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Im Gespräch: Uwe Tellkamp Warum setzen Sie „Der Turm“ fort?

 ·  Fünf Jahre nach „Der Turm“ arbeitet Uwe Tellkamp an einem neuen Roman, der das Geschehen weitererzählt. Wir treffen uns in seinem kleinen Büro, nur fünf Fußminuten von Tellkamps Wohnung auf dem Weißen Hirsch in Dresden.

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© F.A.Z. - Burkhard Neie Vergrößern Uwe Tellkamp, wie Burkhard Neie ihn sieht

Sie sind Suhrkamp-Autor. Wie sehen Sie die Querelen um den Verlag?

Nur so viel, und das habe ich auch woanders gesagt: Wenn Herr Barlach Interesse an rein kommerziell arbeitenden Verlagen hat, soll er doch selbst einen eröffnen, aber nicht ausgerechnet Suhrkamp ruinieren wollen.

Ihr Roman „Der Turm“ war der größte Verkaufserfolg von Suhrkamp in den letzten Jahren und hat gezeigt, dass auch mit anspruchsvollen Büchern viel Geld verdient werden kann. Nun sitzen Sie mitten in der Arbeit an der Fortsetzung zum „Turm“.

Ich spreche lieber von einer Fortschreibung als einer Fortsetzung. In dem neuen Buch wird ausgeweitet, was im „Turm“ begonnen wurde. Ich habe eines Tages hier im Büro gesessen und mir gesagt: Bei dem Projekt, an dem du jetzt arbeitest, wird es mehr Erzählerstimmen geben als im „Turm“. Und für das, was in der Fortschreibung zum „Turm“ geschieht, ist das Land, das die DDR war, zu klein. Mir stellte sich die Frage, ob ich den Mut haben würde, in den großen Stoff der Politik einzudringen und dort meine Perspektiven zu finden. Ich bin jetzt seit 22 Jahren Bürger dieser neuen Republik, und deshalb muss auch ich mich endlich von dieser beengenden Ossi-Wessi-Perspektive freimachen. Die ist unproduktiv. Wir sind ein Land, es gab vorher schon viele kulturelle Berührungspunkte, mittlerweile ist alles nahezu vollständig durchmischt. Wir lernen von euch, ihr lernt von uns; der Rest ist Heimat und Neugier.

Wobei Sie den Vorzug genießen, nach der Wende auch im Westen gelebt und dort einiges gesehen zu haben.

Ja, die Karlsruher Kehrwoche. Das lief ziemlich eindrucksvoll ab. Aber ernsthaft: Die Wiedervereinigung wird mir zu sehr als ostdeutsches Projekt angesehen. Natürlich sind die Leute hier auf die Straße gegangen. Aber man muss den damaligen Druck aufteilen: auf das, was die Straße bewirkt hat, was die Kirche und die Bürgerrechtler bewegt haben, was die Ausreisebewegung bewirkt hat, auf das, was das Beispiel Polens bewirkt hat. Ja, die Revolution ist ein hiesiges Phänomen, die Wiedervereinigung aber nicht mehr. Die ist mit solchen Begriffen allein nicht mehr zu fassen.

Mir scheint der Eindruck in Westdeutschland immer noch der zu sein, der schon im Moment selbst, 1989, bei den Leuten herrschte: Dieses Ereignis ist glücklich über uns gekommen, wir haben dazu selbst gar nichts oder nur sehr wenig beigetragen. Alles, was danach kam, nahm man gern mit, wir fühlten uns gut aufgehoben, alles schien unaufhaltsam auf das gute Ende zuzulaufen. Erst im Nachhinein weiß man nun, was noch alles hätte schiefgehen können. Aber eine westdeutsche Perspektive auf Wende und Wiedervereinigung war bislang gerade für Westdeutsche uninteressant, weil sie gar nicht das Gefühl hatten, dass ihre Mitwirkung nötig gewesen wäre. Geschichte wurde einem vorgemacht, Anteil daran hatte man nicht.

Dass die Wiedervereinigung hier anders bewertet wird als in Westdeutschland, ist klar, auch deshalb, weil danach ja hier die Betriebe geschlossen wurden. Es geht mir aber auch um die Hilfe, die geleistet wurde: Aufbauhilfe, die gerade mit dem Stichwort „Treuhand“ verbunden ist. Hier ist die Meinung verbreitet, dass die Treuhand eine Schurkenanstalt gewesen wäre. Sicher ist da viel Mieses passiert, aber nicht nur. Mich stört es, wenn immer nur diese Klischees kommen. Auch viele Betriebsdirektoren von hier, die früher überzeugte Kommunisten waren, haben plötzlich ihre kapitalistischen Fähigkeiten entdeckt und in einer Art und Weise Leute entlassen, die niemand im Westen für möglich gehalten hatte. Die haben ihre Raubtiervorstellungen aus irgendwelchen ML-Lehrbüchern ausgelebt. Natürlich gab es unter den Leuten, die aus dem Westen hierherkamen, auch Schurken und Gewinnler, aber sehr viele entschieden sich aus purem Idealismus dafür zu helfen.

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