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Kaminski erklärt Wagners „Ring“ : Dann bricht sich ein gesunder Eros Bahn

  • Aktualisiert am

Wotan und Brünnhilde, Siegmund und Sieglinde, Mime und Alberich, Drache und Drachentöter, von und mit: Stefan Kaminski Bild: Ruprecht Frieling

Stefan Kaminski hat aus Wagners „Ring des Nibelungen“ ein geniales Ein-Mann-Musik-Theater geformt. Für uns hat er seine Bühnenfassung nochmals reduziert. Wir präsentieren die vielleicht kürzeste Ring-Inszenierung zu Wagners 200. Geburtstag in vier aufeinanderfolgenden Teilen.

          Richard Wagner selbst lieferte den Beweis: Sein „Ring des Nibelungen“ ist im Idealfall ein Einpersonenstück. Dieser sechzehnstündige Opernzyklus braucht nicht viel Personal, weder Schminke noch Kostüm. Es braucht nichts weiter dazu als die totale Identifikation.

          Bei der einzigen öffentlichen Lesung des Werkes, die Wagner 1853, begleitet am Klavier von Franz Liszt, an vier Abenden in einem Saal des Hotels Baur au Lac in Zürich veranstaltete, mehrte sich wundersamerweise von Mal zu Mal das Publikum. Wagner las nämlich nicht nur, er verkörperte auch zugleich alle Rollen, wie sich der Schriftsteller Jean Les Cars erinnert: „Er rezitiert die Verse auf seine Weise, manchmal gesprochen, manchmal gesungen, stellenweise geflüstert oder lauthals vorgetragen, begleitet von weit ausholenden Gesten.“ Hans Christian Andersen kam und war begeistert, auch Johanna Spyri („Heidi“), die sich gruselte vor der magischen Wirkung der Wagnerschen Lesung, „während die mittelst Zimt blaugefärbte Flamme des Kamins sein kühnes Profil meisterhaft beleuchtete“.

          Kaminski erklärt Wagners „Ring“ (1) : Das Rheingold: Wie entlohnt man die Riesen?

          Seither hat es immer wieder halbwegs geglückte Versuche gegeben, den „Ring“ gekürzt, vereinfacht, volks- oder kindertümlich zu arrangieren, die Musik ohne Worte (Lorin Maazel) zu spielen oder auch die Worte ohne Musik (Sven Eric Bechtolf). Doch erst jetzt ist eine neue, rundum überzeugende Ein-Mann-Fassung des „Ringes“ da, die dem Original nicht nur einigermaßen gerecht wird, sondern mindestens genau so gut ist - oder besser. Sie gastierte live in im Bockenheimer Depot in Frankfurt - und es gibt dazu die DVD.

          Der aus Dresden gebürtige Schauspieler Stefan Kaminski, dessen Stimme bekannt ist als die von Kermit, dem Frosch, verkörpert alle Rollen des Werkes. Er sitzt dazu in einem öffentlichen Hörspielstudio, mitten in einem Wald aus Mikrofonen, die Füße im Kiesbett, die Hände beschäftigt mit Feuer oder Schwert, Goldschatz oder Tarnhelm. Er singt, quasi in einem Aufwasch, die drei Rheintöchter und den Nibelung gleichzeitig. Ist beides, Wotan und Fricka, beim himmlischen Göttergattenknatsch. Begeht, als Siegmund und Sieglinde, Inzest mit sich selbst. Grollt als Fafner, trompetet als Siegfried, flötet als Waldvögelein, alles aus fast nur einem Atemzug. Außerdem sorgt Kaminski in diesem speziellen Hörspiel-Theater-Format „Kaminski ON AIR“, das er 2004 für das Deutsche Theater erfand, noch für Wind und Wetter, Raum und Zeit, Geräusch und Musik.

          Aber Küssen kann man nicht alleine

          Die Musik ist freilich nicht von Wagner, obgleich sie Wagnersche Leitmotive verwendet. Sie ist von Kaminski & Friends. Ist Rock und Pop, Trickfilmschlager und Schmuseblues, alles genial geklaut und neu erfunden. Die Tuba und die Kinderhupe oder das aus Stecknadeln gebaute „Nadelklavier“ könnten jeden Helden das Fürchten lehren. Und das Freiheitslied Siegfrieds klingt so unbedingt achtundsechziger-pathetisch, als wär’s ein Lied von Rio Reiser. Zwar fasst Kaminski alle Figuren, die er verkörpert, als Karikaturen auf. Doch er kennt sie gut, er liebt sie aufrichtig.

          Nur wenige Stellen im „Ring“ gibt es, bei denen selbst geniale Alleindarsteller unbedingt zu zweit sein müssen. Wenn Siegfried das Feuer durchschreitet und auf der Felsenhöhe seine dort seit zwanzig Jahren schlafende Tante Brünnhilde vorfindet, woraufhin sich (nach Loriot) sofort ein gesunder Eros Bahn bricht, braucht sogar Kaminski ein Gegenüber zum Anschmachten. Holt sich eine Partnerin aus dem Publikum, verlässt den Mikrofonwald, verliert sich im Tanz.

          Eleonore Büning

          Stefan Kaminski ist im Mai und Juni im Bockenheimer Depot in Frankfurt zu sehen, am 25. Mai mit „Rheingold“, am 26. Mai mit “Walküre“, am 31. Mai mit „Siegfried“ und am 3. Juni mit „Götterdämmerung“, Vorstellungsbeginn ist jeweils um 21 Uhr.

          Kaminski ON AIR: Der Ring des Nibelungen nach Richard Wagner. Stefan Kaminski, Sebastian Hilken, Stefan Brandenburg, Hella von Ploetz, Natascha Zickerick. Theateredition 10137, 4 DVDs (BelAir)

          Quelle: F.A.Z.

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