nach oben. Warum ist das so? Gibt es eine musikalische „Überproduktion“?
Vielleicht, ja, aber das ist nicht neu. Als ich studierte, haben jedes Jahr mindestens zwanzig Studenten das Dirigierexamen gemacht. Wo sind sie heute alle? Es gibt keine Gerechtigkeit in dieser Sache. Es gibt aber Glück. Und Beharrlichkeit. Man muss es einfach immer wieder versuchen.
Sie reisen viel. Haben Sie irgendwo das Gefühl, wirklich zu Hause zu sein?
Mein Zuhause ist Sankt Petersburg. Hier habe ich studiert, hier lebe ich, hier habe ich meine Partituren, meine Bücher und Aufnahmen und vor allem meine Familie und meine Freunde.
Aber Sie denken und fühlen immer noch als Lette?
Ja, als Lette und als Sankt Petersburger zugleich! Ich bin verrückt nach dieser Stadt, ich lebe meine Erinnerungen dort, an alte Zeiten. Aber diese Stadt ist auch heute wieder erschütternd schön. Ich bin nur viel zu selten zu Hause, daher erlebe ich vielleicht auch die dortigen Schwierigkeiten des Lebens nicht so stark.
Vielleicht haben Sie auch einfach ein glückliches Wesen...
Glück ist kein Zufall. Ich kam mit dreizehn aus Lettland nach Leningrad. Ich war damals ein schüchterner und komplexbeladener Junge, der, wie gesagt, sehr schlecht Russisch sprach. Aber meine neuen Mitschüler haben mich dort aufgenommen und integriert, und so konnte ich mich entfalten. Einerseits war es unglaublich schwierig in der neuen Schule, andererseits war genau das mein Glück: Denn das Ausbildungsniveau dieser Schule war hoch. Dort habe ich eine hohe Leistungsfähigkeit entwickeln müssen. Disziplin und Verantwortungsgefühl. Man versteht oft erst später im Leben, dass schwierige Situationen etwas Gutes sein können. Ich bin jedenfalls meinen phänomenalen Professoren enorm dankbar und unseren drei Giganten: der Musikschule, dem Konservatorium und der Philharmonie. Sie haben mir viel gegeben.
Das Musikleben in Leningrad war damals einmalig, kann man das so sagen?
Alte Leute sagen immer, ja, früher sei alles besser gewesen! (Lacht) Trotzdem: Es stimmt, das war eine einmalige Situation damals. Der Anspruch an Qualität war unvorstellbar hoch. Unsere Professoren, unsere Interpreten waren solche Leute wie Jewgeni Mawrinski, Mstislaw Rostropowitsch, Swjatoslaw Richter, Emil Gilels. Sie waren Vorbild.
Wie war diese Blüte möglich in einem Land mit so viel Verboten, so vielen Unfreiheiten?
Vielleicht ist es das Paradox. Wenn das Leben glatt und einfach läuft wie auf Butter, lernt man wenig. Und Verbote und Unfreiheiten spielen übrigens gar keine Rolle für einen, der Talent hat und gefordert wird. Wer ein Musiker werden möchte, der muss schuften. Was man früher mit Strenge und Disziplin erreichte, das erreicht man heute eher durch die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Das Ergebnis ist das gleiche: Hier wie dort phantastische Musiker. Ich habe mein Leben lang immer fleißig studiert und viel gearbeitet. Ja, man kann sagen, ich bin glücklich. Ich habe keine wirklich dramatischen Situationen bewältigen müssen, ich bin nie vom Schicksal bestraft worden, und nun bin ich...
... an der Spitze?
Ja, vielleicht (lacht). Und ich kann dem Herrgott nur sagen: „Vielen Dank, dass Du mich so geführt hast.“
Ein ganz normaler Musiker
Klaus Letis (odysseus_8)
- 14.01.2013, 23:42 Uhr
Prototyp eines Vorbildes
Klaus Peter Kraa (Humanist)
- 13.01.2013, 14:57 Uhr