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Jonas Kaufmann im Gespräch Statt zu glotzen, lese ich lieber Casanovas Memoiren

Am Freitagabend sang der Tenor Jonas Kaufmann an der New Yorker „Met“ die Titelrolle im „Parsifal“. Zeitgleich ist sein neues Wagner-Album erschienen. Ein Gespräch über den richtigen Ton.

© Lena Wunderlich Vergessen Sie doch mal, dass ich auch singen kann: Jonas Kaufmann reflektiert gern über sich und seine Zunft

Herr Kaufmann, am 2. März werden wieder mal die Kameras dabei sein, wenn Sie den Parsifal singen, auf der Bühne der Met und gleichzeitig in Hunderten von Kinos so ungefähr überall auf der Welt. Wie ist das stimmlich hinzukriegen?

Eigentlich gar nicht anders als sonst. Ich sag’ immer: Wenn man weiß, wie’s geht, dann braucht man keine Nerven zu zeigen, wenn mal ein paar mehr Leute zuhören. Ich kann ja nicht plötzlich anders singen. Es macht einfach wahnsinnig Spaß, den Sängerberuf auszuüben, und da kann man keine Unterschiede machen, ob das jetzt ein kleiner Saal ist oder eine weltweite Übertragung. Ich muss ehrlich sagen, ich war vorher relativ skeptisch, als diese ganze Geschichte anfing mit den Übertragungen, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass das Publikum in die Oper geht, um im Kino zu sitzen und Popcorn zu essen. Das ist ja doch eine andere Atmosphäre. Aber viele Kinos haben sich jetzt darauf eingestellt, und die Übertragungsqualität ist so ausnehmend gut, dass es immer mehr zum Erfolg wird.

Waren Sie selbst schon mal im Opernkino?

Ja, ja! Es funktioniert ausgezeichnet! Nur ist es halt so, ich möchte lieber selber mein Auge schweifen lassen und nicht dem Kameramann überlassen, was ich gerade gucken darf. Manchmal gehen da schon Dinge verloren. Andererseits kann ich mit einer entsprechenden Kameraregie eine Produktion total verändern, zum Negativen und Positiven. Ich glaube, es ist ein Teil des Erfolgsrezepts, dass die Met sehr gute Bildregisseure hat, die einfach tolle Aufnahmen bringen.

© Universal, Decca / Universal Hörprobe: Jonas Kaufmann singt Wagner (Ausschnitt aus „Rienzi“)

Und wie ist das mit der Stimme? Sie müssen doch für viertausend Leute in der Met singen und zugleich fürs intime Mikrophon?

Es ist ja nicht so, dass ich dann speziell fürs Mikrofon sänge. Ich verändere ja meine Stimme nicht, um eine Aufnahme zu machen. Bei uns Opernsängern gibt es keinen Unterschied zwischen Live-Auftritten und Studioaufnahmen. Viel entscheidender ist die Positionierung des Mikrofons. Kleinere Stimmen sind besser aufgehoben, wenn das Mikrofon ganz nah ist, größere Stimmen hätten es lieber weiter weg. Da gibt es immer wieder Diskussionen. Schwer fällt es mir hingegen, mich für eine Studioaufnahme zu motivieren. Da hat man niemanden, den man ansingen kann, und ich brauche immer ein bisschen Zeit, um mich in einen Part hineinzuleben und so passioniert bei der Sache zu sein wie vor einem großen Publikum.

Wenn Sie schon stimmlich nichts anders machen, muss es darstellerisch nicht ziemlich schwierig sein, die Überlebensgröße auf der Leinwand und das optische Miniaturformat im vierten und fünften Rang in der Met oder der Scala auf einen musikdramatischen Nenner zu bringen?

Ich mache auch da nichts anderes. Wenn man fühlt, was man singt, wenn Gesang und Text nicht leer sind, sondern mit echten Gefühlen verbunden, dann tragen auch die kleinen Gesten bis in die letzte Reihe. Die natürlichen Bewegungen, die automatisch aus Verzweiflung, aus Freude, aus was auch immer entspringen, werden vom menschlichen Auge noch aus großer Entfernung erkannt. Künstliche Gesten dagegen, die nicht im Herzen und in der Seele verwurzelt sind und nur mechanisch ausgeführt werden, müssen größer angelegt werden, damit sie überhaupt verstanden werden können. Davon ist man aber in den letzten Jahren und Jahrzehnten auch in einem großen Haus wie der Met abgekommen. Wenn der Ausdruck stimmt, stimmt auch die Körperhaltung.

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